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05.12.2011

Frühstück mit Karlheinz Hackl und Maria Köstlinger

Ungleiches Paar. Sie geht ins Fitnessstudio, er verzichtet auf Sport. Sie liebt das Theater, er nur noch die eigenen Auftritte als Sänger und Kabarettist. Sie ist 38, er 61. Sie kämpft wie eine Löwin, er ist ihr unendlich dankbar dafür.

Leben ohne Lügen

Im klassischen Künstleroutfit - Schwarz in schwarz - führt der ehemalige Burgschauspieler durch den Garten, vorbei am Pool zu seinem Holzhaus in Grinzing. Teelichter, Faschingsgirlanden und bunte Lampions schmücken das ganze Haus. "Ich bin die Deko-Tante", begrüßt uns Maria Köstlinger (38) mit ihrem mitreißend lauten Lachen. Vorbei ist der Groll auf ihren um 23 Jahre älteren Ehemann, der vergessen hatte, den Besuch anzukündigen.
Überraschungsgäste machen der quirligen Schauspielerin nichts aus. Die zehnjährige Tochter Melanie bringt auch immer Freundinnen mit. Blitzblank ist es bei den Hackls eh immer. "Sie putzt ständig, das hat sie von ihrer Mutter. Das Staubsaugen geht mir schon auf die Nerven", murmelt Karlheinz Hackl (61) trocken und doch liebevoll, während er sich an den Frühstückstisch setzt. "Maria presst mir immer frischen Orangensaft." Dazu gibt es getoastetes Schwarzbrot, Schinken, Käse und Kaffee. "Meine Frau isst ein Müsli, das schmeckt mir nicht und die Kleine haut sich das süße Zeug, Schokocornflakes, rein - ein Wahnsinn."

Zweites Leben

2003 wurde dem Schauspieler, Sänger und Kabarettisten ein bösartiger Hirntumor entfernt. 2005 stand Hackl schon wieder auf der Bühne. "Ich war todkrank. Man musste davon ausgehen, dass ich, wenn ich nicht sterbe, ein Krüppel im Rollstuhl bleibe." Maria war jeden Tag bei ihm am Krankenbett. Die Schwiegereltern übersiedelten von Salzburg nach Wien und kümmerten sich um Melanie. "Ich war vor den Kopf gestoßen. Woher ich die Kraft genommen habe? Durch meine Tochter, meine Eltern und Freunde", sagt Köstlinger. "Ihr gehört die Tapferkeitsmedaille", sagt Hackl.

Hat ihn die Krankheit verändert? "Sehr. Physisch ist alles o.k., was eh ein Wunder ist", sagt er. In der Rehab musste er wieder gehen und sprechen lernen. "Aber die Ungeduld ist größer geworden, ich will alles schnell haben. Das ist auch privat ein Problem. Ich bin sehr aufbrausend. Nur bei meiner Tochter halte ich mich zurück." Regelmäßige Psychotherapie hilft ihm. Besonders aggressiv sei er nach der Operation gewesen. "Ich hab' getobt. Nur wenn sie das Baby auf mich gelegt haben, bin ich ruhig geworden", erinnert sich der fesche Künstler, dessen Haar schütterer und grauer geworden ist. Schlanke 70 Kilo hält er immer noch locker. Auch ohne Sport. Spazierengehen ist ein Albtraum, laufen auch. Ins Fitnesscenter oder Joggen geht Köstlinger allein.

Ein Blatt vor den Mund nahm sich Hackl noch nie. Und jetzt schon gar nicht. Das kann der harmoniebedürftigen Ehefrau manchmal peinlich sein. "Der Karli hat - da haben wir manchmal Debatten - nach der Krankheit völlig die Schranken verloren und sagt, was er sich denkt."

Er meint, er habe den Bezug zu seinem Beruf verloren. "Das Theater interessiert mich nicht mehr. Ich sag', geh Schatzi, es gibt Wichtigeres als den Scheiß. Mir sind Singen, Lesungen und Kabarett viel wichtiger. Es ist eine Art Therapie." Georg Danzer schrieb kurz vor seinem Tod für Hackl Lieder. "Mei Lebn" heißt sein musikdramaturgisches Live-Programm (19. Februar, Theater Akzent), in dem er die Lieder mit Erzählungen aus seinem Leben garniert.

