Style
09.03.2012

Bio-Mode: Alge ist das neue Kaschmir

Kleidung aus Algenfasern soll nicht nur innovativ und nachhaltig sein. Sondern auch auf den Körper positiv wirken.

Vorweg: Nur nach dem Waschen riecht ein Kleidungsstück aus Algenfasern ein bisschen nach Meer. Im trockenen Zustand ist es auch punkto Geruch mit Baumwolle vergleichbar. Christine Zillich stellt  Algen-Mode   her und erklärt: "Die Naturfaser hat tatsächlich einen leichten, angenehmen Meeresgeruch. Gefärbte Fasern haben gar keinen mehr. Auch nass nicht."

Die Herbst/Winter 2012/’13 des Labels "twosquaremeter" besteht zu 100 Prozent aus Algen. Die Marke setzt ebenso auf  nachhaltige Mode wie die Kollektionsdesignerin Zillich. Neben dem Rohstoff wird auch bei der Produktion und Färbung auf biologisch unbedenkliche Mittel geachtet. Ursprünglich arbeitete Zillich vor allem mit Milchproteinfasern.

"Beide Stoffe sind toll, aber die Alge kann viel mehr." Sie sei so weich wie Kaschmir, nur besser für die Waschmaschine geeignet. Zillich: "Der Stoff aus Alge hat eine ganz eigene Charakteristik. Er ist leicht glänzend, erinnert im ersten Moment an Baumwolle."  Beim Tragen merke man den Unterschied: "Der Stoff fühlt sich anders an, er verbindet sich mit der Haut. Erst wirkt er kühl, dann nimmt er die Hauttemperatur an."

Medizinische Wirkung

Laut Zillich hat die Kleidung, die aus dem Meer kommt, aber auch gesundheitlichen Nutzen. Auf der Website  des Labels(www.twosquaremeter.com) ist zu lesen, dass der Stoff "nachweislich entzündungshemmend auf die Haut wirkt". Regenerierend wirkendes Kalzium, Magnesium und Vitamin E werden beim Tragen an die Haut abgegeben. Zillich: "Auch wenn ich den Ausdruck nicht mag, ist es im Grunde ein ‚Anti Aging‘-Material. Durch Wärme und Feuchtigkeit des Körpers werden die Wirkstoffe ausgelöst." Das unterstütze sogar Heilungsprozesse bei Hautproblemen wie Neurodermitis. Die Funktion bleibe trotzdem lange erhalten, weil die Fasern nicht Algen-beschichtet seien, sondern aus ihnen bestehen.

Univ.-Prof. Andreas Steiner, Vorstand der Dermatologie im Krankenhaus Hietzing, ist skeptisch: "Die Haut hat eine Barrierefunktion, Vitamine und Mineralstoffe werden nur minimal aufgenommen, sogar bei Cremen. Außerdem sollten Menschen, die zu Allergien neigen, bei allen Naturfasern aufpassen."

Nachhaltigkeit

Zillich selbst betont die gute Verträglichkeit für Allergiker. Ihr Hauptmotiv ist allerdings, den Bio-Trend in der Mode umzusetzen: "Wenn ich sehe, wie viele Chemikalien die High-Class-Fashion einsetzt, wird mir übel." Twosquaremeter kauft die Algenflocken, überwacht das Spinnen und Färben selbst. Die Schnitte und Muster sollen "nicht nach Öko aussehen. Solche Materialen sollten überall in der Mode selbstverständlich werden." Wegen der aufwendigen Produktion hat die neue Normalität ihren Preis: Die Stücke kosten 80 bis 600 Euro, einzelne Teile (handgestrickt, 8-fädig) bis zu 1000 Euro.

Braunalge: Wie daraus ein Stoff wird

Herstellung: Die Braunalge (im konkreten Fall: Knotentang; Ascophyllum nodosumaus) kommt in kalten Meeres-Gewässern vor. Die Alge für Twosquaremeter wird nur in Island geerntet, da das Wasser dort sehr rein und vulkanisch angereichert ist. Sie wird klein geschnitten, mithilfe von Vulkandämpfen getrocknet, zu Mehl gerieben und als Brei angesetzt. Der haftet an Trägerfäden aus Zellulose an.