© Jürg Christandl

Unterwegs mit
10/31/2012

Tarek Leitner: Mut zur Schönheit

Reden wir über die Verschandelung Österreichs: Die meisten Fernsehzuschauer kennen ihn als sympathischen ZIB-Moderator. Jetzt geht der zweifache Vater unter die Autoren und plädiert für mehr Mut zur Schönheit.

von Maria Gurmann

Mit dem Tretroller kommt der ZIB-Anchorman zum Café Florianihof angerauscht. In Jeans, Hemd, Sportsakko und Converse-Sneakers. Jeden Tag fährt er mit seiner jüngeren Tochter vom siebenten Bezirk mitten in den Achten.

Dort geht Livni in den Kindergarten. Seit die Fünfjährige zu Weihnachten den Roller bekam, gibt es für sie kein anderes Verkehrsmittel mehr. "Bei minus 15 Grad und Rollsplitt auf dem Gehsteig hab’ ich gefragt, fahren wir mit dem Auto? Da hat sie gesagt, dann gehen wir halt zu Fuß", erzählt Tarek Leitner und lacht. Strahlend weiße Zähne hat der 39-jährige Moderator, der in neun Tagen 40 wird. Egal, dem zweifachen ROMY-Preisträger sieht man das Alter ohnehin nicht an.

 

Offene Augen

Seit Jahren macht sich der gebürtige Linzer Notizen, wenn er von Wien Richtung Salzkammergut unterwegs ist. Oft fährt er die Strecke nach Bad Goisern, wo seine Frau, Ö3-Redakteurin Claudia Lahnsteiner, aufgewachsen ist. "Weil ich immer mit offenen Augen durch die Welt gegangen bin und gesehen hab’, wie unser Land verschandelt wird, hatte ich irgendwann das Gefühl, das muss ich aufschreiben." Aus all den Zetteln, die er in einer Mappe sammelte, entstand nun sein erstes Buch.

"Mut zur Schönheit – Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs" ist ein Plädoyer für eine neue Alltagsästhetik. "Wenn Dörfer die Anmutung einer Autobahnraststätte bekommen, werden wir dort nie verweilen wollen, um angenehme Gespräche führen zu können." Natürlich gebe es in Österreich schöne Ecken und Enden. "Aber in seiner Gesamtheit ist unser Land nicht mehr schön. Weil eine Schirchheit sehr viel mehr verderben kann, als den Platz, auf dem sie steht", sagt Leitner und kommt in Fahrt.

"Überall gibt es schöne Ausschnitte. Man muss allerdings die Umgebung ausblenden, die Perspektive mit dem Teleobjektiv so verengen, damit wir nichts Schirches drauf haben. Das ist schade."

Der studierte Jurist, der sich "immer schon sehr für Politik interessierte", fährt mit dem Tretroller zu einem alten Zinshaus, das er als Beispiel für die Verschandelung zeigt. "Die Fenster im ersten Stock wurden einfach zugemauert, in der Mitte ein großes, hässliches Rolltor als Garageneinfahrt hineingebaut. Ist doch skurril."

Er will die Leser zum "Hinschauen" auffordern. Denn er ist überzeugt davon, "dass eine schöne Lebensumgebung darauf abfärbt, ob man sich wohlerfühlt, glücklicher wird oder nicht". In seinem Buch gehe es nicht um Geschmack, "sondern um Dinge, die ganz objektiv hässlich sind und die Umgebung verschandeln". Er ist davon überzeugt, dass wir es alle gleich beurteilen, wenn "an jedem Kreisverkehr im Waldviertel ein Diskontmarkt-Zentrum errichtet wird. In Abstand von fünf Minuten Autofahrzeit sind die gleichen Einkaufszentren erreichbar. Dazu sind die Parkplätze so groß, dass das ganze Dorf gleichzeitig dort parken könnte."

Es gehe ihm nicht um Architekturkritik. "Das will ich mir nicht anmaßen. Aber ich kann beurteilen, ob es wo schön oder schirch ist." Tarek Leitners These lautet: Im Namen der "Wirtschaftlichkeit" akzeptieren wir vielfach, dass der Raum, in dem wir unser alltägliches Leben verbringen, verunstaltet wird. "Umfahrungsstraßen, an denen Tankstellen und Fast-Food-Ketten stehen, Leuchttafeln und Lärmschutzwände, Baumärkte und Autobahnknoten verstellen uns den Blick auf Schönes."

Bausünden

Alte Ortskerne sind wie ausgestorben, Wirtshäuser und Greißler, Schuster und Bäcker sind verschwunden. "Selbst der Apotheker oder der Arzt siedeln sich schon im Diskontmarkt an, weil dort einfach die Frequenz ist." So entstehe neben den Leitplanken der Bundesstraße in seiner Funktionalität das gleiche Dorf, das es einst ein paar hundert Meter weiter gegeben habe. "Mit dem Unterschied, dass das neue Dorf viel hässlicher ist und mehr Ressourcen verschlingt."

Geht Tarek Leitner, obwohl er sich über die Verschandelung unserer Kultur empört, mit den Töchtern Liel (7) und Livni (5) trotzdem manchmal zu McDonald’s? "Wenn es ist, ist es nicht verboten. Ich will meine Kinder zu mündigen Menschen erziehen, dazu gehört nicht, dass ich etwas kategorisch verbiete. Ich gehe mit meinen Töchtern mit offenen Augen durchs Leben."

Sonntagsfragen

Ich bin am liebsten unterwegs

in einer schönen Umgebung.

Zum ORF fahre ich mit

dem Auto, weil es um zwei Drittel schneller ist.

Mein Traumhaus

bewohne ich.

Der schönste Ort in Österreich ist

nur noch mit dem Teleobjektiv auszumachen.

Zu McDonald’s gehe ich

, ohne daraus eine Ideologiefrage zu machen. Ab und zu gehe ich hin.

Ich ärgere mich über

Verschandelungen meiner persönlichen Lebensumgebung.

Mein Sinn für Schönheit schärft

in mir den Blick auf das Leben überhaupt.

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