Jacobsen jagt den Grand Slam

Wie der Norweger Anders Jacobsen vom Quereinsteiger zum Senkrechtstarter wurde.

Es war klar, dass das kommen musste. Wieso sollte jetzt ausgerechnet bei Anders Jacobsen eine Ausnahme gemacht werden? Jeder Springer, der in Oberstdorf und in Garmisch gewonnen hat, wird früher oder später mit dieser Frage konfrontiert. Diese Frage gehört nun einmal zur Vierschanzentournee wie das Isel zum Berg.

Also, Herr Jacobsen: Wie sieht’s aus mit dem Grand Slam?

Nonplusultra

Der berühmte Grand Slam, also vier Tagessiege bei einer Tournee, gilt in Springerkreisen als das Nonplusultra. Viele haben’s schon probiert, nur einem ist dieses Kunststück bislang gelungen: Sven Hannawald (2000/’01). Zumindest bis zum dritten Tourneespringen am Innsbrucker Bergisel (13.45, live in ORF eins) wandelt Jacobsen auf den Spuren des Deutschen.

Was jetzt also: Ist Anders Jacobsen vielleicht der neue Sven Hannawald?

Der Hauptdarsteller und Überflieger dieser Tournee lässt diese Frage lieber von seinem Cheftrainer beantworten. Alexander Stöckl, österreichischer Fluglotse der norwegischen Adler, sieht in seinem Schützling tatsächlich einen potenziellen neuen Hanni. "Wenn alles super läuft", sagt der Erfolgstrainer lächelnd, "dann traue ich ihm das absolut zu."

Dancing Star

Die Auftritte des 27-Jährigen bei dieser Tournee waren ja bislang auch sehr beeindruckend. Da ist ein Quereinsteiger direkt zum Senkrechtstarter geworden. Nur zur Erinnerung: Im vergangenen Winter steckte dieser Anders Jacobsen, der nun auf Wolke sieben schwebt, noch in einem Motivationsloch; im vergangenen Winter kämpfte der Tournee-Leader noch bei der norwegischen Variante von Dancing Stars um gute Haltungsnoten; im vergangenen Winter war die Tournee, geschweige der Grand Slam, für ihn nichts als Luft. "Dann habe ich das Gefühl bekommen, dass mir etwas fehlt", erinnert sich Jacobsen.

Seinem Trainer präsentierte sich der Rückkehrer als engagierter und akribischer Arbeiter. "Für einen Trainer ist der Anders ein irrsinnig guter Typ", erklärt Alexander Stöckl, "weil er extrem hart arbeitet. Und wenn ein Springer mit so viel Talent wie er bereit ist, hart zu arbeiten, dann ist er meistens vorne."

Schuhtick

Doch Anders Jacobsen zieht bei dieser Tournee längst keine One-Man-Show ab. Auch die Teamkollegen sind in seinem Windschatten hoch im Kurs: In Garmisch landeten zuletzt gleich drei Norweger unter den ersten Vier. "Das sind schon österreichische Verhältnisse", sagt Trainer Stöckl schmunzelnd. Seinen Sportlern half er auch mit einem Spezialschuh auf die Sprünge, mit einem Spezialschuh Made in Austria, den er zusammen mit seinem Vater – einem Tiroler Ingenieur – entwickelt hat, und der den Springern in der Luft mehr Stabilität verleiht.

Doch es wäre zu billig, die Schuld an den Höhenflügen nur den neuen Sprungpatschen in die Schuhe zu schieben. "Der Anders springt wie auch Gregor Schlierenzauer auf einem anderen Level", erklärt Stöckl, "die beiden werden sich die Tournee untereinander ausmachen."

Zumindest diese Frage lässt sich zur Tournee-Halbzeit schon beantworten.

Patschen-Kino im Adlerhorst

Schuh. Das geflügelte Wort dieser Tournee ist tatsächlich Schuh. Seit Tagen wird rund um den Schanzentisch über nichts anderes mehr geredet als über das mysteriöse Innenleben der Spring-Patschen von Anders Jacobsen. Von geheimnisvollen Laschen ist da die Rede, von speziellen Schienen, die den Norweger erst zum Überflieger machen. Chefcoach Alexander Pointner ("ich weiß nicht, wie er aussieht, aber es sind Schienen, die man nach Bänderrissen im Knöchel verwendet und in jeder Apotheke kriegt") philosophierte bei seiner Halbzeit-Bilanz fast eine halbe Stunde über das norwegische Schuhwerk.

Viel Lärm um nichts? Nichts als heiße Luft? "Das ist Poker, das ist Bluff. Wenn man zum richtigen Zeitpunkt etwas anderes bringt und die anderen werden nervös, hat man etwas erreicht", sagte Norwegens Coach Alex Stöckl im Ö3-Interview.

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Österreicher Opfer ihrer eigenen Hysterie werden. Schon bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver hatte Simon Ammann die ÖSV-Springer auf dem falschen Fuß erwischt. Der Schweizer war damals mit einer neuen Bindung samt Bindungszapfen aufgetaucht. Die Folge: Die ÖSV-Trainer redeten von nichts anderem mehr, und Ammann lachte sich mit seinem Bindungszapfen-Streich am Ende ins Fäustchen (zwei Mal Gold).

Die Athleten nerven die Diskussionen sichtlich. "Etwas, was selbst fliegt, gibt es nicht", sagt Thomas Morgenstern. Und Gregor Schlierenzauer, der sich in Garmisch noch über die Schuhe beschwert hatte, meinte: "Ich habe eine tolle Ausgangsposition, alles ist möglich."

Alexander Pointner weiß freilich nicht recht, was er von der Debatte halten soll. "Die Frage ist: Bringt diese Schiene was? Sonst geh’ ich in die Apotheke, schnall’ jedem von uns eine Schiene an – und wir fliegen eine Ehrenrunde über Innsbruck."

( Kurier ) Erstellt am 02.01.2013