Frühstück mit Freddy Sahin-Scholl

Foto: Christine Steimer

Waisenkind und Stimmwunder. Sein Lied "Carpe Diem" rührte selbst den strengen RTL-Juror Dieter Bohlen zu Tränen. Aus demehemaligen Krankenpfleger wurde der Superstar. Der KURIER besuchte den Schwaben und seine Patchworkfamilie in Karlsruhe.

Singen statt stottern. In diesem Haus am Stadtrand von Karlsruhe wurlt es. Aurelius, der Vierjährige, düst mit seinem Modell-Flugzeug durchs Haus. Das Kindermädchen schaukelt den Jüngsten der Familie. Neun Wochen ist Nathan alt. Der sichtlich stolze Vater, Freddy Sahin-Scholl, haut in die Tasten im Wohnzimmer. "Damit sich keiner ums Klavier streiten muss, haben wir gleich drei."

Katze Molly schnurrt derweil im Arbeitszimmer - auf den Saiten des aufgeklappten Flügels. Kater Hans versteckt sich. Stiefsohn Leonhard (13) und Jasmin, Freddys türkisch-persische Ehefrau (42), bereiten das orientalische Frühstück vor. Hündin Luna, die von den Sahins in Griechenland vor dem Ertrinken gerettet wurde, bewacht das Piano im ersten Stock.
Nur Luis Marcel (18), der Sohn von Jasmin, und Freddys Tochter aus erster Ehe fehlen. Katharina (31) gründete bereits eine eigene Familie. "Ihre beiden Kinder sind genau gleich alt wie meine zwei kleinen Söhne Aurelius und Nathan", sagt der Opa, lacht herzhaft und schenkt türkischen Tee ein.

Volles Haus

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"Bei uns geht es immer so zu, meistens kommen auch noch Freunde am Sonntag zum Frühstück", sagt der Sänger, der in der Castingshow "Das Supertalent" mit seinem selbst komponierten Lied "Carpe Diem" sogar Dieter Bohlen zu Tränen rührte. Das Publikum jubelt, wenn der Sänger ohne Ausbildung zwischen den Stimmlagen Bariton und Countertenor wechselt.

Seine ungewöhnliche, teils traurige, Lebensgeschichte schrieb der 58-Jährige, der als Kind Lesen und Schreiben hasste, ohne Ghostwriter, in einem Guss, "einfach aus meinem Herzen". Der Mann mit den zwei Stimmen nennt er seine Biografie.

Es war im Jänner 1954, als die Krankenschwester Hanni in einer Baracke einer aufgelassenen Kaserne im Schwäbischen Wald fünf halb verhungerte, verdreckte, verwahrloste und winselnde Babys sah. Sie waren nur einige der vielen "Bastarde" schwarzer GIs. Geächtet wurden die jungen Mütter.

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"Ein zwei Wochen alter, zweitausend Gramm schwerer ,Halbneger'", wie in den Akten vermerkt ist, war Freddy, den die damals 22-jährige Margot Scholl drei Tage vor Weihnachten zur Welt brachte. Eineinhalb Jahre musste er im Krankenhaus aufgepäppelt werden, bevor er in die Obhut von Hanni und in ihr Kinderheim in Wüstenrot kam.
"Mutti", wie die allesamt unehelichen Kinder schwarzer GIs Hanni nannten, war eine resolute Preußin mit großem Herz. Von der Gesellschaft wurden die Heimkinder, noch dazu Mischlinge, geächtet. "Besatzungskinder", "Mischlingskinder" und "Neger" wurden sie genannt. "Der stotternde Freddy" wurde prinzipiell ausgelassen, wenn ein Kind nach dem anderen in der Schule vorlesen musste. "Erst viel später erkannte ein neuer Lehrer mein musikalisches Talent und sagte, Freddy, sing einfach den Text." Und das funktionierte, ohne Stottern.

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Auch seine Ziehmutter Hanni wusste, dass die Musik "das Tor zu meinem Herzen ist". Im Heim stand ein Klavier, auf dem er stundenlang improvisierte und dazu sang. Was er in Worten nicht ausdrücken konnte, fand ein Ventil in der Musik. Es war seine Muttersprache. "Wut, Freude, Verzweiflung, Trauer - alle Emotionen, die mein kleines Kinderherz durchwanderten, kamen hier zum Ausdruck."

Nur das Notenlesen widerstrebte ihm. Alle Bemühungen von Musiklehrern scheiterten. Seine Pflegemutter verzweifelte. Er sagte damals zu ihr: "Ach Mutti, eines Tages wird es ein Klavier geben, da fallen die Noten oben raus." Und genau dieses Gerät hat der Musiker jetzt. Sahin-Scholl führt in sein Arbeitszimmer und zeigt seine Anlage. "Ich habe eine Idee, schreibe mir nichts auf, setze mich an mein Yamaha-Klavier und komponiere. Der Computer daneben nimmt alles auf und übersetzt das, was ich spiele, in Noten. Auf dem Keyboard kann ich dann ein ganzes Symphonieorchester nachspielen."

