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Interview
05/28/2016

Jodie Foster, die klügste Frau von Hollywood

Sie steht vor der Kamera, seit sie zwei Jahre alt ist. Mit 14 war sie eine Prostituierte in „Taxi Driver“, mit 27 erhielt sie den ersten von bislang zwei Oscars, seit gut 25 Jahren agiert sie auch hinter der Kamera. Jodie Foster ist eine der erfolgreichsten Frauen Hollywoods – und eine der klügsten, wie Branchen-Insider nicht müde werden zu betonen.

Nun ist ihre jüngste Regiearbeit angelaufen: „Money Monster“, ein rasanter Thriller mit George Clooney und Julia Roberts.
freizeit-Autorin ELISABETH SEREDA traf Jodie Foster zum Gespräch.

Jodie Foster gehört zweifellos zu den intelligentesten Menschen, die in Hollywood je Karriere gemacht haben. Von einer Werbung für Sonnenschutzmittel mit zwei Jahren, an die sie die alleinerziehende Mutter vermittelt hatte, um die Miete bezahlen zu können, bis hin zur zweifachen Oscarpreisträgerin ist ein langer Weg, den nur die wenigstens schaffen. Ohne private Skandale oder persönliche wie professionelle Tiefen. Statt dessen unterbrach Miss Foster ihren – nach „Taxi Driver“ und der jeweils ersten von bislang vier Oscar- und sieben Golden-Globe-Nominierungen – unaufhaltsamen Aufstieg zwischenzeitlich, um Summa-cum-laude-Abschlüsse in Englisch, Französisch und Literatur an der Yale Universität zu erwerben.

Null Toleranz für Dummheit

Sie hat null Toleranz für Dummheit, nimmt sich kein Blatt vor den Mund, und jedes Gespräch mit ihr ist ein Genuss in einer Industrie, in der die Mehrheit der Protagonisten kaum über Volksschulniveau hinauskommt. Als Schauspielerin ist Jodie Foster unumstritten, als Regisseurin indes nicht. Natürlich muss man ihr zugute halten, dass sie, als Frau in Hollywood härter kämpfen musste als jeder ihrer männlichen Kollegen. Von denen viele selbst dann, wenn sie für wenig anderes bekannt sind als mit Häkelmütze in Hipster-Cafés zu sitzen, rasch für eine einzige Idee unzählige Studio-Millionen aufgedrängt bekommen, um sich damit hinter der Kamera zu verwirklichen.

Aber Foster fand immer auch Verbündete. Etwa in Eric Pleskow, dem aktuellen Viennale-Präsidenten und seinerzeitigen Chef der Produktionsgesellschaft Orion. Pleskow war bereit, Fosters erste Regiearbeit „Das Wunderkind Tate“, die Story eines jungen Genies zu finanzieren. Es war ein kleiner Film, der große Wellen schlug. Es folgte der nette Streifen „Familienfest und andere Schwierigkeiten“, danach zog sich Jodie Foster 16 Jahre lang aus dem Regiegeschäft zugunsten ihrer Schauspielkarriere und einer Familiengründung zurück.

Geschäftlich unklug

Die Rückkehr hinter die Kamera 2011 war ein Beweis ihrer Menschlichkeit und Loyalität, aber geschäftlich unklug: Um ihrem guten Freund Mel Gibson aus seiner Image-Misere zu helfen, engagierte sie ihn als Hauptdarsteller für „Der Biber“, einen von vielen hochgeschätzten Film, der aber erwartungsgemäß ein Flop wurde. Hollywood und die Welt waren nicht bereit, Gibson seine zuvor in schwerster Trunksucht gestammelten, rassistischen und chauvinistischen Aussprüche zu verzeihen. Der Film litt darunter, und die Regisseurin dirigierte danach je eine Folge der TV-Serien „House of Cards“ und „Orange Is The New Black“ und bewies dabei erneut, eine brillante Handwerkerin zu sein, wenn es um intime Inszenierungen menschlicher Konflikte geht.

Auch „Money Monster“, ihr aktuellstes Werk, ist eine Geschichte über menschliche Konflikte, doch der Film verlangte nach einer großen Ins-zenierung. Es ist ein Politthriller, in dem ein großmäuliger TV-Moderator (George Clooney) in einer Infotainment-Show Aktientipps an die breite Öffentlichkeit gibt, und von einem verzweifelten jungen Mann, der aufgrund dieser Tipps seine gesamten Ersparnisse verloren hat, vor laufender Kamera als Geisel genommen wird. Brisanter Stoff, aber leider eine Nummer zu groß für Jodie Foster. Hollywood-Branchenmagazine kritisierten genau wie viele Zeitungen Fosters Unfähigkeit, Spannung zu erzeugen. Jedem Zuseher wird bei „Money Monster“ rasch klar, was Produzent und Hauptdarsteller Clooney mit dem Film erreichen wollte: als Verehrer des 1976 gedrehten medienkritischen Streifens „Network“ mit William Holden und Faye Dunaway, wollte er ein politisches Statement über den gegenwärtigen Zustand der Medien, verpackt in eine spannungsgeladene cinematografische Hochschaubahnfahrt drehen. Sein größter Fehler: nicht selbst Regie zu führen ...

