Frühstück mit Andreas Lust

<strong>Hysterisch</strong> und manchmal allzu aufgeregt – so versteht sich Andreas Lust im Vergleich zu Frau Tabea, der Mutter seines 15 Monate alten Sohnes Eduard.
Foto: KURIER/Schraml

Bildhaft. In seiner Geburtsstadt spricht der Schauspieler über sein Zuhause in Berlin, böse Buben-Banden, ungefragte Kritik und ein improvisiertes Rendezvous.

Hundstage in Wien. In aufgekrempelten Jeans, T-Shirt, Sakko und mit brennender Zigarette hält er an der Schwelle zum Café Westend Ausschau nach dem Gesprächspartner und wird fündig. "Drinnen? Ich rauche nur schnell draußen fertig."

Dann nimmt Andreas Lust Platz und ordert "zuallererst unbedingt eine Melange", ehe er erklärt: "Ich hoffe, das Rauchen demnächst sein lassen zu können, denn ich fühle mich schon irgendwie belegt damit." Der 43-Jährige raucht, seit er 16 Jahre alt ist. Seit den 80er-Jahren, als noch nicht die Rede war von einer Filmkarriere, die mittlerweile 18 Jahre andauert. Damals, als niemand wusste, dass er, der Zivildienst leistete, den Präsenzdiener Rumpler in "Ich gelobe", den Polizisten im Oscar nominierten Kinofilm "Revanche", den Zyniker in "Der Kameramörder" und den Marathonläufer in "Der Räuber" spielen und dafür mit dem "Diagonale Schauspielerpreis 2010" geehrt werden würde. Ganz zu schweigen vom drei Jahre andauernden ORF -Serienerfolg "Schnell ermittelt", in dem Lust - wie gegenwärtig - als Ex-Mann von Ursula Strauss und Pathologe vor der Kamera steht.

<strong>Hysterisch</strong> und manchmal allzu aufgeregt – so versteht sich Andreas Lust im Vergleich zu Frau Tabea, der Mutter seines 15 Monate alten Sohnes Eduard. Foto: KURIER/Schraml Hysterisch und manchmal allzu aufgeregt – so versteht sich Andreas Lust im Vergleich zu Frau Tabea, der Mutter seines 15 Monate alten Sohnes Eduard.

Am Kaffeehaustisch kommt erst eine halbe Stunde später die Sprache auf seinen Beruf, denn er hat so viel mehr zu erzählen. Und das tut der Schauspieler. In filmischen Bildern, spielerischen Bewegungen. Eindrücklich, ohne jemals aufdringlich zu wirken.

Seine Hände und seine graugrünen Augen führen allzeit Regie, wenn sie den Zuhörer mit in seine Vergangenheit und Gegenwart nehmen. Sie gewähren Einblicke in eine Kindheit, in der die alleinerziehende Mutter, weil "vom Vater getrennt oder geschieden oder wie auch immer, in der Fabrik arbeitete und des Nächtens zu Hause an der elektrischen Schreibmaschine tippte, um mehr Geld zu verdienen und um mich auf eine gute Schule schicken zu können". Das Kollegium Kalksburg schwänzte er jedoch gelegentlich. "Ich wollte immer raus, etwas Neues erleben."

Lehrhax'n in Venezuela

Raus aus der Schule, das hieß rein in eine "böse Buben-Bande, die jeden Blödsinn gemacht hat, den man sich vorstellen kann. Auch Kleinkriminelles. Kein wirklich guter Einfluss auf jeden Fall." Dem konnte sich Lust denn auch entziehen, da ihn etwas Stärkeres in den Bann zog.
Statt in die Schule ging er mit einem Kunstgeschichte-Assistenten durch das Palais Liechtenstein. "Da hat sich mir eine Welt erschlossen. Die Kunstwelt, die für mich immer größer wurde, mich immer mehr bereichert hat." Dass seine Rolle in der Kunstwelt eine schauspielerische sein würde, wusste er schon damals, bestärkt durch Menschen, die an ihn glaubten.

<strong>Hysterisch</strong> und manchmal allzu aufgeregt – so versteht sich Andreas Lust im Vergleich zu Frau Tabea, der Mutter seines 15 Monate alten Sohnes Eduard. Foto: KURIER/Schraml Hysterisch und manchmal allzu aufgeregt – so versteht sich Andreas Lust im Vergleich zu Frau Tabea, der Mutter seines 15 Monate alten Sohnes Eduard.