Optimist

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Warmherzig, fröhlich und gastfreundlich ist das Supertalent, das seine Wände mit bunten Kunstwerken von Freunden schmückt. Unter ihnen so namhafte Maler wie Markus Blattmann oder Markus Lüpertz. "Ich bin ein absoluter Optimist, und ich habe eine Lebensfreude in mir, die sich nie verändert hat. Trotz aller Enttäuschungen", sagt er und teilt Börek, einen türkischen Strudel mit Spinat, Hackfleisch und Käse gefüllt, aus. "Es wird sich fügen, war einer von Hannis Standardsätzen, sie hatte ein Urvertrauen."

In seinem Leben fügte sich tatsächlich alles. Nach 25 Jahren und einer gescheiterten Ehe hängte er endgültig seinen Beruf als Krankenpfleger an den Nagel und versuchte sein Glück - mit Höhen und Tiefen - als Musiker. Wenn er in Jazzkellern die Klaviere bei Jamsessions fast zerlegte und vier Stunden improvisierte, jubelte das Publikum vor Begeisterung. Damals war das Markenzeichen von "Galileo", wie er sich als Künstler nannte, die Latzhose, der Bart und der schwarze Wuschelkopf. Doch so richtig Fuß fassen konnte er nicht.

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Zu seinem Auftritt bei Dieter Bohlen musste Freddy Sahin-Scholl erst überredet werden. Aber als er das erste Mal in Wiesbaden auf der "Supertalent"-Bühne stand und spürte, "dass ich die Leute total berührt habe, wusste ich, - das meine ich nicht überheblich -, wenn ich in einer Freakshow neben Rasierklingenschluckern und Pfurzern auftrete, dass ich gewinnen werde".

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Wenn er sich zurückerinnert, zählt die Castingshow nicht zu seinen absoluten Highlights. "Mein erster Höhepunkt war ein Konzertbesuch, als mich Hanni mit 12 Jahren zum ersten Mal zu einem Beethoven Klavierkonzert mitgenommen hat. Das war die Initialzündung, symphonisch zu denken."
Nie vergessen werde er auch seinen 50. Geburtstag. Er stand mit Stars wie Toto und En Vogue in der Kölner-Arena bei "Night of the Proms" vor 16.000 Zuschauern. "Plötzlich singen die großen Musiker mit dem Publikum gemeinsam Happy Birthday. Ich war glücklich wie ein Kind."

Wohltäter

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Jasmin Sahin ist die Liebe seines Lebens. Gemeinsam setzen sie sich mit dem Projekt UNESON für Kinder ein. 10.000 Kinder aus aller Welt beteiligten sich bisher daran, bemalen kleine Quadrate, aus denen ein "Patchwork-Friedensmantel" entsteht, der mittlerweile 500 Quadratmeter groß ist. Mit Spendengeldern und einem Teil von Freddys Gagen werden Schulen und Migrantenkinder gefördert. Von Wien bis Nepal. Von Peru bis Afrika.

Die hartnäckigen Recherchen seiner Frau waren es, die ihn zu seinen Wurzeln führten. Sie fand das Grab seiner leiblichen Mutter, die mit 52 Jahren an Nierenkrebs starb, und seine vier Halbgeschwister. So kam das traurige Heimkind, das sich nichts sehnlicher wünschte als adoptiert zu werden, jetzt doch noch zu einer Familie. Eine große Patchwork-Familie, die zum Patchwork-Friedensteppich passt.

Sonntagsfragen

Mein erster Gedanke beim Aufwachen
Aurelius. Er steht an meiner Seite und sagt, ich soll aufstehen.

Ich träume ...

zu jeder Zeit. Die größte Vision wäre, wenn ich meine Geschichte auch noch als Film umsetzen könnte.

Wenn ich Zeit habe ...
höre ich viel Musik, egal welche.

Humor ist .. .

wenn Jasmin und ich auf Reisen sind und alle Dialekte durchspielen, die uns begegnen.

Das schönste Frühstück ist ...
mit Freunden auf einem riesen Bauerntisch auf der Wiese.

Meine Sonntagslektüre ist
keine. Ich höre lieber den Deutschlandfunk. Meine Frau sagt "Totensender" dazu. Ich
habe schon als Kind nicht gerne gelesen. Mit den Kindern lese ich jeden Abend. Aber ich bin ein Freund von Hörbüchern. Krimis.

Den Appetit verderben mir

Belanglose Gespräche.

Auf keinen Fall esse ich

Austern.

Am liebsten esse ich

Zartes kurz gebratenes Fleisch.

(kurier) Erstellt am
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