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09.10.2017

Wurde Harvey Weinstein vom Bruder verpfiffen?

Bob Weinstein soll die Reißleine gezogen haben und die Missbrauchsfälle seines Bruders an die Presse gespielt haben.

Er tritt den Rückzug an. Der Hit-Produzent und mächtige Filmboss Harvey Weinstein hat sich öffentlich dafür entschuldigt, Frauen jahrelang sexuell belästigt zu haben. Er mache eine Therapie und bereue sein "Benehmen gegenüber Kolleginnen in der Vergangenheit", das zu "viel Leid" geführt habe. Er wolle nun eine Auszeit nehmen, um seine "Dämonen" in den Griff zu bekommen.

So devot hat man den als egozentrisch bekannten Weinstein noch nie erlebt. Bislang haben Stars wie Jennifer Lawrence oder Diane Kruger viel getan, um vom dem Produzenten beachtet zu werden und in seiner Gunst zu sehen - immerhin realisiert er Werke wie "Pulp Fiction", "Aviator", "The King's Speech" oder "Django Unchained".

Bob Weinstein wollte ihn aus der Firma haben

Jetzt aber bröckelt die Fassade rund um den 65-Jährigen, der einst als "Gott Hollywoods" bezeichnet wurde. Laut New York Post wurde er von seinem Bruder und Firmen-Mitinhaber Bob Weinstein (62) an die Presse geliefert. Er habe ein Komplott geschmiedet, denn schon lange wollte Bob seinen Bruder angeblich aus der Firma bugsieren. Der Grund seien die massenhaften Klagen wegen Missbrauch gegen Harvey Weinstein gewesen, die zu schädigend für die Firma wurden.

Mit acht Frauen außergerichtlich geeinigt

Die Weinstein Company bestätigte schließlich auch, dass „acht Frauen in den vergangenen Jahren einen außergerichtlichen Vergleich mit Weinstein getroffen haben“. Darunter seien auch enge Mitarbeiterinnen gewesen.

„Die nächsten Schritte werden von dem therapeutischen Fortschritt Harveys, von dem Ergebnis der unabhängigen Untersuchung des Verwaltungsrates sowie von Harveys persönlichen Entscheidungen abhängen“, so eine Stellungnahme der Firma.

Die New York Posthatte den Fall vor einigen Tagen ins Rollen gebracht und Schauspielerinnen wie Ashley Judd und Rose McGowan über ihren Missbrauch zu Wort kommen lassen, der Jahrzehnte zurück liegt. Diese hätten ebenfalls hohe Summen Schweigegeld erhalten, um Weinsteins Ruf nicht zu beschädigen.

Trump von Weinstein nicht überrascht

Nach den Berichten zog sich nun sogar Harveys engste Beraterin, die Anwältin Lisa Bloom, zurück und US-Präsident Trump ließ sich in einem Interview zu folgendem Satz hinreißen: "Ich kenne Harvey Weinstein seit Langem. Ich bin davon überhaupt nicht überrascht."

Harvey Weinstein: Die gefürchtete Macht in Hollywood

Wer in seiner Gunst steht, kann im Handumdrehen zum Hollywood-Star werden – so wie beispielsweise sein aktuelles Liebkind Jennifer Lawrence (26): Der Filmproduzent ( Miramax) Harvey Weinstein, gilt als einer der mächtigsten Macher in Hollywood – obwohl er in New York lebt. Für seine Wutausbrüche ist er ebenso berühmt wie für seinen extrem guten Riecher, was erfolgreiche Blockbuster angeht. Die opulente Pre-Oscar-Party, die er jährlich veranstaltet, gehört zu den hochkarätigsten und absolut privaten Society-Events, auf der Showbiz-Kaliber wie Beyonce und Jay-Z auf der Tanzfläche zu finden sind.

Nie unterschätzen

Glaubt man ihren Konkurrenten, sollte man die Weinstein-Brüder nie unterschätzen. "Meine eine Lektion aus dem Wettbewerb mit ihnen ist, sie niemals abzuschreiben", sagte etwa Joe Pichirallo, der bereits bei den Filmstudio Fox Searchlight Pictures und Focus Features im Vorstand saß. "Ich habe die Totenglocke oft für die Weinsteins läuten hören, nur um sie zurückrauschen zu sehen." Der ältere Bruder Harvey Weinstein hat der US-Filmbranche schon so manches Schnippchen geschlagen.