Maria, Tochter einer Schwedin und des österreichischen Tenors Josef Köstlinger, war schon immer ein Theaterkind. "Manche Opernvorstellungen habe ich bis zu 25-mal gesehen", erinnert sie sich an ihre Kindheit.

An seine eigene Kindheit denkt Hackl mit Schaudern. Aufgewachsen als Einzelkind auf 55 Quadratmetern im Meidlinger Gemeindebau. Zu dritt im Schlafzimmer, plus einem Bösendorfer Flügel. Die Eltern stritten bis die Fetzen flogen. Der gestandene Sozialist und Vertriebsleiter von Spar passte zur christlich-konservativen Ehefrau wie die Faust aufs Aug. "Als ich 17 war haben sie sich endlich scheiden lassen." In der Schule war er der Kasperl, zu Hause der Duckmäuser. Die Wirtschaftsuni schloss der schlechte und faule Schüler als Magister ab. "Ich wollt's meinem Vater zeigen." Neben der Uni ging der "Pessimist und Zyniker" auf die Schauspielschule Krauss. Fritz Muliar war sein Lehrmeister. "Schauspieler bin ich geworden, weil ich etwas zusammenbringen wollte, was mein Vater nicht kann."
Mit der Mutter haute er sich "auf ein Packel". Er sei in einem Klima der Geheimnistuerei aufgewachsen. Der Vater hatte Affären. Erst spät erfuhr er von einer Halbschwester, die sich mit 22 Jahren das Leben nahm. "Als mir mein Vater ihr Armengrab am Meidlinger Friedhof gezeigt hat, habe ich ihn gehasst."

Der Kammerschauspieler beschreibt sich als leichtsinnigen Melancholiker ("Anatol"). "Ich bin ein Seelenstrizzi. Eine Mischung aus Sensibilität und Brutalität. Ein Egomane", sagt der Wiener, dessen Theaterpublikum ihn wegen seiner sensiblen Schauspielkunst liebt. "Die Mischung aus sensibel, melancholisch, hilflos und dann wieder das genaue Gegenteil, hat mich sehr, sehr angezogen", sagt Köstlinger. Vor dreizehn Jahren heirateten die beiden, nachdem er ihr in der Eden Bar einen Heiratsantrag machte. "Bei mir war es Liebe auf den ersten Blick, ich habe nie an den Altersunterschied gedacht", sagt Köstlinger, eine glühende Red-Bull-Salzburg-Anhängerin. Hackl, der als Kind bei der Vienna Fußball spielte und Sportreporter werden wollte, ist Rapid-Fan. Wickel gebe es deshalb keine.

In seiner ersten Ehe mit der Schauspielerin Brigitta Furgler "war ich ein verheirateter Junggeselle", sagt der Publikumsliebling und einstige Frauenschwarm. Heute lebe er vollkommen anders. Und ist glücklich über die Harmonie der Patchwork-Familie. "Meine beiden großen Töchter, Stefanie und Franziska, verstehen sich sehr gut mit Melanie und Maria."

Eifersüchtig war Hackl immer schon. "Nach der Operation war es ganz arg. Ich hatte so ein Gefühl der Verlassenheit." Jetzt sei das besser geworden, bestätigt seine Frau. "Der Karli ist eher eifersüchtig, wenn es ein Typ ist, wie er früher war." In jungen Jahren war er "auf männliche Vorstadttypen mit Beikeles, tiefer Stimme und Haaren auf der Brust" eifersüchtig.

Wie schaut es mit der Eitelkeit aus? "Ja, aber nicht so wie der Holender." Hackl richtet den Blick gedankenverloren Richtung Plafond. "Ein Mann definiert sich über die Schwanzlänge. Er legt mehr Wert darauf als die Frau", sagt er ganz unverblümt, während er ins Käsebrot beißt.

Buchtipp

Karlheinz Hackl, Meine zwei Leben,
Ueberreuter, 22,95 Euro.

Info
19. Februar im Theater Akzent,
"Mei Leben" von Karlheinz Hackl,
www.akzent.at

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