Sport
28.04.2017

Ein Box-Schlagabtausch im Fußball-Tempel

Den Kampf zwischen Joshua und Klitschko werden 90.000 Fans im Wembley sehen. Rekord ist das keiner.

Das gab es schon lange nicht mehr: Wladimir Klitschko geht am Samstag (23.00 Uhr MESZ/live RTL) als Außenseiter in einen Boxkampf. Bei den meisten Wettanbietern bekommt man für einen Sieg des 27-jährigen IBF-Weltmeisters Anthony Joshua (siehe unten) weniger Geld ausbezahlt als für einen Erfolg des 41-jährigen Ukrainers.

Ein Jahrzehnt lang blieb Klitschko im Schwergewicht unangetastet. Dann verlor er im November 2015 überraschend gegen Tyson Fury (GBR). "Normalerweise muss man sich nach so einer Niederlage hinten in die Schlange stellen", sagt Klitschko, der dankbar ist ob der Chance, die er bekommen hat: "Die Chance auf einen Kampf gegen den aktuell stärksten Mann im Schwergewicht auf der größten Bühne, die vorstellbar ist."

Es geht um den Schwergewichtstitel der IBF, den Joshua derzeit hält. Außerdem wird der Superchampion der WBA ermittelt. Zudem darf sich der Sieger Weltmeister der IBO nennen. Tatsächlich ist das Duell der größte Boxkampf seit Langem – was die Zuschauerzahl betrifft. 90.000 Zuschauer werden im seit Wochen ausverkauften Wembley-Stadion in London vor allem Anthony Joshua die Daumen drücken.

"Ich habe das schon im Kopf durchgespielt", sagt der erfahrene Klitschko, der von seinen 68 Kämpfen 64 gewonnen hat, 54 davon durch K.o. "Ich höre die Stimmen der Zuschauer, die schreien wahrscheinlich nicht Klitschko, sondern Joshua." Doch der Dr. Steelhammer genannte ist sich sicher: "Am Ende werde ich den Applaus bekommen." Die Kulisse wird eindrucksvoll sein. Einzigartig ist sie allerdings auch im Boxsport nicht.

132.274 in Mexico City

Der Zuschauerrekord bei einem Boxkampf wurde am 20. Februar 1993 aufgestellt. Exakt 132.274 Fans sollen im Aztekenstadion den Sieg von Lokalmatador Julio César Chávez gegen Greg Haugen (USA) gesehen haben.

102.000 in Hamburg

Am 26. August 1934 besiegte der damals 29-jährige Deutsche Max Schmeling seinen 27-jährigen Landsmann Walter Neusel auf einer Sandrennbahn in Hamburg. Nie wieder waren in Europa so viele Zuschauer bei einem Boxkampf.

100.000 in Kinshasa

Bis heute gilt das Duell um den Schwergewichtstitel als "größter Boxkampf aller Zeiten". 100.000 frenetische Zuschauer sahen am 30. Oktober 1974 um 4 Uhr Ortszeit den Sieg von Muhammad Ali gegen den als unbesiegbar geltenden George Foreman.

91.000 in Jersey City

Jack Dempsey (USA) verteidigte am 2. Juli 1921 seinen Schwergewichts-Titel durch K.o. in der vierten Runde gegen Georges Carpentier (FRA). Die Anlage in Jersey City wurde eigens errichtet, 91.000 Zuschauer waren live dabei, Millionen hörten zu, denn es war der erste Fight, der im nationalen Radio übertragen wurde. Der Kampf brachte mit 1,8 Millionen Dollar die erste Millionen-Einnahme der Boxgeschichte.

Joshua lässt nur noch im Ring die Fäuste sprechen

27 Jahre. Kein Alter, um schon eine Lebensgeschichte zu verfilmen. Aber Joshua Anthony tischte schon die G’schichten auf, die ganz gerne über Boxer erzählt werden. Der Sohn nigerianischer Einwanderer war, bevor es im Ring Schlag auf Schlag ging, ein richtiger Schlägertyp. Und das nicht im übertragenen Sinne. "Meine Mutter gab ihr Bestes, aber ich war ein wilder Bursche. Ich habe mich auf den Straßen geprügelt und verrückte Sachen gemacht", erzählt Joshua.