Jodie Foster mit ihren Hauptdarstellern George Clooney und Julia Roberts


Action ist Regisseurin Fosters Sache nicht: „Das ist mit Sicherheit der aktionsgeladenste Film, den ich je gemacht, ja den ich je gesehen habe“, gab sie anfangs zu Protokoll. „Aber im Mittelpunkt steht für mich diese sehr menschliche Geschichte eines Mannes, der alles verliert, und der nur mehr einen einzigen Ausweg aus seiner Situation sieht.“ Und weiter: „Mich fasziniert die Idee des menschlichen Versagens, und wie wir damit umgehen. Ich sehe deshalb auch die Geiselnahme nicht als den zentralen Punkt des Films, sondern vielmehr die Geschichte dieses Mannes, der nach Antworten sucht.“ Neun Monate im Schneideraum und zahlreiche Nachdrehs später, merkte man Jodie Foster den Stress an, den ihr der Film bereitete: „Filmemachen ist immer ein lebensveränderndes Abenteuer, völlig anders als jeder andere Job der Welt“, gab sie damals zu Protokoll. „Man braucht oft viele Jahre für einen Film – in diesem Fall waren es vier. Der Film ist ein unglaubliches intellektuelles Puzzle, das sich aus vielen Teilen zusammensetzt, in dem mehrere Handlungsstränge parallel und in Echtzeit jongliert werden. Die Vorproduktion war extrem kompliziert, und ich dachte, der Schnitt wird leicht werden. Aber er ist viel schwieriger als ich angenommen hatte.“ Und sie gab zu: „Obwohl ich vorher schon Erfahrung mit mittelgroßen Budgets hatte, habe ich nie zuvor einen Mainstream-Film gemacht. Und ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob mir anfangs klar war, dass das ein Mainstream-Film ist. Das war alles ziemliches Neuland für mich.“

Geld ist wie ein Geist

Was sie an dem Projekt faszinierte, war vor allem die Idee von finanzieller Sicherheit oder Unsicherheit – ein Thema, das ihre gesamte Kindheit bestimmte: „Geld ist wie ein Geist in diesem Film, und zwar nicht so sehr das Bargeld, sondern der Wert, den es repräsentiert. Wir definieren uns alle über externe Werte: Bin ich wertvoll, weil ich Geld habe oder bin ich wertvoll, weil ich berühmt bin, dieses Auto fahre oder jenes Haus besitze? Als Kind machte ich mir ununterbrochen Sorgen über unsere Finanzen. Ich stand total neben mir, wenn ich eine Rolle nicht bekam, denn dann würde meine Familie nicht überleben. Denn ich war ja schon als Kind der Hauptverdiener in der Familie. Ich machte mir keine Sorgen um meine Karriere, sondern nur darum, ob wir genug zum Überleben hatten. Aber all das machte mich zu dem Menschen, der ich heute bin: Es war mein Antrieb, die Beste zu sein, das Meiste zu lernen.“

Mit wachsender finanzieller Stabilität kam Entspannung und die Konzentration auf Inhalte: „Ich hatte in Wahrheit riesiges Glück, dass meine Karriere in den 70er-Jahren begann. Die Qualität der Filme von damals ist bis heute einzigartig. Es wäre schwierig gewesen, aus Geldgründen nur schlechte Filme zu machen. Ich bin bis heute stolz auf alle Projekte, die ich damals drehte, am meisten auf Taxi Driver. Es waren diese Autorenfilme, die mich geprägt und die meine späteren Entscheidungen beeinflusst haben. Und ich kann sagen, dass ich kaum je Jobs aus dem Kalkül des Geldverdienens angenommen habe. Und die paar Mal, wo es vorgekommen ist, bereue ich zutiefst. Diese wenigen Male haben mich traumatisiert, und ich habe eine Lektion gelernt.“ Welche Filme sie damit meint, will Foster nicht sagen, aber ein Blick in ihre Film-Bio macht die Auswahl leicht.


Ihr Wunsch ins Regiefach zu wechseln war nicht kalkuliert: „Ich fand mit Das Wunderkind Tate eine Geschichte, die mich so sehr berührte, dass ich sie selbst erzählen wollte. Dass ich in der heutigen Diskussion über geschlechtsspezifische Ungerechtigkeit im Filmbusiness als Vorreiterin gelte, ist Zufall. Die Diskussion gibt es ja schon sehr lange. Als ich als Schauspielerin begann, gab es gar keine Frauen hinter der Kamera. Höchstens weibliche Skript-Supervisors und hin und wieder eine Stylistin. Das war’s. In Europa gab es viel mehr weibliche Regisseure als in Amerika. Hier ist es erst in den letzten Jahren besser geworden, aber vor allem im TV und im Independent Film. Mainstream-Filme sind die letzte Bastion, wo die Entscheidungsträger der Studios immer noch nicht erkannt haben, dass sich etwas ändern muss, wenn man ein Publikum befriedigen will, das zu 65 Prozent aus Frauen besteht.“

Es ist erwiesen, dass Jodie Foster ein tolles Auge für gute Geschichten hat. Bleibt zu hoffen, dass sie sich in Zukunft durch schlechte Kritiken nicht vom Regieführen abhalten lässt. Auch wenn ihr nächstes Projekt vielleicht kein spannungsgeladener Thriller mehr sein wird.

Jodie Foster im Gespräche mit Elisabeth Sereda

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