Stars 20.12.2011

Tischgespräche: Heute mit Rudolf Buchbinder

© Bild: Gerhard Deutsch

Gespräche bei Tisch. Gemeinsam essen und trinken ist laut Statistik eine aussterbende Art, Zeit miteinander zu verbringen. Angelika und Michael Horowitz haben 20 befreundete Künstler um diese Zeit gebeten.

freizeit-KURIER-Chefredakteur Michael Horowitz und seine Frau Angelika luden 20 befreundete Künstler zu intensiven Gesprächen ein. Bei einem Essen, in einem Wirtshaus, in einer Atmosphäre, bei der sie sich wohlfühlten. Festgehalten wurden die "Tischgespräche" im gleichnamigen Buch. Lesen Sie in den folgenden 20 Tagen was Alfred Dorfer, Christiane Hörbiger und viele mehr bewegt. Dieses Mal zu Gast: Konzertpianist Rudolf Buchbinder.

"Die Seele muss mitsingen"

Rudolf Buchbinder begann seine Karriere als Wunderkind in kurzen Hosen, heute ist er einer der bedeutendsten Pianisten der Gegenwart. Er ist "großkariert", sagen seine Freunde, und alles, was er beginnt, macht er mit großer Leidenschaft und Perfektion. Das gilt für jeden Ton, den er am Steinway-Flügel anschlägt, für sein Engagement beim Musik-Festival Grafenegg sowie für seine Vorliebe für gutes Essen. Denn für Rudolf Buchbinder ist Kultur und Genuss ein und dasselbe: "Kultur ist Genuss und Genuss ist Kultur."

Du hast einmal gesagt: "Menschen, die nicht gerne essen, sind mir nicht sehr sympathisch." Siehst du das heute noch so?
Ja. Menschen, die nicht gerne essen, machen zumeist gar nichts wirklich gerne. Und ganz egal, was man im Leben tut, man muss es gerne machen.

Das gilt für einen Künstler wahrscheinlich noch mehr als für einen Durchschnittsmenschen.
Absolut richtig!

Kultur und Genuss gehören für dich also zusammen.
Das ist ein und dasselbe. Kultur ist Genuss und Genuss ist Kultur.

Hast du Lieblingslokale, in die du besonders gerne gehst, oder gibt es keine Lokale, in denen so gut wie bei dir zuhause gekocht wird, wo deine Frau Agi das Essen zubereitet?
Die sind sehr schwer zu finden.

Was kocht sie am besten?
Alles!

Hast du keine Lieblingsspeisen?
Ich habe so viele Lieblingsspeisen! Ich habe ein schönes, blutiges Steak genauso gerne wie Langusten.

Langusten womit?
Mit einer herrlichen Majonäse. Aber Leibspeise habe ich keine. Agi kocht alles phänomenal gut.

Aber irgendetwas muss es doch geben, was deine Frau nicht so gut kann.
Schi fahren.

"Es gibt keine authentische Interpretation. Das ist der Hauptgrund, warum Musik unsterblich ist."
© Bild: APAunbegrenzt verfuegbar - no sales

Was mir an dir nicht gefällt, ist, dass du essen kannst, was du willst, und überhaupt nicht zunimmst. Wie schaffst du das?
Wenn ich esse, esse ich.

Das tu ich auch, aber im Gegensatz zu dir nehme ich davon zu.
Dann liegt es wahrscheinlich doch an der Menge.

Dafür frühstücke ich nicht.
Ich auch nicht. Zum Frühstück trinke ich nur Kaffee.

Was hat dir zum Beispiel deine Frau heute Mittag gekocht?
Einen Loup de mer in Mangold gewickelt. Kaum Kalorien.

Dabei darf man nicht unerwähnt lassen, dass deine Frau Agi auch eine Karriere als Pianistin vor sich gehabt hätte.
Ja, das stimmt.

Hat sie es nie bereut, aufgehört zu haben?
Im Gegenteil! Sie verspürt nicht die geringste Lust zu spielen. Am Beginn meiner Karriere, das ist jetzt sicherlich schon 40 Jahre her, wollte ich unbedingt die Slawischen Tänze von Dvoÿák gemeinsam mit ihr auf Platte aufnehmen. Aber sie wollte nicht.