Bevor er am Salzburger Mozarteum Schauspiel studierte, weil er wieder "raus wollte, etwas Neues erleben", ging er nach Venezuela. "Ich habe meinen Freund Georg nach Caracas begleitet. Aus einem Dreimonatsvisum ist über ein Jahr geworden." Und ein Job als "Lehrhax'n" in einer Tischlerei für Kolonialstilmöbel, ein Leben in einer Rasta-Kommune in Trinidad und Tobago und eine bleibende Erkenntnis. "In Tobago war es 'Enjoy yourself'. Du stehst auf einer Brücke und aus der Ferne beginnt jemand zu winken, nimmt so die Kommunikation auf und ruft: 'Watch me comin', see my moves!' Und die anderen schreien: ,Das machst du großartig, wie du da kommst!' Und bis der Typ da ist, ist eine Stunde vergangen. Man zelebriert einfach den Augenblick!" Und man genießt diesen Augenblick als Gegenüber, da Lust dazu tanzende Bewegungen, das Geschehene gleichsam nacherlebbar macht. Ebenso wie jenen Augenblick, der weniger mit Bildern denn mit Worten auskommt, als der Schauspieler seinen Vater nach Jahren bei einer Theateraufführung wiedersieht. "Mir ist nur in Erinnerung, dass er es für Schmafu, für Kasperltheater gehalten hat. Das tut er jetzt nicht mehr."

<strong>Hysterisch</strong> und manchmal allzu aufgeregt – so versteht sich Andreas Lust im Vergleich zu Frau Tabea, der Mutter seines 15 Monate alten Sohnes Eduard. Foto: KURIER/Schraml Hysterisch und manchmal allzu aufgeregt – so versteht sich Andreas Lust im Vergleich zu Frau Tabea, der Mutter seines 15 Monate alten Sohnes Eduard.

Lust, der für seine zwölf Jahre jüngere Schwester Alice "nicht so sehr Bruder, sondern eher so etwas wie eine Vaterfigur war", ist seit 15 Monaten selbst Vater. Eduard und Tabea (31), "meine Frau, auch wenn wir noch nicht dazu gekommen sind zu heiraten", leben in Berlin. Dorthin zog es ihn immer, wenn er wieder "raus wollte, etwas Neues erleben. In Wien kann man es sich so furchtbar leicht bequem machen."

Darauf hat Lust keine Lust. Das passt auch nicht zum Schauspieler, gewinnt man den Eindruck, der früher einen Stempel aufgedrückt bekam, auf dem stand: "Achtung! Schwierig oder kompliziert.'" Wie das? "Ich dachte immer, dass Kritik das Beste ist, was man geben kann. Das ist ein Irrtum! Im Grunde will jeder nur eine gute Zeit haben. Es gibt wenige, die an einer konstruktiven Auseinandersetzung Interesse haben." Die fand er in Regisseuren wie Benjamin Heisenberg, Götz Spielmann, Tim Trachte oder Kollegen wie Ursula Strauss, "weil auch sie den Anspruch hat, immer das Beste rausholen zu wollen". Und die fand er in Berlin.

Kellner im Muschi Obermair

<strong>Hysterisch</strong> und manchmal allzu aufgeregt – so versteht sich Andreas Lust im Vergleich zu Frau Tabea, der Mutter seines 15 Monate alten Sohnes Eduard. Foto: KURIER/Schraml Hysterisch und manchmal allzu aufgeregt – so versteht sich Andreas Lust im Vergleich zu Frau Tabea, der Mutter seines 15 Monate alten Sohnes Eduard.

"Ich hatte seit den 80ern immer einen Koffer und ein Zimmer in Berlin und eine Wohnung in Wien. Vor sechs Jahren habe ich es umgedreht." Bevor er jedoch von Berlin-Mitte, dem Kiez-Wesen, den Künstlern und Gastronomen wie Freund und "Strandbar"-Erfinder Christian Schulz und seiner Zeit als Kellner im "Muschi Obermair" erzählt ("nicht nur um Geld zu verdienen, sondern um in das Sozialwesen der Stadt einzusteigen, Leute kennenzulernen") - Szenenwechsel.

Raus in den Schanigarten des Café Westend, eine Zigarette rauchen und rein in sein Familienleben, das partout vor der Kamera begann. "Ich spielte in einem Kurzfilm einen Mann, dessen Heimat ein Platz am Tresen ist. Jana, die Regisseurin, hat mir immer neue Leute an den Tresen im ,Keyser Soze' geschickt. Tabea war an diesem Abend, an dem alles improvisiert war, Kellnerin. Bei ihrer Endabrechnung haben wir uns quasi vor laufender Kamera unser erstes Rendezvous ausgemacht." Das war 2007.

