© KURIER/Jeff Mangione

Reportage
03/19/2014

Casting: Es geht auch ohne Heidi

Der KURIER traf Nachwuchsmodels beim Elite-Casting und fand dabei Erstaunliches heraus

von Daniela Davidovits, Jeff Mangione, Julia Pfligl

Ich will unbedingt Psychoanalytikerin werden. Sigmund Freud ist mein großes Vorbild", sagt die 16-jährige Angela. Diese Worte kommen überraschend, fallen sie doch inmitten eines öffentlichen Model-Castings. Im Wiener Einkaufszentrum The Mall sucht die Agentur "Elite Model Look" die nächste Gisele Bündchen. Immerhin: die Brasilianerin hatte vor 11 Jahren am weltweiten Model-Contest teilgenommen und ist heute eine der Topstars in der Branche (siehe Kasten rechts).

Davon ist Angela noch weit entfernt. Ihre Freundinnen haben sie aufgefordert, am Casting teilzunehmen, "weil sie sooo schön ist!". Darin sind sich die drei Teenies einig. Sie sind mitgekommen, um ihre Schulkollegin anzufeuern. Als Angela von den Juroren in die nächste Runde gerufen wird, kreischen sie laut und fallen einander hüpfend in die Arme.

Models mit Matura

Etwa 60 Mädchen und Burschen haben sich im Einkaufszentrum versammelt. Und Angela ist mit ihrem Faible für die Psychoanalyse in guter Gesellschaft: Sabine (15), die hübsche Dunkelblonde mit den markanten Augenbrauen, möchte nach dem Gymnasium Sprachen studieren. Christoph (18), der muskulöse Hobbysportler, studiert Technische Physik. "Alle meine Models haben die Matura", sagt Roberta Manganelli stolz. Die quirlige Italienerin weiß, was ein zukünftiges Topmodel mitbringen muss. Immerhin ist sie seit mehr als 20 Jahren in der Branche. 1993 gründete sie Stella Models, die österreichische Partner-Agentur von Elite.

Bei den öffentlichen Castings sitzt Manganelli, ähnlich wie Parade-Modelmama Heidi Klum, zusammen mit Fotografen und Designern hinter einem Jury-Tisch und begutachtet die auf sie zulaufenden Jugendlichen. Etwa zehn Möchtegern-Models stellen sich in einem Durchgang der Jury. Ob jemand Potenzial hat, erkennt Manganelli sofort. "Je natürlicher, desto besser", antwortet sie auf die Frage, wie die Nachwuchs-Bündchens auftreten sollen. "Wenig Make-up, zusammengebundene Haare, hohe Schuhe." Die Burschen sollten trainiert, aber keinesfalls zu breit sein. Auch "tolle Haare" seien gefragt.

EPAepa01418608 German fashion designer Karl Lagerfeld (L) is flanked by German top model Claudia Schiffer (R) while holding the Mercedes Platinum award he received during the Elle Fashion Star award ceremony as part of the Mercedes-Benz Fashionweek in Ber

Brazilian model Gisele Bundchen presents a creatio

Cindy Crawford

German model Tatjana Patitz presents the new catal

dapdActress Diane Kruger arrives on the red carpet for the premiere of the movie The Ides of March, which opens the 68th edition of the Venice Film Festival in Venice, Italy, Wednesday, Aug. 31, 2011. (Foto:Andrew Medechini/AP/dapd)

Barbara Meier, Jenny (Jennifer) Hof, Lena Gercke

Die Jury: (v.l.) Bruce Darnell, Guido Maria Kretsc…

Die bisherigen Siegerinnen mit Moderatorin Lena Gercke

Larissa Marolt…

Nie in Unterwäsche

Auf eines aber achtet die 49-Jährige besonders: Die Models von morgen müssen "formbar" sein – und somit möglichst jung. Ab 14 Jahren dürfen sich Mädchen auf dem Catwalk präsentieren, Burschen ab 17 Jahren. "Zu viele Tattoos oder Piercings oder gefärbte Haare sind uninteressant. Da kann ich nichts mehr daraus machen."

Ein guter Draht zu den Eltern ist Manganelli, die selbst einen Sohn hat, wichtig. In den Casting-Pausen spricht sie immer wieder Mütter und Väter an. "Auch mit den Schulen stehen wir in Kontakt." Ob sie 14-jährige Mädchen in Unterwäsche fotografieren würde? "Niemals!"