Nachdem sie dich kennengelernt hatte, wollte sie nur noch eines: dich verwöhnen.
Wundert dich das? Jedenfalls hat sie gefunden, ein Klavierspieler in der Familie reicht bei Weitem.

In jedem Fall kannst du von ihrer Entscheidung nur profitieren.
Natürlich, und immerhin sagt man ja, dass ich fast so gut Klavier spiele wie meine Frau kocht.

Obwohl in Böhmen geboren, nannte man dich einst "Wiener Wunderkind". Wie kam das?
Ich war damals zehn oder elf Jahre alt, gab mein Debüt im Großen Saal des Wiener Musikvereins und spielte das 1. Klavierkonzert von Beethoven. Es ist für mich heute noch unvorstellbar, dass ich das damals als kleiner Bub spielen konnte. Jedenfalls war Bundeskanzler Julius Raab anwesend.

War Raab denn so ein großer Freund der Musik?
Nein, ich glaube nicht. Er war eher ein seltener Besucher des Musikvereins, und so wie er Politik machte, war er auch als Mensch: Er vertraute seinem Instinkt. Scheinbar war er von dem kleinen Lausbuben auf der Bühne sehr angetan. Jedenfalls wurde ich gemeinsam mit meinem Onkel, der - da mein Vater bereits vor meiner Geburt gestorben war - die Vaterrolle übernommen hatte, ins Bundeskanzleramt zitiert. Ich war schrecklich aufgeregt. Julius Raab saß hinter einem riesigen Schreibtisch, warf mir über den Tisch eine Silbermünze zu und sagte: "Da hast, Burli."

Im Laufe des Gespräches erklärte er mir, dass er nicht nur gerne mein Firmpate sein, sondern mir außerdem einen ganz, ganz großen Wunsch erfüllen wolle. Da gab es für mich zwei Alternativen: das erste eigene Klavier oder einen Privatlehrer. Er besprach meine Wünsche mit Unterrichtsminister Trimmel, dessen Antwort ziemlich eindeutig ausfiel: "Der Lausbub soll in die Schule gehen." "Gut", sagte Raab, "aber das zahle ich aus meiner eigenen Tasche."

Großartig.
Zur Firmung fällt mir noch eine schöne Geschichte ein: Ich ging damals ins Pädagogische Institut in der Burggasse in die Volksschule. Es war eine gemischte Klasse und ich saß in der letzten Reihe, natürlich neben dem schönsten Mädchen …

… natürlich!
Und selbstverständlich war ich mehr mit ihr als mit dem Unterricht beschäftigt. Da sagte der Religionslehrer zu mir: "Rudi Buchbinder, du bist wie ein fauler Apfel, und wenn ein Apfel faul ist, werden es die anderen auch …"

… du warst wohl nicht gerade sein Liebling?
Das kannst du laut sagen. Jedenfalls fand kurz danach die Firmung im Stephansdom statt und mein Religionslehrer war einer der Hilfspfarrer des Bischofs. Julius Raab stand als Firmpate hinter mir und legte die Hand auf meine Schulter. Da sah ich in das Gesicht meines Religionslehrers, der mich mit offenem Mund anstarrte. Das war die größte Genugtuung für mich.

"Ich habe früher mit Aquarellfarben gemalt. Das Öl brauchte meine Frau zum Kochen."
© Bild: Gerhard Deutsch

Lass uns noch einmal kurz zum Genussmenschen Buchbinder zurückkehren. Kann man von dir auf andere Musiker schließen und sagen, dass es Künstler grundsätzlich verstehen, zu genießen?
Ich glaube, gute Musiker sind meistens auch Genussmenschen und essen und trinken gerne und gut.

Wer fällt dir dazu ein?
Nathan Milstein, zum Beispiel, oder Zubin Mehta. Ein leidenschaftlicher Esser und Koch. Er ist das Paradebeispiel für einen Genießer.