Obwohl der gelernte Maurer auch mit dem Fußball und auf der 100-Meter-Bahn (11,6 Sekunden) eine grandiose Figur machte, stand er sich auf der harten Straße ins "anständige" Leben selbst im Weg. Das Gesetz der Straße bestimmte sein Handeln, das Gesetzbuch war sein Gegner. Anzeigen wegen Körperverletzung standen auf der Tagesordnung des Teenagers.

Sozialarbeiter

Probleme gab es aber nicht nur, wenn er die Fäuste sprechen ließ. Vor sieben Jahren erwischte ihn die Polizei bei einer Verkehrskontrolle mit 240 Gramm Cannabis. Er saß zwei Wochen in Untersuchungshaft, ihm drohte eine lange Haftstrafe. Die Justiz war gnädig, der Richter ließ Gnade walten. Joshua wurde zu 100 Stunden Sozialarbeit verurteilt, zudem gab es eine einjährige Ausgangssperre zwischen 20 Uhr und 6 Uhr, an die er sich hielt, während er am Tag gnadenlos trainierte (damals schon bis zu 13 Stunden lang täglich).

"Die Chancen für eine Verurteilung standen 50:50. Ich hätte zehn Jahre bekommen können", erinnert sich Joshua, "dann säße ich heute noch immer und wäre erst mit 28 wieder draußen."

Joshua war dankbar für das Urteil, das seine Karriere rettete. Mittlerweile schlägt er wirklich nur noch im Ring zu. Und das gewaltig.

Siegertyp

Alle 18 Profikämpfe beendete der 1,98-Meter-Hüne vorzeitig, nur zwei Mal musste Joshua über die dritte Runde hinausgehen. Zuvor wurde er 2012 als Amateur Olympiasieger im eigenen Land. Außerhalb der Schlägerzone war er ruhig, kein Großmaul, wie es gelegentlich Boxer waren und sind. Eine eigene Villa gibt es auch (noch) nicht. Joshua residiert nach wie vor im Hotel Mama. Er verbringt viel Zeit mit seinem zweijährigen Sohn Josep und lässt sich gerne mit seinen Neffen und Nichten für die Sozialen Netzwerke ablichten.

Joshua hat gelernt, ehrfürchtig zu sein. Sollte es am Samstag im Kampf gegen Wladimir Klitschko über die volle Distanz von zwölf Runden gehen, hofft er auf Fairness der (Punkte-)Richter. Vielleicht bleibt Joshua ein zu hartes Urteil erspart.

Wie vor sieben Jahren.

Die Zahlen rund um den "Rumble in the Wembley"

Nicht nur auf dem Zuschauersektor wird der Fight am Samstag ein Spektakel. Auch was das Finanzielle betrifft, darf in die Fäuste gelacht werden. Insgesamt soll der Kampf umgerechnet rund 50 Millionen Euro in die Kassen spülen. Einen Großteil bringt das englische Pay-TV mit rund 30 Millionen Euro. Dazu kommen Erträge aus dem Ticketing (rund zehn Millionen Euro), Sponsoring und Merchandising. Und: Pro Boxer-Nase gibt es umgerechnet fast 20 Millionen Euro. Alle Zahlen sind inoffiziell.

Das ist jedoch ein Taschengeld im Vergleich zum Jahrhundert-Fight im Weltergewicht zwischen dem Amerikaner Floyd Mayweather und Manny Pacquiao von den Philippinen im Mai 2015. Der spülte umgerechnet rund 465 Millionen Euro in die Kassen. Sieger Mayweather kassierte damals allein rund 150 Millionen Dollar (heute rund 137 Mio. Euro), sein Gegner 100 Millionen Dollar.

Biss-Fest

Die bislang höchste Gage im Schwergewicht gab es 1997 – die US-Stars Evander Holyfield und Mike Tyson erhielten beim WM-Kampf in Las Vegas je 35 Millionen Dollar (rund 32 Mio. Euro). Der Kampf endete mit einem Ohrenschmaus: Mike Tyson wurde schon nach drei Runden disqualifiziert, nachdem er seinem Kontrahenten ein Ohr abgebissen hatte.