Mehr als unfassbare 300 Oscar-Nominierungen haben die von Weinstein produzierten Filme schon eingefahren, mehr als 75 Mal räumte ein von ihm und seinem Bruder Bob (mit-)produziertes Werk die Statuette ab. Unter ihren bekanntesten Titeln finden sich sowohl Klassiker wie "Der englische Patient" (1996), "Shakespeare in Love" (1998) und "Gangs of New York" (2002) als auch Hits wie die "Herr der Ringe"-Trilogie, "Inglourious Basterds" (2009), "The Artist" (2011), "The King's Speech" (2011), "Silver Linings" (2012) oder "Django Unchained" (2012).

Wegen sexueller Belästigung beschuldigt

200 Millionen Dollar soll Harvey heute schwer sein, die sich einmal seine fünf Kinder aufteilen. Drei davon hat er mit seiner Ex-Frau Eve Chilton. 2004 ließ er sich von seiner ehemaligen Assistentin scheiden - nach 27 Jahren Ehe.

Seit 2007 ist er nun mit Designerin Georgina Chapman (40) liiert, zwei Kinder folgten - und eine Ehekrise als er 2015 beschuldigt wurde, ein Model während eines Business-Meetings begrapscht zu haben. Man einigte sich schließlich außergerichtlich. Heute zeigt sich das Paar wieder happy am Red Carpet - bis nun die neuerlichen Anschuldigungen publik wurden.

Es war wohl die Liebe zum Kino gekoppelt mit ihrem Unternehmergeist, die den aus dem New Yorker Stadtteil Queens stammenden Weinstein an die Spitze der umkämpften Filmindustrie führte. Mit den Einnahmen von Harvey und Bobs ersten selbst produzierten Film "The Secret Policeman's Other Ball" (1982) gründeten sie die Produktionsfirma Miramax (ein Wortspiel aus den Vornamen ihrer Eltern), die Hollywood auch nach dem Verkauf 1993 an Disney kräftig durcheinanderwirbeln sollte.

Miramax beherrschte vor allem die US-Kinos der 1990er- und 2000er-Jahre. Doch mit einigen Vorschlägen stießen die Brüder beim damaligen Disney-Chef Michael Eisner auch auf taube Ohren: Eisner lehnte den Michael-Moore-Film "Fahrenheit 9/11" als zu politisch ab. Die Weinsteins realisierten die Hit-Doku mit ihrem Privatvermögen. Und auch mit der kostspieligen "Herr der Ringe"-Trilogie wollte Disney zunächst nichts zu tun haben - sie spielte weltweit fast drei Milliarden Dollar (2,8 Mrd. Euro) ein.

Wieder und wieder bewies der für seine Wutausbrüche berüchtigte Weinstein, der unter dem Spitznamen "The Punisher" (Der Bestrafer) bekannt wurde, dass er am Ende doch auf das richtige Projekt setzte. "Filme kann ich im Schlaf machen", sagte er 2009 in einem Interview - und genau deshalb hätte er vielleicht dabei bleiben sollen.

Flop im Mode-Business

Denn der Versuch, sich mit der 2005 gegründeten und von Goldman Sachs mitfinanzierten Weinstein Company etwa auch in der Mode- und Internet-Branche zu versuchen, ging eher nach hinten los.

Konzentriert sich auf Fernsehen

Auch wegen des schwächelnden DVD-Markts und zahlreicher gefloppter Filmproduktionen übt sich der kräftige, bullig wirkende Weinstein inzwischen eher im Bereich Kabelfernsehen und Streaming. "TV ist an diesem Punkt in meiner Karriere einträglicher und viel einfacher. Wenn man Filme macht, läuft man auf dem Hochseil", sagte er der "Los Angeles Times" im Jänner. Produziert hat er bislang die TV-Show "Project Runway" mit Heidi Klum und Serien wie "Marco Polo".

Angesichts von nur sechs von den Weinsteins produzierten Filmen im vergangenen Jahr wird klar: Die Brüder wollen sich im Bereich Kino nur noch auf jene Werke konzentrieren, die das Publikum wirklich packen, also mehr Klasse als Masse produzieren.

Kein kommerzieller Kram mehr

Inzwischen hat Harvey Weinstein sich andere Ziele gesetzt, etwa der Kampf für die Reform des US-Strafrechtssystems mit einer TV-Serie. Mit Rapper Jay-Z will er die Geschichte des Ex-Insassen Kalief Browder im Doku-Format verfilmen, der von Aufsehern misshandelt wurde und sich nach seiner Entlassung das Leben nahm.

"Wir haben eine Menge kommerziellen Kram gemacht", sagte Weinstein der "New York Daily News" kürzlich. Es sei jetzt an der Zeit, "Menschen zu motivieren".