Du bist auf deinen Reisen aber nicht so kompliziert wie zum Beispiel Vladimir Horowitz, der mit dem eigenen Bettzeug und der eigenen Wasserfilteranlage gereist ist?
Nein, überhaupt nicht. Entscheidend ist bei all meinen Reisen, dass ich mich wohlfühle. Ich ertrage jede Strapaze des Reisens bis zum Mittagessen. Aber danach - nach einem leichten Essen - …

Was ist ein leichtes Essen für dich, was isst du zu Mittag am liebsten?
Ich mache nichts in meinem Leben zu einer Regel.

Hast du auch vor deinen Konzerten keinen regelmäßigen Ablauf?
Nein. Denn wäre ich zum Beispiel darauf fixiert, mich vor jedem Konzert einspielen zu müssen, hätte ich sehr oft Stress. Es gibt so viele Künstlerzimmer ohne Klavier, wie sollte ich mich dann einspielen? Daher ist mein Prinzip: Nur nichts zur Regel machen. Die einzige Ausnahme von dieser Regel - wie zuvor schon angesprochen - ist, nach einem leichten Essen, mein Mittagsschlaf. Den brauche ich. Und danach trinke ich einen guten Kaffee.

Bist du vor deinen Konzerten nervös?
Ich werde immer nervöser. Aber ich versuche, dieses Gefühl von mir wegzuschieben.

Nimmt die Nervosität mit dem Alter zu?
Ja, weil ich mir die Latte immer höher lege. Der Anspruch an mich selbst steigt ständig und selbstverständlich auch jener des Publikums an mich.

Was ist deine größte Angst? Dass du während des Spiels einen Hänger hast?
Nein. Die Angst ist, einfach nicht gut genug zu spielen.

Wann weißt du, ob du gut bist oder nicht?
Das spüre ich schon, wenn ich auf die Bühne gehe.

Aber du erfüllst doch die Erwartungen des Publikums immer.
Es reicht nicht, diese Erwartungen zu erfüllen, man muss sie immer übertreffen. Das Glück meiner Karriere bis jetzt war, dass der Aufstieg ein stetes, kontinuierliches Crescendo war. Gott sei Dank war ich nie eine sogenannte Sensation, wie diese jetzt sehr gefragten Eventkünstler, die oft nur einen ganz großen Auftritt haben.

Warum?
Weil man Sensationen nicht wiederholen kann.

Und von dir erwartet man, dass du ständig dein Niveau hältst.
Ja, ich muss das Niveau halten, bis zu meinem Lebensende. Erst dann kann man sagen, man hatte eine Traumkarriere.

"Meine Maxime war immer, die Crème de la Crème der Musikwelt nach Grafenegg zu bringen."
© Bild: Gerhard Deutsch

Der große deutsche Musikkritiker Joachim Kaiser hat das Vorwort zu deinem Buch "Da Capo" geschrieben. Welche von seinen Aussagen über dich empfindest du als die schönste?
Wenn er meint, dass ich das größte pianistische Talent bin, das er je getroffen hat, dann ist das schon sehr, sehr schön.

Welcher Pianist ist für dich ein großes Vorbild?

Es gibt viele, aber Arthur Rubinstein ist für mich der größte Pianist des vergangenen Jahrhunderts. Es gibt sicherlich bessere Pianisten, aber keiner hatte seine Bandbreite, so eine gewaltige Palette im Repertoire. Er konnte Mozart genauso großartig spielen wie Tschaikowsky oder Prokofjew.

Als ob du nicht genug zu tun hättest, hast du 2007 auch noch die Leitung des Musik-Festivals Grafenegg übernommen. Warum?
Mir wurde seit Jahren immer wieder die Leitung eines Festivals angeboten. Da ich aber Perfektionist bin, war eines klar: Ich kann nur dort eine Intendanz übernehmen, wo ich auch alle meine Vorstellungen verwirklichen kann. Das hat sich allerdings nirgendwo ergeben.

