Tournee: Schlierenzauer wieder Zweiter

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Foto: ap Gregor Schlierenzauer holt einmal mehr die ÖSV-Kohlen aus dem Feuer.

Den Sieg sichert sich wie schon in Oberstdorf der Norweger Anders Jacobsen. Thomas Morgenstern wird Elfter.

Anders Jacobsen ist irgendwie ein schräger Vogel. Wie er am Dienstag im ersten Durchgang auf der Olympiaschanze in Garmisch so dahergeflogen kam, da erinnerte der 27-jährige Norweger eher an eine Schnapsdrossel als an einen Adler. Jacobsen wackelte in der Luft bedrohlich hin und her, auf und ab. Er hatte sichtlich Mühe, Haltung zu bewahren und nicht einen kapitalen Bauchfleck zu fabrizieren. "Ich bin mir ein bisschen wie ein Hubschrauber vorgekommen", sollte der Norweger später über seine Stunt-Einlage sagen.

Dass Jacobsen mit dieser eigenwilligen Technik trotzdem 131 Meter flog, macht ihn zu einem echten König der Lüfte. Dass er trotz dieser wilden Turbulenzen nun auch das Neujahrsspringen in Garmisch gewann, macht ihn endgültig zum Top-Favoriten auf den Tourneesieg.

Der norwegische Routinier, der letztes Jahr die Tournee noch als Skisprung-Pensionist verfolgt hatte, überflügelte auch im zweiten Bewerb die Konkurrenz. Und der Triumph in Garmisch-Partenkirchen war fast noch eindrucksvoller als der Auftaktsieg am Sonntag in Oberstdorf, auch wenn der Vorsprung diesmal deutlich geringer war.

Aufholjagd

Neun Zehntelpunkte waren es am Ende, mit denen Jacobsen Tournee-Titelverteidiger Schlierenzauer noch den sicher geglaubten Sieg entriss. Gegen den 143-Meter-Flug, mit dem sich der norwegische Überflieger in Überform noch vom neunten Platz ganz nach vorne katapultiert hatte, war auch der starke Schlierenzauer chancenlos. "Anders war wieder knapp der Bessere", musste auch Halbzeit­leader Schlierenzauer zugeben. 8,7 Zähler Vorsprung und 136,5 Meter waren zu wenig, um diesem norwegischen Luftikus den Wind aus den Segeln zu nehmen. "Der Sprung war nicht schlecht, aber auch nicht perfekt", meinte der zweitplatzierte Tiroler.

Jacobsen und Schlierenzauer schweben bei dieser Tournee in anderen Sphären. Alle anderen Konkurrenten sind zur Halbzeit längst abgeschüttelt oder überhaupt aus dem Rennen. Der Schweizer Simon Ammann? In Garmisch nicht im Finale. Der Deutsche Severin Freund? Am Dienstag abgeschlagener 15. Der drittplatzierte Norweger Tom Hilde? Aussichtslos 40 Punkte zurück.

Einzelkämpfer

Bleibt also nur noch Gregor Schlierenzauer. Der 22-jährige Titelverteidiger hat als einziger Anders Jacobsen noch nicht aus den Augen verloren: 12,5 Punkte Rückstand , umgerechnet sieben Meter, kann ein Mann wie er am Bergisel (4. 1.) und in Bischofshofen (6.1.) durchaus wettmachen. "Die Tournee ist noch nicht vorbei", betont Schlierenzauer gebetsmühlenartig.

Aber ist diesem Anders Jacobsen beizukommen, wenn er selbst mit einem kapitalen Bock der Platzhirsch ist?

"Ich war nach dem ersten Sprung schon etwas verunsichert", sagte der Tournee-Leader und lächelte verschmitzt, "aber mir macht das Skispringen derzeit einfach extrem viel Spaß. Und ich habe an meine Chance geglaubt."

Das tut auch Schlierenzauer – und nimmt sich Anleihen bei Jacobsen. "Bei ihm hat man gesehen, dass bei einem Sprung sehr viel passieren kann."

