Style
19.08.2017

Warum Leinen so ein toller Stoff ist

Eine Fahrt ins Blaue, nach Haslach ins Mühlviertel. Wo der Lein wogt – und eine Glocke aus wohltuenden ätherischen Duftstoffein der Luft hängt. Von der Ernte bis zur Verarbeitung, von Menschen und einem besonderen Stoff – alles made in Austria. MANFRED HORVATH war dort.

Rasant ziehende Schäfchenwolken und Azur am Himmel – Stefan Fölser liegt gerne in seinem eigenen Feld und zwinkert mit einem Auge vorbei an der Krempe seines schlappen Hutes. Der Lein wogt mit dem heißen Wind. An einigen Stellen gibt es verquirlte Fasern und niedergedrückte Parzellen, gerade so als hätten sich die Ruhestätten Fölsers der letzen Tage abgezeichnet. Die Farben der Leinblüten decken sich in einer freundlichen Schattierung von Blau mit dem Firmament. Fölser kaut an einem Halm und lacht. Entschleunigung, gebremst mit dem Rücken auf der warmen Erde. Ein Sommertag ist nur ein Sommertag, wenn er in seinem Leinfeld-Bett liegt und Löcher in die Luft schaut.

Die Samenkapseln von einem Bündel Flachs ("Riaster") werden auf der Riffel abgeschlagen

Fölser trägt Hosen und Hemd aus Leinen. Weil er sich gerne wohl fühlt. Bei diesen Temperaturen übertrifft das Gewebe alle anderen Textilien an Tragekomfort. Leinen kühlt. Da kommt keine Seide mit, und Baumwolle, Hanf und Schafwolle schon gar nicht. Kunstfasern würden bei den heutigen 35 Grad unangenehm an uns klatschen. Weil Fölser die Tradition des Mühlviertels als Region des Flachsanbaus schätzt, und weil er ein Querdenker ist, und obendrein noch erfinderisch, hat er seine eigene Jeans-Manufaktur vor ein paar Jahren gegründet. Seine Hosen werden zur Hälfte aus ökologischer Mühlviertler Leinenproduktion und zu gleichen Teilen aus Baumwolle hergestellt. Genäht wird in der Region. Alle Produktions- und Veredelungsschritte – bis auf das Garnspinnen – werden im Mühlviertel durchgeführt. Fölser schätzt den Flachs, weil er so vielseitig ist – und erklärt die beiden Begriffe Flachs und Leinen : „Leinen ist die aus Flachs gewonnene Flachsfaser, also ist es eh das selbe.“

In der Leinenweberei werden die Fasern gekämmt
Alles am Lein kann verarbeitet werden. Die Fasern zu Stoff. Die Samen zu Öl, das man als hochwertiges Nahrungsmittel essen kann. Sogar der Presskuchen wird ans Vieh verfüttert. Am Anteil an Omega-3-Fettsäure kommt da kein anderes Nahrungsmittel heran. Wenn man das Leinöl lange stehen lässt, kann man es pinseln. Es imprägniert Holz und schützt Metall vor Rost. Das haben schon die Ritter im Mittelalter gewusst, als sie die Rüstungen damit pflegten. Leinölfarben härten so langsam aus, dass Rembrandts Bilder an manchen Stellen, wo der Meister besonders dick gespachtelt hat, nach hunderten Jahren noch immer nicht ganz durchgetrocknet sind.

Leinöl als Fensterkitt

Man kann Leinöl aber nicht nur mit Farbpigmenten mischen, sondern etwa auch mit Lehm. Das ergibt dann die altbewährte Masse, die das Glas in Rahmen hält: den Fensterkitt. Häckselt man die ungefähr ein Meter langen Fasern in Querrichtung, wird aus dem Flachs ein wunderbares Dämmaterial, das ebensogut isoliert wie Steinwolle. Mit Flachs-Werg und Teer wurden Holzschiffe abgedichtet. Die der Natur abgerungenen Fasern sind ungemein reißfest und extrem stabil. Gegenüber Glasfasern sind sie viel leichter. Gemischt mit Polymeren ergeben sie Helme und verschleißfeste Sportgeräte.