In Grafenegg war das anders?
Ja. Die Familie Metternich-Sándor hat Schloss Grafenegg seit Jahrzehnten als Kulturzentrum geführt und gepflegt - zwar im kleineren Rahmen, aber man legte hier auf Kultur immer großen Wert. Dann hatte unter anderem Landeshauptmann Erwin Pröll die Idee, Grafenegg als Standort für die Niederösterreichischen Tonkünstler auszubauen. Daraus wurde ein Schneeballeffekt. Was klein begann, endete bei der Idee, eine Open-Air-Bühne zu bauen. Dieser Gedanke spannte sich wieder weiter, bis ich schließlich gefragt wurde, ob ich nicht die Intendanz für diese neuen Festspiele übernehmen würde …

… und du hast spontan Ja gesagt?
Ja, ich wusste, dass ich durch die örtlichen Gegebenheiten alle Möglichkeiten haben würde. Da war zuallererst die Open-Air-Bühne, dann kam ein Jahr später der Konzertsaal dazu - und das spricht wieder für Landeshauptmann Pröll, dass er sich spontan dazu entschlossen hat, den Bau eines Konzertsaals zu fördern.

Außerdem - nehme ich an - wurde dir jede künstlerische Freiheit zugesagt.
Ja, das war meine Bedingung. All diese Punkte zusammen schufen für mich die idealen Voraussetzungen für ein Festival. Heute weiß ich auch, dass ich sicherlich nie wieder diese Möglichkeit haben werde. Ich arbeite hier mit einem großartigen Team, verfüge über zwei traumhafte Locations mit einer perfekten Akustik sowohl auf der Open-Air-Bühne als auch im Konzertsaal und habe jede Freiheit in der künstlerischen Gestaltung.

Welche Vorstellungen wolltest du umsetzen?
Meine Maxime war immer, die Crème de la Crème der Musikwelt nach Grafenegg zu bringen. Ich wusste, das muss ich schaffen.

"Ich bin allem gegenüber sehr offen."
© Bild: Gerhard Deutsch

Das war sicherlich im ersten Jahr nicht ganz einfach?
Das stimmt. Niemand kannte Grafenegg. Auf die Frage, wer dort schon gespielt habe, musste ich immer sagen: "Niemand, du bist der Erste." Diese Überzeugungskraft war im ersten Jahr das Schwierigste.

Was ist noch wichtig für den Erfolg eines Festivals?
Dass man seine persönlichen Geschmacksvorstellungen hinten anstellt. Es sind bei den von mir engagierten Künstlern selbstverständlich welche dabei, die ich weder künstlerisch noch persönlich sehr hoch einschätze. Aber sie haben ihren Stellenwert in der Musikwelt - das ist das Einzige, was für mich als Intendant zählt.

Was möchtest du als Leiter dieser Festspiele noch erreichen?
Dass sowohl die Künstler als auch die großen Orchester weltweit sagen, man müsse beim Musik-Festival beziehungsweise beim Musik-Sommer Grafenegg spielen. Und das kristallisiert sich immer mehr heraus. Egal, ob Renée Fleming oder Zubin Mehta, sie alle sagen bereits jetzt, dass sie jederzeit gerne wieder nach Grafenegg kommen. Das ist das größte Kompliment, das man als Intendant bekommen kann.

Das heißt, das Musik-Festival hat sich bereits weltweit einen Namen gemacht?
Ja. Wobei man auch die Mundpropaganda der Künstler untereinander nicht unterschätzen darf. Wer einmal in Grafenegg war, liebt diesen Ort mit seiner unvergleichlichen Atmosphäre.

Hattest du andere Festivals als Vorbild? Zum Beispiel Tanglewood?
Nein. Aber es freut mich, dass du Tanglewood sagst und nicht Glyndebourne. Denn von Glyndebourne unterscheidet uns, dass wir keine Oper machen und es dort auch keine Open-Air-Bühne gibt. Wenn es überhaupt ein Vorbild gibt, dann ist es sicherlich Tanglewood, das ja ein großes Open-Air-Festival ist. Ein ganz wichtiger Teil unserer Philosophie in Grafenegg ist es, einem breiten Publikum die Möglichkeit zu geben, zu günstigen Preisen Musik auf höchstem Niveau zu hören. Dank dieser gesunden und klugen Preispolitik brauchen wir auch in Zeiten einer wirtschaftlichen Krise keine Angst haben. Wir wollen Familien ansprechen, daher auch die Idee, die Besucher nach Grafenegg zum Picknick einzuladen.

