Sport
22.10.2017

"Wir sind Brüder und Schwestern"

Noch 100 Tage bis zu den Olympischen Spielen in Südkorea. Die Begeisterung dafür hält sich ebenso in Grenzen wie die Furcht vor dem Nachbarn im Norden. Angst hat man vor wem ganz anderen.

Muss das denn unbedingt sein, haben sie gesagt. Willst du da wirklich hin, haben sie gefragt. Jeder hat doch die Meldungen und Schlagzeilen mitbekommen, die in der westlichen Welt seit Monaten über die Lage auf der koreanischen Halbinsel zu lesen waren. Erst vor einer Woche hatte Nordkoreas stellvertretender UNO-Botschafter, Kim In Ryong, wieder gemeint, dass "jederzeit ein Atomkrieg ausbrechen könne."

Lokalaugenschein in der Region Pyeongchang, in der in 100 Tagen die Olympischen Winterspiele eröffnet werden. Keine hundert Kilometer sind es von hier bis zur Grenze, die den Süden seit dem Jahr 1953, seit dem Ende des Korea-Krieges, vom Norden trennt. Die Ruhe und Gelassenheit, mit der die Menschen in Pyeongchang ihr Leben bewältigen, würde man sich gerne auch von den Machthabern wünschen, die für die brisante aktuelle Situation verantwortlich sind. "Wir leben seit Jahrzehnten damit. Das ist unser Alltag", ist in Gesprächen mit Südkoreanern immer wieder zu hören. Niemand scheint hier Angst zu haben, dass die Lage tatsächlich eskalieren könnte. Die Österreicher machen sich über Flüchtlinge, die übers Mittelmeer kommen, deutlich mehr Sorgen als die Südkoreaner über Raketen, die vom Nachbarn im Norden abgefeuert werden könnten. "Wir sind keine Feinde, wir sind Brüder und Schwestern", wird gerne betont.

Keine Hektik

Das erklärt dann auch, warum die regelmäßigen Drohgebärden von Nordkoreas Diktator Kim Jong-un im Westen weit mehr Gehör finden als in Südkorea. Die jüngste Ankündigung, dass bald ein Atomkrieg beginnen könne, schaffte es nicht einmal auf die Titelseite von The Korea Times, der englischsprachigen Tageszeitung. Im Gegensatz zu Sebastian Kurz, der nach seinem Wahlsieg als Whizz Kid gepriesen wird, als Wunderkind.

Zurück nach Pyeongchang, wo dieser Tage nicht einmal auf den zahlreichen Olympia-Baustellen Hektik herrscht. Dreieinhalb Monate vor Beginn der Spiele sind bereits 98,6 Prozent der Anlagen fertig, wie Hyungkoo Yeo stolz verkündet. Der Generalsekretär des Organisationskomitees kommt freilich nur selten dazu, die Vorzüge der Winterspiele anzupreisen. Wie etwa die kurzen Wege zwischen den Veranstaltungsorten in der Küstenstadt Gangneung, wo die Eisbewerbe stattfinden, und dem Sportpark Alpensia im Hinterland, das mit seinen vielen Hügeln an den Wienerwald erinnert.

Vielmehr muss Hyungkoo Yeo ausländischen Besuchern immerfort Fragen zur Sicherheit der Spiele beantworten. "Unsere Regierung tut alles, um die Sicherheit zu gewährleisten", predigt der OK-Generalsekretär, doch angesichts des verbalen Dauerfeuers zwischen Nordkorea und den USA hat er es schwer, mit seiner Botschaft zu den Sportfans im Ausland durchzudringen.

Kein Interesse

Das Interesse an den Spielen in Südkorea ist, um es höflich zu formulieren, überschaubar. Oder in den Worten von Petra Vieten, der Leiterin des Partner-Reisebüros des ÖOC: "Die Leute sagen uns: ,Selbst wenn ihr mich einladet, dann würde ich dort nicht hinfahren." Gerade einmal drei Ticketbestellungen aus Österreich hat Vieten bislang entgegengenommen.

Die Schuld jetzt nur bei Kim Jong-un und seinem US-Widerpart Donald Trump zu suchen, wäre aber zu einfach. Es sind auch die hohen Preise und die fehlenden Hotelbetten, die viele von der Reise zu den Winterspielen abhalten. "Meine Freundin und meine Eltern bleiben daheim. Es ist dort zu teuer", berichtet Skisprung-Doppelweltmeister Stefan Kraft.

Aber auch die Koreaner selbst scheinen noch nicht Feuer und Flamme für Olympia zu sein. Nicht einmal ein Drittel der Eintrittskarten ist verkauft, es wird nicht leicht, das angepeilte Ziel von 1,07 Millionen Zusehern zu erreichen. Dafür gibt es zu viele Disziplinen, in denen Südkorea ein sportliches Niemandsland ist.

Keine Athleten

Die Koreaner können sich in erster Linie für die Eissportarten wie Shorttrack, Eisschnell- und Eiskunstlauf begeistern, die Brettl’n hingegen bedeuten in Südkorea nicht die Welt. In Sportarten wie Biathlon oder Rodeln haben die Koreaner sogar Athleten aus Russland und Deutschland eingebürgert, um bei Olympia Teilnehmer stellen zu können. Dass nach den Spielen viele Sportstätten wieder abgebaut werden, passt genauso ins Bild wie die Szenerie in der Hauptstadt Seoul, in der die olympische Spurensuche nicht wirklich von Erfolg gekrönt ist.

