Stars 05.12.2011

Frühstück mit Mirna Jukic

Visionen. Österreichs erfolgreichste Schwimmerin hat große Pläne. Als Kämpferin traut sie sich durchaus zu, auf mehreren Kirtagen zu tanzen: moderieren, organisieren und tirilieren.

"Ich habe mich neu entdeckt"

Eine Woche nach ihrem Ausscheiden bei Dancing Stars kann sie wieder lachen. "Ich war schon sehr traurig, weil ich so wahnsinnig gern getanzt hab", sagt Mirna Jukic (25). Jetzt hat Österreichs erfolgreichste Schwimmerin wenigstens mehr Zeit für ihren Freund Jürgen Melzer, der mit Rückenproblemen kämpft und hofft, heute seinen 30. Geburtstag bei den "French Open" feiern zu können.

"Ich bin mit dem Tanzvirus infiziert, ich möchte unbedingt weitertanzen", sagt Mirna in einer Bäckerei am Sonnbergplatz im 19. Bezirk. Sie ist das Testimonial für "Ströck" und daher oft in einer Filiale zu Besuch. Selten frühstücke sie zu Hause, in der Wiener Wohnung, die sie gemeinsam mit ihrem Tennis-Ass eingerichtet hat. "Ich kaufe mir unterwegs das, worauf ich gerade Lust hab." Heute ist es das "Pikante Frühstück" - ein Vollkornweckerl, Schinken, Käse, ein Schokocroissant und Café Latte.

Dame

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© Bild: KURIER/Boroviceny

Locker, offen und noch weiblicher hat sie das Tanzen gemacht. "Ich habe mich von der Sportlerin und Einzelkämpferin in eine Dame verwandelt", sagt sie und streicht sich durch ihre langen, schwarzen Haare. "Ich bin schon auch, ermutigt von Jürgen, mit dem Ziel hineingegangen, dass vieles aus mir herauskommt, was ich bisher versteckt gehalten hab. Ich konnte es nicht zeigen, nicht zulassen. Jetzt hab ich mich neu entdeckt und viele Facetten aus mir herausgekitzelt." Sie sei weicher geworden, einfühlsamer und graziler. "Tanzen macht mich in meinem Herzen so warm", sagt sie ganz sanft. Außerhalb des Schwimmbeckens sei sie vor Dancing Stars unsicher gewesen. "Jetzt habe ich mehr Selbstbewusstsein."

Nach der Abwahl tröstete sie Tanzpartner Gerhard Egger. "Er hat mir versprochen, dass er mir die drei Tänze, die mir noch fehlen, beibringen wird. Ich werde dafür zu ihm nach Tirol fahren und seinem Sohn Matteo, er ist zweieinhalb, Schwimmunterricht geben", sagt die gebürtige Kroatin.

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© Bild: KURIER/Boroviceny

Mit 13 Jahren kam sie 1999 mit Vater Željko, der auch ihr Schwimmtrainer war, von Zagreb nach Österreich. Heute hat sie doppelte Staatsbürgerschaft. Wo ist ihre Heimat? "Ich habe zwei Zuhause. Wenn ich in Wien bin, sage ich, ich fahre runter nach Hause. Wenn ich in Kroatien bin, sage ich, ich fahre rauf nach Hause."

An ihre Kindheit in Vukovar kann sie sich nur dunkel erinnern. "Ich glaube, ich hab die ganzen Kriegserlebnisse verdrängt." Nur eine Szene werde sie nie vergessen. Als die Panzer der Serben anrollten, rannte sie mit ihrer Mutter und ihrem kleineren Bruder Dinko von einem Keller in den andern. "Dabei hab ich einen gelben Schreibblock verloren. Ich hab mich von der Hand meiner Mutter losgerissen und bin zurückgerannt. Meine Mama erstarrte vor Schreck. Sie sagt, es waren die schlimmsten Sekunden ihres Lebens."

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© Bild: KURIER/Boroviceny

Am 18. November 1991 ist die Stadt Vukovar gefallen. Am 21. November ist die damals fünfjährige Mirna mit ihrer Familie nach Zagreb geflüchtet. "Dort hatte ich eine coole Kindheit. Mit sieben Jahren hab ich mit dem Schwimmen begonnen." Schon als Kind habe sie die Vision gehabt, bei den Olympischen Spielen eine Medaille zu gewinnen. "Dafür habe ich 13 Jahre lang gehackelt. Für meine Visionen hab ich den inneren Schweinehund überwunden, war jeden Tag um sieben Uhr beim Training." Die Brustschwimmerin erreichte alles, was sie wollte. "Ich habe so oft Geschichte geschrieben", sagt die dreifache Sportlerin des Jahres. Unterstützt wurde sie immer von ihrem Vater. "Er war Papa, Mama und Trainer in einer Person", erinnert sich Mirna. Ihre Mutter, studierte Bauingenieurin und Lehrerin an der Schule für Angewandte Kunst und Design in Zagreb, pendelte am Wochenende immer zur Familie. Dino, wie Mirna ihren jüngeren Bruder nennt, übersiedelte ein Jahr später nach Wien. Seit Jukic im Vorjahr ihren Rücktritt vom Spitzensport verkündet hat, "kann mein Papa endlich nur Papa sein", sagt dessen "Prinzessin".

Kämpferin

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© Bild: KURIER/Boroviceny

Ihrem Vater sei sie sehr ähnlich. "Ich bin stur und dickköpfig. Mach mir die Tür zu, ich will da durch. So bin ich." Sie trage ihr Herz auf der Zunge. "Wenn mir etwas auf die Nerven geht, mich ankotzt oder anfäult, sag ich es geradeheraus", sagt das Temperamentbündel. Mirna heißt übersetzt "die Ruhige". Als Kind nannte man sie daher Nemirna - "die Nicht-Ruhige".

Sehr, sehr viel gaben ihr die Eltern mit auf den Weg. Werte, die sie auch ihren zukünftigen Kindern weitergeben will. "Der Familienzusammenhalt, die bedingungslose Liebe. Unsere Eltern haben immer gesagt, dass wir ihnen unser Leben lang nichts schuldig sind." Schule und Bildung waren für ihren Vater immer wichtiger als das Schwimmen. Deshalb unterstützt die Publizistik-Studentin auch das KURIER-Lernhaus, das sie kommende Woche eröffnen wird. "Es gibt Kinder, deren Eltern keine Zeit oder kein Geld für Nachhilfe haben. Ich werde mit ihnen auch schwimmen gehen."

Neue Ideen und Projekte hat das Organisationstalent, das immer "einen Plan" haben muss, schon im Kopf. "Ich mag es, wenn sich was tut." Um den Nachwuchs im Schwimmverband wird sie sich kümmern. Singen möchte die ehemalige Kirchenchor-Sängerin lernen. "Ich merke mir Texte wie eine Jukebox." Und als TV-Moderatorin oder Organisatorin von Events sieht sie sich. "Das hab ich nicht gelernt, das hab ich in den Genen", sagt die Kämpferin - zielsicher, wie einst als Nixe im Schwimmbecken.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011