Leinen-Dirndl: Ingolde Fuchs trägt jeden Tag ein anderes
Fölser zeigt, wie man zu seiner persönlichen Mühlviertler Jeans kommt. Bei einer seiner Stör-Näherinnen, der Melitta aus Haslach an der Mühl, die neben der Landwirtschaft eine kleine Schneidermanufaktur betreibt, sind in den Holzstellagen die verschiedenen Stoffe als Ballen gestapelt. Man kann aus neun verschiedenen Denim-Typen wählen. Auf Wunsch bekommt man die Musterfleckerln zum Greifen nach Hause geschickt. Ist das Leinentextil haptisch festgelegt, nimmt man seine Lieblingsjeans, entbehrt sie für einige Zeit und bekommt dann eine wunderbar handgenähte zurück. Mit Mühlviertler Faser gefertigt und weichem Wasser aus der Region im „Ausrüstungsschritt gekrumpft“. Als wir uns aufmachen zur nächsten, folgerichtigen Station, dem „Textilen Zentrum Haslach“, spannt Melitta gerade ein neues blaues Garn in ihre Singer und fertigt Gürtelschlaufen.

Ein Kunstprojekt namens "Bleichzeit"

Wir betreten das Webereimuseum über die alte Bleicherwiese. Zwei Dutzend Stoffbahnen aus naturfärbigem Leinen liegen gerade am abschüssigen Hang in bester Südlage. Die Sonne tut ihr Werk, belichtet die exponierten Kleidungsstücke. „Wäre diese Leiten unterhalb der Böhmischen Masse, würde man wohl Wein anpflanzen“, meint Fölser und schlendert durch die engen Gehwege zwischen den Stoffbahnen. „Bleichzeit“ heißt dieses Kunstprojekt. Es ist eine Idee des Mühlviertler Künstlers Joachim Eckl.

Ein textiles Lichtbild

Menschen der Umgebung wurden eingeladen, persönliche Kleidungsstücke auf die Leinenbahnen abzulegen. Mit Gaffer-Tape sind die Utensilien festgeklebt, damit der Wind sie nicht verweht: Skatershorts, Dreiviertel-Leggings, Bikinis, BHs, Unterhosen, Schlapfen, Wintersocken ... So entsteht nach 21 Tagen, wenn die Pickbänder abgezogen und die Kleidungsstücke abgenommen werden, ein textiles Lichtbild mit den Silhouetten der Artefakte, die das Leinen vor der Sonne geschützt haben. Die Bahnen werden anschließend im Ausstellungsraum ausgestellt. In Erinnerung an die Jahrhunderte hindurch praktizierte Rasenbleiche.

Wunderschöne blaue Blüte: Üppiges Leinfeld

„Die Grundlage für die Leinenweberei war der Anbau von Flachs. Er gedeiht auf dem ansonsten wenig ertragreichen Granitboden des Mühlviertels hervorragend. Das viele weiche und kalkarme Wasser der Gegend bot die idealen Voraussetzungen für das Weiß-Bleichen der Stoffe. Aufgrund dieser geografischen Gegebenheiten begannen die Mühlviertler Bauern schon im 13. Jahrhundert, Flachs zu kultivieren und in den Wintermonaten in Heimarbeit von Hand zu verspinnen und anschließend die Stoffe zu verweben“, erzählt Christina Leitner vom Textilen Zentrum Haslach. Es ist die ehemalige Weberei Vonwiller aus der Zeit der Industrierevolution mit gigantischen Ausmaßen. Das Gebäude klebt im Hang und wird von der Mühl umspült.