<strong>Hysterisch</strong> und manchmal allzu aufgeregt – so versteht sich Andreas Lust im Vergleich zu Frau Tabea, der Mutter seines 15 Monate alten Sohnes Eduard. Foto: KURIER/Schraml Hysterisch und manchmal allzu aufgeregt – so versteht sich Andreas Lust im Vergleich zu Frau Tabea, der Mutter seines 15 Monate alten Sohnes Eduard.

Heute ist Tabea Anästhesistin an einer Berliner Klinik, Mutter seines Sohnes und "meine Bodenhaftung. Und sie ist Stier." Was heißt das? " Sie hat einfach immer recht. Meine Frau ist einfach unglaublich gescheit! Und: Tabea hat immer den großen Überblick, eine wahnsinnige Ruhe, kann Dinge auch mal sein lassen im Gegensatz zur hysterischen Aufgeregtheit, die ich habe", spricht er humor- wie liebevoll von seiner Frau. Sie nahm ihn auch mit in die Klinik, weil er für die Rolle des Anästhesisten in "Davon willst Du nichts wissen" alles wissen wollte.

In den Seziersaal begab er sich für seine Rolle in "Schnell ermittelt". Niemals Berührungsängste gehabt? "Es ist seltsam, wenn man den ersten Toten in seinem Leben aufschneidet. Aber ich habe auch zum ersten Mal in meinem Leben gesehen, dass es so etwas wie eine Seele gibt. Es gibt eine Lebensenergie, und wenn die nicht mehr im Körper ist, dann ist es nur noch ein Haufen Fleisch."

Vor ihm steht längst die bestellte Eierspeise, die er kräftigt salzt, pfeffert, von der er isst und dabei wie selbstverständlich weiterspricht. Das ist im Auge des Betrachters nicht cool, sondern beweist, dass Lust keine Berührungsängste hat. "Ich wäre nicht Schauspieler geworden, wenn ich nicht das instinktive Bemühen hätte, nachspüren und nachvollziehen zu wollen, was in Menschen vorgeht, was sie berührt. Ich bilde mir ein, ein empathischer Mensch zu sein." Was berührt ihn? "Emotionale Offenheit! Wenn jemand im größten Fettnapf steht, stelle ich mich sofort dazu, weil ich emotionale Offenheit für etwas unglaublich Schützenswertes halte."

Sonntagsfragen

Frühaufsteher oder Langschläfer?
Beides! Ich kann lange schlafen, aber wenn ich früh aufstehen muss, dann komme ich sehr schnell in die Gänge.

Tee oder Kaffee?
Es gab eine Zeit, da habe ich mir eingebildet, ich brauche Tee in der Früh. Mittlerweile ist es wieder Kaffee mit Milch und Zucker. Am Set trinke ich immer relativ viel Kaffee.

Mein erster Blick in den Spiegel

Der findet ganz spät statt. Ich vermeide den Blick in den Spiegel, vor allem, wenn ich davor noch keinen Kaffee getrunken habe. Und wenn er dann denn stattfindet? Ja, wenn er dann denn stattfindet, versuche ich dem Anblick etwas Humorvolles abzugewinnen. Wie macht das ein Schauspieler in der Maske? Ich habe in der Maske immer die Augen zu. Das ist großartig: Du setzt dich, schließt die Augen und genießt das sanfte Angreifen der Maske zum Zwecke der Verschönerung.

Mein schönstes Frühstück wäre
Zu Hause in Berlin, wenn der Kleine nicht in die Kita (Anm. Kindertagesstätte) und
Tabea nicht in die Klinik geht.

Tabu ist für mich
Jede Form der Unterdrückung. Zum Beispiel Rassismus oder Gewalt.

Mein Luxus am Sonntag
Ich bin ein In-den-Tag-hinein-Gondler. Es gibt tausend Dinge, die mir einfallen. Wenn ich alleine bin, dann frühstücke ich, fange mit Internet an, betreibe ausgiebig Körperpflege, telefoniere, beginne aufzuräumen, bleibe bei etwas hängen - das eine geht ins andere über, das ist sehr assoziativ. Ich kann wunderbar Tage, ja Wochen mit mir alleine verbringen. Damit habe ich überhaupt kein Problem.

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?