Eine richtige Landpartie sozusagen.
Genau. Schon vor dem Konzert im Schlosspark ein Picknick genießen, durch den herrlichen Landschaftsgarten spazieren und sich ein ruhiges Plätzchen unter jahrhundertealten Bäumen suchen.

Damit spricht man sicherlich auch viele junge Menschen an?
So ist es. Je nach Hunger, Lust und Laune lässt sich dann jeder vor Ort einen Picknickkorb schnüren.

Herrlich! Ich persönlich würde mir ja eine weitere Ähnlichkeit mit Tanglewood wünschen. Nämlich, dass in Grafenegg auch einmal Jazz gespielt wird.
Ich bin allem gegenüber sehr offen. Wichtig ist aber auch, dass Grafenegg das Heimstadion der Niederösterreichischen Tonkünstler geworden ist.

"Nie darf man zu frei sein in der Interpretation."
© Bild: Gerhard Deutsch

Du hast einmal den schönen Satz gesagt: "Die Seele muss mitsingen." Wie hast du das gemeint?
Ich habe damit vor allem die große Emotion gemeint, die Musik auslöst und die man spüren muss. Aber auch die Spontaneität des Augenblicks. Immer im Zusammenhang mit einem fundamentalen Wissen gesehen, ist Musik nicht nur sehr erotisch, sondern vor allem sehr emotionell.

Ist denn dieses Wissen um die geschriebenen Noten so wichtig?
Ganz wichtig. Man darf als Interpret nie zu ausschweifend werden, man braucht die sichere Kontrolle, dass man keine Dummheiten macht. Nie darf man zu frei sein in der Interpretation. Natürlich ist es erlaubt, zwischen den Noten zu lesen, und jeder Künstler hat auch seine Freiheiten, denn eine authentische Interpretation gibt es nicht. Das ist auch der Hauptgrund, warum Musik unsterblich ist.

Manche Menschen behaupten, die Festspiele in Salzburg und Bregenz müssten aufpassen, sonst laufe ihnen das kleine Grafenegg noch den Rang ab. Willst du dich überhaupt dieser Konkurrenz stellen?
Dazu möchte ich zwei Dinge sagen: Grafenegg mit anderen Festivals in einen Topf zu werfen, ist grundsätzlich nicht richtig. Wir haben keine Konkurrenz und wir sind für niemanden Konkurrenz. Allein durch den Standort. Wir nehmen niemandem etwas weg und haben allein durch unsere Preispolitik ein vollkommen anderes Konzept. Salzburg ist ein Festival der Oper und des Schauspiels. Die Konzerte sind die Luxusbeigabe - so war das von Max Reinhardt von vornherein geplant. Salzburg hat eine ganz andere Dimension und - das möchte ich schon sagen - ein am Limit geplantes und finanziertes Festival, so dass jeder künftige Abstrich sicherlich sehr schmerzhaft sein wird.

Grafenegg braucht doch auch Sponsoren.
Ja, aber Abstriche tun uns längst nicht so weh. Das Musik-Festival Grafenegg veranstaltet zwölf sehr exklusive Konzerte. Nicht mehr und nicht weniger. Aber noch einmal, ich mag diese Vergleiche mit anderen Festivals überhaupt nicht.

Und Bregenz?
Bregenz ist so weit weg. Da liegt der Arlberg dazwischen.

Ist die Programmgestaltung für Grafenegg nicht auch manchmal eine Gratwanderung? Auf der einen Seite will man bewusst in die Breite gehen, vielen Menschen zu günstigen Preisen die Möglichkeit geben, sich zu unterhalten. Auf der anderen Seite bietest du ein sehr anspruchsvolles und auch sehr zeitgenössisches Programm. Geht sich diese Schere aus?
Wir haben vorher über Rubinstein gesprochen - und genau das, was ich an ihm so besonders liebe, versuche ich auch hier zu schaffen: eine große Bandbreite. Dieses Streben findest du in meinem Privatleben wie auch in meinem Berufsleben. Nicht nur als Pianist, sondern auch als Intendant.

Als du dich für Grafenegg entschieden hast, gab es da Freunde, die dir davon abgeraten haben, die Intendanz zu übernehmen?