Der Webstuhl ging auf Wanderschaft

Früher hat der Fluss die Mühlräder und über Transmissionsriemen die Webmaschinen angetrieben. Vom zerlegbaren Handwebstuhl für die Störweberei, der von einem Bauernhof zum nächsten transportiert wurde, um dort zu arbeiten, bis zum Vorläufer des Computers, dem Jacquard-Webautomaten für das Weben von Mustern gibt es hier viel zu sehen. Es gibt Besucher im Museum. Ihnen zeigt Frau Leitner die Glanzlichter der Ausstellung. Die Frottierwebmaschine. Der Weg des Flachses. Die Röste auf dem Feld mit dem richtigen Verhältnis von Taufeuchte und Wärme. Sie erzählt von der Zeit der Blüte im Juli und August. Das Ernten durch Herausreißen der Wurzel, das man „Raufen“ nennt.

Brecheln, riffeln, kämmen, spinnen

Die mühevolle Verarbeitung führt sie mit den Bearbeitungsgeräten anschaulich vor: das Brecheln, Riffeln, Kämmen, Spinnen. Sie nimmt einen Bund Flachs und fährt mit dem Handgriff auf ihn ein, um zu zeigen, wie die Fasern sich voneinander trennen und feines Haar zum Vorschein kommt – so, als hätte man Engel gebeten, ihre Zöpfe zu spenden. Leinen war das erste Gewebe überhaupt, aus dem Menschen sich Kleidung anfertigten. Die alten Ägypter bauten Flachs im Altertum als Kulturpflanze. Leinengewänder galten als Zeichen der göttlichen Reinheit. Priester und Pharaonen hüllten sich darin. Leinen blieb über Jahrtausende neben Wolle das wichtigste Kleidungsmaterial. Im Mittelalter wurden die Fugger und andere Handelsfamilien mit der Leinenherstellung sehr reich. Mit dem Auftauchen der Baumwolle verlor das edle Leinen an Bedeutung.

Konkurrenz Baumwolle

Der neue Stoff war günstiger und leichter zu handhaben. Künstlich hergestellte Synthetika wie Nylon oder Polyester kamen hinzu. „Das Leinen ist bockig“, sagt Fölser zu Frau Leitner. Ja, da habe er recht, entgegnet sie. Aber wenn sie einen lichtdichten Vorhang für das Schlafzimmer will, sei ihr der heimische Stoff viel lieber als eine leblose Polyurethan-Lösung. Außerdem, ist das Sperrige, Klobige und Steife nicht auch im Zeitgeist? Beim Modelabel Céline gibt es in diesem Sommer schlammfarbene Kleider, die sehen aus, als würde die Trägerin mit ihren ausgebeulten Ärmeln gerade vom Judo-Training heimkommen.

Auf das Stichwort vom Sportbetreiben wird Fölser durstig. Er wischt sich schon jetzt über seinen weit ausladenden Schnauzer, in Vorfreude auf den Bierschaum, den er wohl imaginiert. „Geh ma wos essen, es is Mittog“, stößt er murrend und hungergrantig hervor. Nein, vorher will Frau Leitner noch zur Stahlmühle vis-à-vis von ihrem Museum, wo das Leinöl kaltgepresst wird: „Sonst sperrn s’ ma zu!“ Der Leinöl-Müllner, Herr Ingenieur Koblmiller lässt uns einen Blick in seinen gediegenen Speiseraum werfen, mit dem grünen gesetzten Ofen aus Gmundner Keramik.

Leinöl-Erdäpfel mit Salat

Unter dem Herrgottswinkel auf dem blanken Holztisch ist das Reich der lokalen Hausmannskost, wo man mindestens einmal die Woche Leinöl-Erdäpfel mit Häuptelsalat inhaliert. Über dem Ofen schwebt ein Holzstab zum Trocknen der Geschirrtücher. Darauf hängt – das Hangerl. Es ist nicht wegzudenken aus der österreichischen Küche. Und nicht nur kariert, sondern in bester Qualität aus Leinen gewoben. Gefertigt im Textilen Zentrum Haslach, einen Katzensprung von der Ölmühle entfernt. Der Schussfaden ist blau, genau die gleiche Farbe wie Blüte und Azur. „Am besten saugt es, wenn man es gleich einweicht, nach dem kaufen“, sagt Frau Leitner.