Endstand in Garmisch

1. Anders Jacobsen (NOR)            277,7 (131,0/143,0)
 2. Gregor Schlierenzauer (AUT)      276,8 (134,0/136,5)
 3. Anders Bardal (NOR)              267,2 (136,5/135,5)
 4. Tom Hilde (NOR)                  266,4 (133,5/138,0)
 5. Maciej Kot (POL)                 265,7 (134,5/135,0)
 6. Kamil Stoch (POL)                261,8 (142,0/131,5)
  . Dmitrij Wassilijew (RUS)         261,8 (132,5/132,0)
 8. Jaka Hvala (SLO)                 254,2 (136,0/130,0)
 9. Andreas Wellinger (GER)          253,0 (133,0/131,5)
10. Peter Prevc (SLO)                252,6 (131,5/131,0)
11. Andreas Wank (GER)               252,5 (128,0/132,0)
  . Thomas Morgenstern (AUT)         252,5 (133,0/133,0)
13. Robert Kranjec (SLO)             252,3 (130,5/132,0)
14. Martin Schmitt (GER)             252,0 (131,0/129,0)
15. Severin Freund (GER)             251,9 (129,5/130,5)
16. Jan Matura (CZE)                 251,7 (132,0/129,0)
17. Wladimir Zografski (BUL)         251,2 (127,0/134,0)
18. Roman Koudelka (CZE)             250,8 (130,0/130,0)
19. Andreas Kofler (AUT)             249,6 (130,5/132,0)
20. Anders Fannemel (NOR)            247,7 (132,0/129,0)
21. Michael Neumayer (GER)           246,1 (127,5/132,0)
22. Maximilian Mechler (GER)         245,1 (125,5/132,0)
23. Danny Queck (GER)                242,8 (129,5/126,0)
24. Manuel Fettner (AUT)             241,4 (131,5/125,0)
25. Richard Freitag (GER)            241,2 (127,5/129,5)
26. Rune Velta (NOR)                 240,4 (128,5/126,0)
27. Lauri Asikainen (FIN)            236,4 (127,0/127,5)
28. Dawid Kubacki (POL)              233,1 (126,5/126,5)
29. Matjaz Pungertar (SLO)           227,1 (125,0/125,0)
30. Piotr Zyla (POL)                 222,7 (128,0/122,0)
    U.a. nicht im Finale der Top 30:
31. Michael Hayböck (AUT)            118,1 (127,5)
33. Wolfgang Loitzl (AUT)            117,6 (126,0)
39. Martin Koch (AUT)                113,9 (126,0)

Die Gesamtwertung der 61. Vierschanzen-Tournee nach zwei von vier Stationen:
1. Anders Jacobsen (NOR) 586,3 - 2. Gregor Schlierenzauer (AUT) 573,8 - 3. Tom Hilde (NOR) 547,7 - 4. Dmitrij Wassilijew (RUS) 544,4 - 5. Severin Freund (GER) 542,7 - 6. Anders Bardal (NOR) 534,1 - 7. Kamil Stoch (POL) 526,1 - 8. Andreas Wellinger (GER) 525,4 - 9. Jaka Hvala (SLO) 520,9 - 10. Michael Neumayer (GER) 520,7 - 11. Manuel Fettner (AUT) 520,1.

Weiter: 22. Andreas Kofler (AUT) 384,2 - 23. Wolfgang Loitzl (AUT) 381,8 - 28. Thomas Morgenstern (AUT) 373,2 - 41. Michael Hayböck (AUT) 240,0 - 45. Martin Koch (AUT) 227,2

Zwei Bewerbe, ein Siegergesicht: Anders Jacobsen war auch beim Neujahrsspringen nicht zu schlagen. Nach Problemen im ersten Durchgang katapultierte sich der Norweger mit einem 143-Meter-Satz noch auf das oberste Treppchen. Der aus der Skisprungpension zurückgekehrte Norweger ist auf dem besten Weg, die Vierschanzentournee für sich zu entscheiden. Aus ÖSV-Sicht entwickelt sich diese Tournee zu einer One-Man-Show. Lediglich Gregor Schlierenzauer springt um den Gesamtsieg mit. In Garmisch fehlten ihm nur 0,9 Punkte auf den Sieg. Andreas Kofler landete nach der Disqualifikation in Oberstdorf auch in Garmisch im geschlagenen Feld. Er wird 19.. Für Martin Koch ist es bislang eine Tournee zum Vergessen. Er konnte sich ebensowenig für den zweiten Durchgang qualifizieren... ...wie der Schweizer Simon Ammann. Schrecksekunde: Jaka Hvala hat schon sanftere Landungen in den Auslauf gezaubert. Er wird dennoch Achter.
Verstärkung

Zusätzliches Sextett für Heimbewerbe nominiert

Bei den zwei österreichischen Tournee-Bewerben in Innsbruck am Freitag und in Bischofshofen am Sonntag werden zusätzlich sechs ÖSV-Skispringer zum Einsatz kommen. Das sogenannte nationale Kontingent neben dem siebenköpfigen Nationalteam bilden Stefan Kraft (Spitzenreiter des Kontinentalcups), Thomas Diethart, Lukas Müller, Markus Schiffner, Manuel Popppinger und David Unterberger.

(KURIER) Erstellt am
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