Ich weiß natürlich nicht, was hinter meinem Rücken alles gesprochen wurde, und ich gehe davon aus, dass nicht alle Wortmeldungen positiv waren. Aber ich verfolge meinen Weg, und mir ist egal, was hinter meinem Rücken gesprochen wird. Für mich ist wichtig, dass Grafenegg immer mehr zu einem Gesamtkunstwerk wird - eine Symbiose aus Kultur, Architektur, Natur und Gastronomie.

"Ich hoffe, irgendwann während des Klavierspielens zu sterben."
© Bild: Gerhard Deutsch

Du stehst ein Leben lang unter großem Erfolgsdruck. Wie entspannst du dich?
Meine Entspannung findet nur innerhalb meiner vier Wände statt. Nur dort kann ich all meinen Hobbys frönen: Literatur, Malerei und Film.

Hast du nicht auch selbst gemalt?
Ja, ich habe sogar einige Ausstellungen gemacht …

Wie hast du gemalt?
Nur Aquarell. Öl stinkt meiner Frau zu sehr. Außerdem braucht sie das Öl zum Kochen.

Machst du Urlaub? Wie? Wohin?
Urlaub ist für mich überhaupt die größte Strapaze. Ich bin ein prädestinierter Anti-Urlauber.

Kannst du mit Lob gut umgehen?

Oh ja, sehr gut sogar.

Dann möchte ich dich gerne mit einem Zitat konfrontieren. Arik Brauer, einer deiner Freunde, hat einmal den wunderbaren Satz gesagt: "Er ist großkariert."
Schön, wenn man solche Freunde hat.

Dein Professor Seidlhofer sagte: "Mach mir a Freud`, Burli, üb` ein bissel mehr." Hast du nicht gerne geübt?
Ich habe es von Anfang an verstanden, richtig zu üben. Das ist mein Geheimnis. Man muss nicht sechs Stunden am Tag am Klavier sitzen und die Gelenke überbeanspruchen, man muss sich nur in der Zeit, in der man übt, sehr gut konzentrieren können.

Wenn wir schon bei deinen Freunden sind und dir der Begriff Freundschaft ja sehr wichtig ist: Glaubst du, dass viele Menschen nur deshalb mit dir befreundet sein wollen, weil du der Rudi Buchbinder bist?
Ich bin ein sehr offener Mensch und ich liebe es, einen großen Freundeskreis zu haben. Aber die Frage ist natürlich, wer letzten Endes davon überbleibt und ein wirklicher Freund ist, wenn es darauf ankommt. Diese Probe aufs Exempel möchte ich nie machen müssen. Ich will nie bei einem Misserfolg erfahren müssen, wer letzten Endes als Freund überbleibt.

Wenn man so erfolgreich ist, denkt man dann manchmal daran, irgendwann einmal aufzuhören?
Nein. Ich hoffe, irgendwann während des Klavierspielens zu sterben. Ich erinnere mich da an ein legendäres Konzert von Wilhelm Backhaus in der Stiftskirche Ossiach. Zuerst spielte er Schubert und dann eine Beethoven-Sonate, während der er zusammenbrach. Danach stand er auf, ging in die Sakristei und kam zurück, um noch einmal diese Beethoven-Sonate zu spielen. Sie war sein Lieblingsstück. Er stand auf, verbeugte sich und starb. Einen schöneren Tod kann es nicht geben.

Denkst du dir nicht manchmal, dass du als erfolgreicher, weltweit gefragter Künstler, der von Konzert zu Konzert hetzt, nicht einen sehr hohen Preis zahlst? Hast du nicht manchmal Sehnsucht nach einem normalen, bequemen, stressfreien Leben?
Da kann ich nur zum Anfang unseres Gespräches zurückkehren. Kultur und Genuss gehören für mich zusammen. Das ist mein Leben.

Buchtipp

buch
© Bild: Horowitz

Angelika & Michael Horowitz
TISCHGESPRÄCHE
Über Essen, Trinken und die anderen schönen Dinge des Lebens
Amalthea Signum Verlag
ISBN 978-3-85002-758-8
224 Seiten
VK-Preis: 19,90 €

Erstellt am 20.12.2011