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06.01.2013

Wolf Biermann: "Diese gute Ruhe in der Liebe"

Der Liedermacher über Frauen, zehn Kinder und den kleinen Finger, der bereits im Himmel ist

Kalt und feucht ist die Winterluft in Hamburg. Gemütlich dagegen das Backsteinhaus des Liedermachers im Bezirk Altona. Wolf Biermann wartet schon am Eingang. Flöckchen, der kleine Hund der Familie schwänzelt ums Herrl, Nesthäkchen Mollie schmiegt sich an ihren Vater. Sie ist mit zwölf Jahren die jüngste der zehn Biermannschen Kinder, die er mit vier Frauen hat. In Pamela, der Mutter dreier Kinder und Literatur-Konzert-Agentin, fand er vor 29 Jahren seinen Ruhepol. Seit einem Jahr steht die 49-Jährige mit ihm gemeinsam auf der Bühne.

Erzähler

Als Interviewer ist man nur Stichwortgeber. Der Lyriker ist der Erzähler. Humorvoll und wortgewaltig zieht er den Zuhörer mit den wahren Geschichten seines Lebens in den Bann. Mit bewusst gesetzten Pausen erhöht er die Spannung.

Nein, provozieren wollte der einst glühende Anhänger der Kommunisten, die er heute Verbrecher nennt, nie. „Wenn man in die Welt geht, um zu provozieren, erreicht man wenig. Das gelingt im politischen, großen Zusammenhang eigentlich nur, wenn man’s gar nicht wollte“, sagt der 1936 in Hamburg geborene Sohn eines kommunistischen, jüdischen Hafenarbeiters. „Ich habe versucht, schöne Gedichte und Lieder zu schreiben. Und dann passiert es automatisch, dass man sich in den Streit der Welt einmischt.“

Obwohl Dagobert Biermann 1943 in Auschwitz ermordet wurde, war es der Vater, der ihn prägte. „Denn meine Mutter hat ihn mir mit großer List und Liebe nahegebracht. Jeden Tag lag in meinem Leiterwägelchen auf dem Flur ein sogenannter Nusspips, ein Keks oder Bonbon, angeblich von meinem Vater. Ich aß diese fromme Lüge meiner Mutter so wie Christen den Leib Jesu“, sagt der Poet, der 1953 als überzeugter Kommunist in die DDR übersiedelte und 1976 als radikalster Kritiker der Parteidiktatur ausgebürgert wurde.„Wir waren alle kleine Dummficks, die stolz darauf waren, dass sie mit so vielen Weibern im Bett waren.“Nach der Ausbürgerung kaufte er sofort das Haus, in dem er heute noch wohnt. „Aus Geiz, weil die schmissen mir meine Weiber hinterher. Meine damalige Ehefrau Tine Barg, meine Freundin Eva-Maria und ihre verrückte Tochter Nina Hagen und Sibylle Havemann, mit der ich ja auch zwei Kinder habe. Und ich dachte, ehe ich vier Wohnungen miete – denn die hatten ja alle keinen Pfennig auf der Naht – dann ist es vernünftiger, ein Haus zu kaufen.“ Zum Glück sei er so blöde gewesen, „dass meine Fantasie nicht ausreichte, mir vorzustellen, dass das ja gar nicht geht, so unter einem Dach zu wohnen.“Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. „Was die Herrschenden in zwölf Jahren Verbot nicht geschafft haben, den Biermann fertigzumachen, das schaffen jetzt die vier Weiber“, konnte er in den Zeitungen lesen. Er nimmt es mit Humor, ist stolz auf seine Kinder, „die alle sehr miteinander verbunden sind“ und zeigt lachend auf ein Fenster im Giebel. „Das heißt Cosma-Zimmer, weil dort die Tochter von Nina Hagen – ne Knalltüte der Weltgeschichte – wohnte.“

Als Biermann als einer der Ersten nach dem Mauerfall seine Stasi-Akte (mindestens 50.000 Seiten) las, „fand ich in diesem totalitären Misthaufen ein interessantes Dokument. Das war ein Maßnahmenplan zur ,Zersetzung‘ meiner Person. Um mich fertigmachen zu können, waren die privatesten Nichtigkeiten interessant.“ Darüber, dass man Gedichte in seinem Stil schreiben und verbreiten ließ, „die so idiotisch sind, dass die Leute sagen, jetzt ist er durchgedreht, konnte ich mich noch schieflachen. “

Aber dann kam ein Punkt, bei dem ihm das Lachen verging. Da stand: „Zerstörung aller Freundschafts- und aller Liebesbeziehungen, damit er isoliert ist.“ Die Details aus den Akten schreckten ihn nicht nur, sondern beschämten und ärgerten ihn. „Weil ich natürlich, wie andere Leute in meiner Zeit auch, stark beeinflusst von der neuen Moral der 68er-Zeit war. Wir waren alle kleine Dummficks, die stolz darauf waren, dass sie mit so vielen Weibern im Bett waren.“ Die Ironie der Situation: „Jetzt, wo ich sie nicht mehr so brauche, habe ich diese Stabilität. Vorher kam ich ja nicht zu dieser guten Ruhe in der Liebe.“

Glaube

Von seiner Mutter wurde er gegen die Religion erzogen. Er lernte früh, dass „Religion Opium fürs Volk ist“. In der DDR kam er in ein Land, in dem Christen verfolgt wurden. „Also lernte ich, dass mein Hochmut gegenüber dem christlichen Glauben vollkommen unsinnig ist. Dass es wichtig ist, wie sich ein Mensch zu den Menschen verhält, und wenn der Glaube ihm dazu verhilft, dann werde ich den Teufel tun, ihn davon abzubringen“, sagt der Freund des tschechischen Außenministers Karl Schwarzenberg auf dem Weg in den Garten.

Dort zeigt er den Besuchern den Apfelbaum, der ihm zum Verhängnis wurde. Als er vor fünf Jahren seiner Frau einen Apfel pflücken wollte, rutschte er ab und schlug sich an einer Steinbank den kleinen, rechten Finger ab – er musste amputiert werden. „Da hab ich wieder Glück im Unglück gehabt. Das ist der einzige Finger, den ich zum Gitarrespielen nicht brauche.“ Wäre es der linke gewesen, würde er jetzt weinen und in der Ecke sitzen. „Da hab’ ich jetzt den kleinen Finger da oben auf der Wolke stehen, der auf den Rest von mir wartet.“

Sonntagsfragen

Meine Unschuld verlor ich nie.

Alt werden ist ein Privileg für ein Judenkind.

Pamela ist für mich und ich bin für sie.

Der schönste Satz aus meinem Stasi-Akt: „Unter dem zersetzenden Einfluss von Biermann ist der IM (Inoffizielle Mitarbeiter = Spitzel) Reimar Gilsenbach unehrlich zum MFS (Ministerium für Staatssicherheit) geworden.“ Das heißt, ich habe ihn umgedreht.

Meine Todfeinde sind lebendiger als mir lieb ist.

Nina Hagen ist verrückt, aber sie ist echt, deshalb liebe ich sie.

Ich bin ein Hamburger Fischkopf, ich habe Kiemen hinter den Ohren.