Einer von vielen Unterschieden zu Castingshows à la "Germany’s next Topmodel", wo Model-Dompteurin Heidi Klum 16-Jährige halb nackt vor die Linse zitiert. Auch die 15-jährige Sabine weiß, warum sie hier und nicht in der TV-Show ihr Glück versucht: "Da wird man ständig von Kameras beobachtet. Das finde ich blöd." Verurteilen möchte Jury-Chefin Manganelli die Formate aber nicht. "Man muss halt wissen, was man will. Diese Shows bringen eher Moderatorinnen als Models hervor."

Extravagante Charaktere wie "Austria’s next Topmodel"-Siegerin Larissa Marolt fallen bei diesem Casting nicht auf. Die Jugendlichen sind ruhig und konzentriert, manche fast scheu. So wie die 16-jährige Mathilda. Ihre Mutter ist froh, dass sie mitmacht, denn "sie ist eh viel zu schüchtern". Mathilda lächelt. Gleich muss sie auf den Laufsteg – anders als die meisten ihrer Kontrahentinnen trägt sie flache Stiefel statt hoher Absätze. Doch Manganelli scheint das nicht zu stören. Sie schickt Mathilda in die nächste Runde. Vielleicht freut sie sich darauf, aus einem schüchternen Teenager ein Topmodel zu formen.

Casting-Termin Innsbruck: 21. 3. ab 14 Uhr im Sillpark, Klagenfurt: 27. 3. ab 14 Uhr in den City Arkaden. Mädchen ab 14 Jahren und 172 cm, Burschen ab 17 Jahren und 185 cm. Registrierung unter www.elitemodellook.com/austria

Von Innsbruck in die Modewelt

Die Matura steht ihr noch bevor, aber das Ticket in die weite Welt hat Viktoria Machajdik bereits in der Tasche. Als österreichische Vorjahressiegerin beim Elite Look Model Wettbewerb hat sie einen Vertrag bei der Innsbrucker Agentur Stella Models und einen bei Elite Models in Mailand. "Als ich angetreten bin, habe ich mir nicht überlegt, ob ich weiterkomme. Aber beim internationalen Finale in China wollte ich sehr gerne unter die besten 15 kommen", erzählt die 17-jährige Tirolerin. Was ihr auch gelang. Der Konkurrenzdruck unter den Mädchen war spürbar, erinnert sie sich: "Manche wollten unbedingt gewinnen und haben dann total geweint. Aber es ist nicht so übertrieben wie in den Fernseh-Castingshows".

Seither war sie in London und Mailand bei Probe-Shootings und Castings. "Inzwischen kann ich mir vorstellen, hauptberuflich Model zu werden. Vielleicht möchte ich aber nebenbei studieren", überlegt sie.

Körpersprache

Schon jetzt hat sie sich verändert: "Ich habe bei den Shootings viele Tipps für mein Auftreten bekommen. Einiges versuche ich auch im Alltag umzusetzen: Ich halte die Hände nicht immer vor dem Körper verschränkt, das strahlt Unsicherheit aus. Ich bin etwas selbstbewusster geworden", stellt sie fest.

Ihre Freunde finden es "voll cool", dass Viktoria das macht. Sie wird sie in Zukunft weniger sehen: "Ich weiß schon jetzt, dass man als Model viel alleine ist."

Naomi Campbell setzt sich für mehr Vielfalt am Catwalk ein

Bei fast jeder Fashion Week hagelt es Kritik an der Modebranche wegen der Auswahl der Models. Zu jung, zu dünn, zu weiß, lauten die Vorwürfe. Ihrem Ärger machten die schwarzen Supermodels Naomi Campbell und Iman in einem Brief an die Fashion-Week-Verantwortlichen Luft. Sie beschwerten sich über die mangelnde Präsenz dunkelhäutiger Models auf den Laufstegen. "Ich arbeite seit 27 Jahren in der Modebranche und es ist nichts besser geworden. Schockierend", sagte Campbell dem britischen Guardian. Die ModewebsiteJezebelanalysierte 148 Shows bei der New York Fashion Week. Ergebnis: Nur 985 Modelle von 4621 Looks wurden von farbigen Models vorgeführt, im Umkehrschluss: knapp 80 Prozent der Models waren Weiße.

Im Guardian stellt die Ex-Modechefin von Elle, Debbi Mason, allerdings einen aktuellen Trend zu dunkelhäutigen Models hin fest. Es gebe sogar eine Bezeichnung für sie in der Szene: GBCs, Groovy Black Chicks, coole schwarze Mädchen. Sie selbst glaubt aber, dass das nur ein kurzlebiger Trend sei und keine nachhaltige Veränderung. Naomi Campbell erstellte eine Bewertung der Designer: Donna Karan und Victoria Beckham ließen im Vorjahr in New York kaum schwarze Models auf ihren Laufsteg. Gelobt wurden hingegen Diane von Fürstenberg, Desigual, Zac Posen und Anna Sui.

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