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Stars
05/11/2012

Frühstück mit Jürgen Wilke

Disziplin. Wie ein preußischer Sturschädl den Weg aus den Kriegswirren auf die großen österreichischen Bühnen fand.

Über den Dächern von Wien

Sehr pünktlich!", lobt der Gastgeber seine Besucher. Auch wenn Jürgen Wilke schon seit 55 Jahren in Wien lebt, so hat er sich doch "gewisse ostpreußische Eigenschaften" erhalten. Dazu zählt absolute Pünktlichkeit, wie er später erzählen wird.

Der 83-jährige Schauspieler führt vorbei an einer mannshohen amerikanischen Fahne ins Speisezimmer. Seit 20 Jahren wohnt hier, einem Dachgeschoß in Wiens bester City-Lage, Helene von Damm (74), US-Botschafterin der Reagan-Ära. Von den zwei Terrassen auf dem Dach ist der Blick über Stephansdom, Hofburg und Petersplatz atemberaubend.

Frühstück mit Jürgen Wilke

Frühstück mit Jürgen Wilke

Frühstück mit Jürgen Wilke

Frühstück mit Jürgen Wilke

Jürgen Wilke_Frühstück_Mein Sonntag für 13.05.2012 mit Maria Gurmann am 8.5.2012

Frühstück mit Jürgen Wilke

Frühstück mit Jürgen Wilke

Frühstück mit Jürgen Wilke

Pas de deux

Vor zwölf Jahren lernten sie einander bei Damms Nachbarn kennen. "Ich habe mich in seine Stimme verliebt", sagt die gebürtige Niederösterreicherin und gesteht, dass sie ein bisschen nachhelfen musste. "Ich wusste, dass wir uns gegenseitig befruchten würden, dass es harmonisch sein würde. Er ist es langsam angegangen. Jürgen wollte sich nicht mehr binden", sagt die Frau, die vier Mal verheiratet war über den Mann, der die dritte Scheidung hinter sich hatte.

"Es ist meine intensivste Beziehung, ich bereue keinen Tag mit Helene", sagt der Schauspieler liebevoll in ihre Richtung lächelnd. Ordnung, Disziplin und Pünktlichkeit sind die Eigenschaften, die die beiden verbinden. "Und wir sind beide ganz offen und ehrlich. Es gibt nichts, was wir nicht besprechen würden", erklärt die ehemalige Frau (des 1990 verstorbenen) Sacher-Besitzers Peter Gürtler.

 

Während die zierliche, gepflegte Helene Schwarzen Tee, Fruchtsalat mit Joghurt und Zerealien – "ich sag dazu Sägespäne" (Damm) – serviert, erzählt Wilke über seine von Hunger und Flucht geprägte Jugendzeit im 2. Weltkrieg, von der er auch in seiner Biografie, Jürgen Wilke ... und immer wieder von vorn, berichtet. "Das hab’ ich geschrieben, damit meine Kinder wissen, was ich in meinem Leben alles gemacht habe", sagt der Kammerschauspieler, Regisseur und Intendant, der sich vor einem Jahr, "ohne Wehmut", die Pension verordnete.

Tochter Kristina (32) ist Grafikerin und eine begeisterte Reiterin. "Sie hat mich vor vier Monaten zum Großvater gemacht". Sohn Jürgen jr. (30) ist Schauspieler und "versucht sich ohne meine Unterstützung durchzuschlagen". Aus welcher Ehe stammen die Kinder? "Von der zweiten Frau", sagt er. Van Damm widerspricht. "Nein, von der dritten." Wilke: "Ach ja, die erste zähle ich ja nicht dazu. Dieses liebe Mädchen aus meinem ersten Engagement in Oldenburg hab’ ich geheiratet, weil sie von zu Hause weg wollte."

 

Vaterkind

In Berlin wurde der Sohn eines studierten Elektrotechnikers geboren, aufgewachsen ist er im preußischen Königsberg (Kaliningrad). Schön sei die Kindheit, die abrupt mit dem Beginn des Weltkrieges endete, gewesen. "Meine schönste Erinnerung sind die Ferienaufenthalte im idyllischen Masuren mit der Seenplatte um Nikolaiken. Ich ging mit meinem Vater Hechte und Aale fischen." Von seinem Vater, einem begeisterten Radrennfahrer, hat er das sportliche Gen geerbt. "Ich war ein Vaterkind."

