Style
14.01.2012

Ballsaison: Drag-Queen trifft auf Benimmpapst

Männer in Abendrobe? Für Miss Candy alias Holger Thor kein Problem. Und für Tanzschulchef Schäfer-Elmayer?

Holger Thor ist als Miss Candy die bekannteste Drag-Queen Österreichs. Seit 21 Jahren veranstaltet er/sie den ausgefallenen Rosenball im Palais Auersperg. Mit Thomas Schäfer-Elmayer spricht Thor über den Zauber von Bällen und Männern in Abendkleidern.

KURIER: Auch heuer werden wieder allein auf 450 Wiener Bällen 475.000 Menschen tanzen. Wieso bloß?
Thomas Schäfer-Elmayer: Die hiesige Ballkultur ist einzigartig. In keinem anderen Land gibt es Bälle in solch einer Pracht. Und das Schöne ist: Unsere Bälle sind nicht museal, sie sind lebendig.
Holger Thor: Völlig korrekt. Nehmen Sie den Rosenball: Wir haben vor 21 Jahren als Underground-Ball im U4 begonnen und heute findet der Ball im barocken Palais Auersperg statt. Hier, wo man den Hauch der Geschichte förmlich riechen kann, trifft nun Tradition auf Moderne.

Der Rosenball wird gerne als Gegenveranstaltung zum Opernball beschrieben ...
Thor: Zu Unrecht. Er ist mehr Hommage und Persiflage der österreichischen Ballkultur, die wir lieben. Wir spielen mit Traditionen und Konventionen. Natürlich gibt es auch bei uns eine Polonaise, die Ansage "Alles Walzer" und beeindruckende Abendkleider. Der einzige Unterschied ist: Hier kann nicht nur jede, sondern auch jeder ein Kleid tragen.
Elmayer: Wie sieht die Polonaise aus? Das interessiert mich .
Thor: Unsere Formation heißt Schu Schu, bei der Burschen und Mädels, Schwule und Heteros, zu klassischer Musik den Auftakt bestreiten.

Wie viele Bälle besuchen Sie im Jahr?
Elmayer: In Summe zirka 20 – all jene, die ich eröffne.
Thor: Bei mir sind’s drei. Ich bin am Life-, am Regenbogen- und am Rosenball.

Herr Elmayer, würden Sie auch den Rosenball eröffnen?
Thor: (während Elmayer noch überlegt) Es wäre mir eine Ehre, als Miss Candy den Ball mit Ihnen gemeinsam zu eröffnen.

Haben Sie am 16. Februar schon was vor?
Elmayer: Leider ja, aber nächstes Jahr können wir reden.

Der Rosenball ist ein Clubbing und nimmt die Ballkultur aufs Korn. Ist er aber nicht selbst längst Mainstream?
Thor: Wir haben noch immer einen politischen Hintergrund. Das Schöne am Rosenball ist ja die einzigartige Publikumsmischung. Der Generaldirektor tanzt neben der Prostituierten, die Museumsdirektorin neben der Drag-Queen. Es geht darum, Vorurteile abzubauen, Berührungsängste zu verlieren. Und das gelingt uns.

Herr Elmayer, Sie haben sich mit der Etikette homosexueller Paare beschäftigt. Was geht? Was geht gar nicht?
Elmayer: Jeder Ball hat seine Etikette. Immerhin entscheidet die Kleidung, die getragen wird, ja fundamental über die Stimmung. Bodypaintings und Fantasiekostüme sorgen für eine andere Atmosphäre als Frack und Ballkleid. Letztlich heißt Etikette aber nicht viel mehr als einzusehen, dass man unter gewissen Regeln aufeinander Rücksicht nehmen soll.
Thor: Stimmt. Etikette mag da und dort anders aussehen, das Ziel bleibt aber immer das gleiche: der respektvolle Umgang miteinander. Egal, ob am Opern- oder am Rosenball, und egal, um welche Rasse oder um welche Sexualität es geht. So lautet die Botschaft unseres Balls.
Elmayer: Ja, warum nicht auch ein Handkuss am Rosenball?
Thor: Wenn Sie wüssten, wie viel Handküsse hier fliegen. Ich kann mich kaum retten!

Was würden Sie am Rosenball tragen?
Elmayer: Frack!
Thor: Auch Frack oder eben die große Abendrobe (lacht) .

Thor: Als Frau streut er Rosen

Immer seltener schlüpft Partyveranstalter Holger Thor in die Rolle seines Alter Egos Miss Candy (Bild Mitte). Thor gilt als bekannteste Drag-Queen des Landes. Seit 21 Jahren organisiert der Wiener den Rosenball, der traditionell am selben Abend wie der Opernball stattfindet (16. 2.). "Die Verwandlung in Miss Candy dauert drei Stunden", erklärt er.

Gesellschaftliche Ziele: Doch wieso nimmt Thor stundenlanges Schminken und Stylen in Kauf? Es geht ihm nicht nur um bloße Provokation, er möchte Geschlechterrollen hinterfragen. So auch am Rosenball, wo neben Walzer vor allem House-Musik zu hören ist. Der Ball hat seine Wurzeln, ebenso wie der Life Ball, in der Schwulenszene.

Elmayer: Walzer in der Endlosschleife

Kaum jemand wird mit diesen Worten eher in Verbindung gebracht als Thomas Schäfer-Elmayer. Bis zum Jahr 2009 eröffnete er mit diesen Worten den Opernball. Und der Tanzschulchef ist auch heuer wieder für die Eröffnungspolonaise auf 20 Bällen verantwortlich. Der Vater zweier Kinder ist zudem Organisator des Elmayer-Kränzchens.

Unangepasst:
Wiens konservatives Establishment ist von Elmayers Ausflügen zum Life Ball und auf den ORF -Küniglberg (Dancing Stars) mäßig begeistert. Dass er sich an gleichgeschlechtlichen Tanzpaaren nicht stößt, wollten ihm manche nicht verzeihen. Er setze das Erbe seines Großvaters (Gründer der Tanzschule) aufs Spiel. "Mir fehlt vielleicht das Elitäre", sagte er dazu in einem KURIER-Interview trocken.

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