Tatsächlich hat das Land andere Sorgen als Olympia. Südkorea bezahlt jetzt den Preis für den rasanten Aufstieg von einem der ärmsten Länder zu einem Big Player in der Weltwirtschaft. Der Leistungsdruck ist in der Gesellschaft so ausgeprägt, dass die Geburtenrate heute so niedrig ist wie kaum woanders auf der Welt (1,25). Gleichzeitig ist die Selbstmordrate so hoch wie in keinem anderen Land (50 Tote am Tag).

Wo das alles noch einmal enden wird? Wer mit Südkoreanern über die Zukunft des Landes spricht, bekommt häufig zu hören: "Irgendwann werden sich Süd- und Nordkorea wieder vereinen. Wir gehören zusammen."

Das erklärt vieles. Auch die wahren Ängste, die die Menschen in Korea haben. Wie meinte doch gleich ein Arbeiter im Olympischen Dorf: "Wir fürchten nicht Nordkorea. Wir fürchten Donald Trump."

"Diese Sache wird im Westen hochgespielt"

Harald Springfeld kann keiner so schnell aufs Glatteis führen. Seit mehreren Jahren kümmert sich der Tiroler im Auftrag des Weltverbandes um die Entwicklung des Eishockey-Sports in Asien. Diese Mission führte den ehemaligen Spieler der Innsbrucker Haie unter anderem auch schon nach Nordkorea oder in die Mongolei. "Ich komme teilweise auf 120 Flüge im Jahr", erklärt Springfeld, der mit seiner chinesischen Frau Hui und dem drei Jahre alten Sohn Justin in Peking wohnt.

Für die Olympischen Spiele in Pyeongchang fungiert er als offizieller Berater für die Eishockey-Bewerbe. Eine Tätigkeit, die der 39-Jährige auch im Jahr 2022 bei den kommenden Winterspielen in Peking ausfüllen wird.

Harald Springfeld über ...

das Leben in Korea"Man kann Korea, China, aber auch Japan nicht vergleichen und muss sich in jedem Land auf die Arbeitsweise einstellen. Was man aber schon seit Anfang sehen kann: Die Koreaner wollen etwas bewegen und ein perfektes Umfeld bieten. Sie hatten dabei eine steile Lernkurve. Wir, und ich sage das jetzt als einer, der seit Längerem in Korea ist, brauchen uns sicher nicht verstecken."

die Mentalität der Koreaner "Sie sind sehr herzliche Leute, die sehr gut zuhören und alles gut umsetzen, was man ihnen sagt. Und dabei sind sie streng hierarchisch organisiert, das erklärt auch den Aufschwung, den das Land genommen hat. Wenn man sich jetzt Firmen wie Samsung, Hyundai oder LG ansieht, die Weltmarken sind, dann können die Koreaner nicht viel falsch gemacht haben. Sie machen es anders. Ich habe viel gelernt in den zwei Jahren, die ich da war."

seine Abstecher nach Nordkorea "Ich war zwei Mal dort für den Weltverband und habe Coaching-Programme gefördert. Es ist natürlich nicht alles gut, was die Herrschaften dort drüben machen, aber man muss immer beide Seiten sehen. Man hört Horrorgeschichten, aber ich habe auch ein anderes Nordkorea erlebt. Auch bei den internationalen Kongressen, an denen Nordkorea teilgenommen hat."

den aktuellen Konflikt zwischen den USA und Nordkorea "Man kriegt hier nicht so viel mit. Es gibt keine Angst. Ich glaube jedenfalls, dass diese Sache, wie auch viele andere Angelegenheiten, in der westlichen Welt hochgespielt werden."

den Eishockeysport in Korea "Eishockey ist hier sicherlich nicht der Sport Nummer 1. Aber durch die Olympischen Spiele haben die Koreaner sehr viel vorwärts gebracht. Sie haben sich jetzt sogar für die Weltmeisterschaft qualifiziert. Ohne Olympia wäre das vermutlich nicht passiert. Allein hier in Gangneon, wo die Bewerbe stattfinden, haben sich drei Amateurmannschaften gebildet. Und das ist überhaupt keine Wintercity. Ich bin inzwischen selbst Trainer von einer Mannschaft, von den Tigers."

die Olympiabegeisterung im Land "Es gibt sicher einige Sachen, die man noch tun muss, aber der Vorteil ist, dass man Koreaner leicht begeistern kann. Ich glaube, dass der Funken erst so richtig überspringt, wenn die Veranstaltung dann da ist. In den Gesprächen mit den Leuten merkt man aber jetzt schon, dass sie sich freuen."

das Heimweh in Asien "Mich zieht es nicht nach Österreich zurück, weil mein familiärer Lebensmittelpunkt hier ist. Ich fliege jedes Wochenende nach Peking zur Familie. Was ich aber schon vermisse, das ist unser Essen. In Korea gibt es leider kein Schwarzbrot."