epa03734850 Russian cosmonaut Valentina Tereshkova, the first woman to travel to space, attends a press conference devoted to the 50th anniversary of her space mission at Star City cosmonaut training center in Moscow region, Russia, 07 June 2013. Valentina Tereshkova was launched into space on 16 June 1963 and spent three days in orbit. EPA/SERGEI CHIRIKOV

© APA/SERGEI CHIRIKOV

50 Jahre Frauen im All
06/14/2013

Kosmonautin Tereschkowa über ihre Pionierleistung

Ex-Kosmonautin Walentina Tereschkowa über ihren Pionierflug, Pannen und Pläne.

von Susanne Mauthner-Weber

An ihrem 75. Geburtstag im Vorjahr sagte Walentina Tereschkowa einer Moskauer Zeitung: „Zur Not wäre ich auch auf einem Besen geflogen“ und meinte damit ihren ersten Ausflug ins All. Es war auch der erste einer Frau überhaupt. Am 16. Juni 1963 hob die Kosmonautin in Baikonur/Kasachstan in einem Wostok-Raumschiff ab und blieb 71 Stunden lang in der Erdumlaufbahn.

„Ich träume noch immer davon“, sagt Tereschkowa jetzt bei einem Besuch in Österreich: 50 Jahre nach ihrem Pionierflug feierte die Russin in Wien mit Raumfahrerinnen aus den USA, Japan, China, Kanada und Großbritannien. Sie war Star-Gast bei einer Podiumsdiskussion im Naturhistorischen Museum.

Russische Pioniere

In den Kindertagen der Raumfahrt hatte die Sowjetunion eindeutig die Nase vorne: mit Sputnik, dem ersten Satelliten im All, mit Laika, dem ersten Hund (beides 1957), und mit Juri Gagarin, dem ersten Raumfahrer (1961). Kurz danach setzte das Regime zur ultimativen PR-Aktion an: Eine Frau sollte ins All. Gesucht wurde ein Gagarin im Rock, den man in Person der 1937 bei Jaroslawl an der Wolga geborenen Fabriksarbeiterin fand. Doch zuerst musste sie durch ein Auswahlverfahren: Die Anwärterinnen – Jagdfliegerinnen und Fallschirmspringerinnen – durften höchstens 30 Jahre alt sein, 170 cm groß und 70 kg schwer. Ab Frühjahr 1962 lebten fünf ausgesuchte Frauen im Sternenstädtchen bei Moskau. Im dortigen Trainingszentrum wurden sie mit der Raketen-Technik und den Instrumenten der Wostok vertraut gemacht, in Zentrifugen herumgewirbelt, in Isolationskammern gesperrt.

Aus den drei Besten wählte Staatschef Nikita Chruschtschow höchstpersönlich Walentina Tereschkowa: Linientreu, durch den Krieg an Entbehrungen gewöhnt, mutig, sternenverliebt und proletarisch, schien die ehemalige Zuschneiderin in einer Textilfabrik, die sich in der Abendschule zur Textiltechnologin ausbilden ließ und im örtlichen Fliegerklub das Fallschirmspringen erlernt hatte, die Idealbesetzung. Gagarin war ihr Idol. Seit dessen Weltraum-Premiere träumte sie davon, ihm zu folgen. Ein Traum, der sie fast das Leben gekostet hätte.

Geheime Pannen

„Lange habe ich dieses Geheimnis bewahrt, aber es gab eine schwere Panne“, erzählt sie heute mitunter in Interviews. Durch einen Fehler im Steuersystem konnte die im Orbit kreisende Wostok-6 das Landemanöver nicht einleiten. Doch nicht nur deshalb verlief der dreitägige Flug der „Tschaika“ (Möwe), wie Tereschkowas Funkcode und Spitzname lautete, nicht ganz nach Plan. Die Kosmonautin ignorierte Anweisungen und döste immer wieder ein. Tschaika litt an der Weltraumkrankheit, wie sie jetzt in Wien gestand: Übelkeit bis zum Erbrechen, Schwindelgefühl, Kopfschmerzen und Müdigkeit. Die Schwerelosigkeit brachte ihr Gleichgewichtsorgan im Innenohr durcheinander.

Festgeschnallt auf ihrem Schalensitz, in einer Kapsel, die nur gut zwei Meter Durchmesser hat, den sich die Kosmonautin mit Instrumententafeln, Energie- und Sauerstoffversorgung sowie Funkgeräten teilen musste, müssen die 71 Stunden eine Tortur gewesen sein: Keine Waschgelegenheiten, Windeln statt Toilette, ein nicht enden wollender Wadenkrampf. Heute sagt sie: „Auf Basis unserer Informationen wurden neue Raumschiffe gebaut“. Denn eine ihrer Aufgaben sei es gewesen, herauszufinden, wie man das Design von Raumkapseln verbessern könnte. Nach ihrem Flug konstruierte man etwa bequemere Sitze.

Tereschkowas Unpässlichkeiten drangen bis zum Zusammenbruch der UdSSR 1991 natürlich nicht nach außen – der Sieg gegen den großen Konkurrenten Nasa im Kalten Krieg sollte unbefleckt bleiben. „Es ist kein Geheimnis, dass die Sowjetunion im Wettlauf mit den USA aus Propagandagründen die erste Frau ins All bringen wollte“, räumt Tereschkowa heute ein.

Zurück auf der Erde, war Tschaika plötzlich weltberühmt. Superstar, Legende oder „Greta Garbo des Alls“ wird sie genannt. Etwas, das Chruschtschow, so die Legende, für die Propaganda nutzen wollte: Walentina sollte den Wostok-3-Kosmonauten Andrijan Nikolajew heiraten, was sie ein halbes Jahr nach ihrer Heimkehr tatsächlich tat – mit 300 Gästen und dem Regierungschef, der dem Paar angeblich ein Sieben-Zimmer-Appartement zur Hochzeit geschenkt hat. Groß genug, um einander – wenn nötig – aus dem Weg zu gehen.

Rolemodel

So dramatisch dürfte es nicht gewesen sein: Kaum neun Monate später wurde Tochter Elena geboren. Mutter Walentina ist das Rolemodel der Nation und sitzt bis heute als Abgeordnete der Putin-Partei Geeintes Russland im Rat von Jaroslawl.

In Wien erzählt sie, dass sie gerne nochmals ins All geflogen wäre, aber nachdem der Weltraum-Pionier Juri Gagarin mit einem Jagdjet verunglückt war, wurde sie überbeschützt. „Ich durfte nicht einmal mehr in ein Flugzeug steigen.“

INFO: Im Vienna International Center findet bis 21. Juni die Weltraum-Ausstellung „50 Jahre Frauen im Weltall“ mit geführten „Weltraum-Touren“ statt. Mehr dazu

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.