Mit Schrecken erinnert er sich dagegen an die Systemschule Napola in Stuhm, in der die Nationalsozialisten ihre deutsche Elite heranzüchtete. Nach dem Selbstmord seines besten Freundes riss er aus. Während sein Vater 1945 im Krieg fiel, flüchtete seine Mutter aus dem von russischen Truppen umzingelten Königsberg mit den Geschwistern nach Kroppenstedt. Immer wieder wanderte er von der damaligen russischen in die britische Zone. Nach dem Schul­abschluss blieb er im Westen, seine Mutter mit den kleinen Geschwistern im Osten.

 

Arzt wollte der fesche Deutsche werden, "wäre nicht der verlorene Krieg gewesen". So aber musste er hungernd und mittellos Arbeit finden. "Aus meinen Fähigkeiten habe ich das herausgefunden, womit ich so schnell wie möglich Geld verdienen konnte. Das war die Schauspielerei." Sein preußischer Sturschädel war ihm auf dem Weg vom Wartezimmer des Pastors, wo er auf ein paar Quadratmetern Unterschlupf fand, zum Burgtheater immer hilfreich. "Ich bin in meinem Leben nie von etwas abgegangen,was ich haben oder erreichen wollte", sagt Wilke, der nach seinem Schlaganfall vor zwei Jahren, "bei dem ich zweieinhalb Tage einen Filmriss hatte", wieder mit seiner Partnerin in die USA oder in sein Haus an der Côte d’Azur reist und vom Langschläfer zum Frühaufsteher mutierte, "weil Helene schon um halbsieben auf steht".

Immer wieder plagen ihn Albträume über seine Kriegserlebnisse. Eine Szene wird er nie vergessen: "Es war ein Riesenangriff mit neuartigen Bomben auf Königsberg. Danach lagen zu Hunderten die toten Menschen auf der Straße, ohne sichtbare, äußere Zeichen von Verletzungen. Die Bomben haben den Sauerstoff aus der Luft entzogen, die Leute sind erstickt." Damals war Jürgen Wilke 15. "Wenn er davon träumt, muss ich oft aus dem Bett flüchten, weil er wild um sich schlägt", erzählt von Damm.

 

Vormund

Unvergesslich bleibt ihm auch der frühe Tod seiner Mutter, die an den Folgen der schweren Flucht 1951 starb. Wilke war damals 21 und gerade in seinen schauspielerischen Anfängen in Kiel. "Mein Bruder Dieter konnte mit 16 im Haus meiner Großeltern bleiben und weiterhin zur Schule gehen. Aber was tun mit meiner neunjährigen Schwester Ingrid? Sie wäre in ein ostdeutsches Waisenhaus gekommen." Wieder einmal zeigte er seine Willenskraft und schmuggelte sie heimlich im Interzonenzug über die Grenzstation Helmstedt in den Westen. Dort erkämpfte er sich beim Jugendamt die Vormundschaft und das Sorgerecht für seine Schwester.

"Ich war Bruder, Vater und Mutter zugleich", erinnert sich der Kammerschauspieler. Nach der Schule durfte Ingrid zu den Theaterproben, wo sie vom großen Gustaf Gründgens und Elizabeth Flickenschild rührend betreut wurde. "Als ich 1956 ans Burgtheater in Wien engagiert wurde, nahm ich sie natürlich mit."

Das Schicksal habe ihn geprägt. "Beruflich halte ich meine Emotionen zurück, dazu bin ich erzogen worden." Er habe aber auch eine andere Seite. "Die ist da drinnen", sagt er und zeigt auf sein Herz. "Das lasse ich raus, wenn es um Privates geht. Ärger und auch Liebe", sagt Wilke, bevor er über die Wendeltreppe zur Dachterrasse führt, tief Luft holt und sich sichtlich seines Lebens freut.

Buchtipp:

 ... und immer wieder von vorn – Mein Leben

Jürgen Wilke 1928 in Berlin geboren, besuchte die Schauspielschule in Hamburg. In Düsseldorf prägte ihn Gustaf Gründgens. 1956 wurde er ans Wiener Burgtheater engagiert.

Theatersommer Von 1971 bis 2005 wirkte er als einer der Pioniere des Niederösterreichischen Theatersommers als Intendant, Regisseur und Schauspieler.

Jürgen Wilke, "... und immer wieder von vorn – Mein Leben",
Amalthea Verlag,
24,95 Euro.  

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