Sport | Wintersport
03.01.2018

Vierschanzentournee: Die Gründe des Absturzes

Österreichs Skispringer suchen verzweifelt den Ausweg aus der Abwärtsspirale

Der erste Ruhetag bei dieser Tournee hätte eigentlich der Entspannung und Unterhaltung dienen sollen. Für den Tag nach dem Neujahrsspringen hatten die ÖSV-Verantwortlichen im Teamquartier in Leutasch ein geselliges Eisstockschießen anberaumt, aber nach dem Absturz in Garmisch wollte sich kein österreichischer Springer mehr freiwillig aufs Glatteis begeben. Man muss ja nicht gleich den nächsten Ausrutscher heraufbeschwören.

Aus dem erhofften Ruhe- wurde also ein Unruhetag im österreichischen Adlerhorst. Weit mehr als die schlechten Ergebnisse ärgerten Cheftrainer Heinz Kuttin freilich Kommentare seines Vorgängers Alexander Pointner. „Normale Kritik ist okay, was er macht, ist nicht akzeptabel. Eine Marketingstrategie auf Kosten anderer zu verfolgen, das geht nicht.“

Aber Kuttin will sich ohnehin wie alle abwärts von Präsident Schröcksnadel lieber der Ursachenforschung und Spurensuche widmen. Wie konnte es passieren, dass zur Tournee-Halbzeit der beste Österreicher in der Gesamtwertung erst an 15. Stelle (Gregor Schlierenzauer) zu finden ist? Warum herrscht plötzlich eine ernste allgemeine Verunsicherung? Und wo soll das alles in diesem Olympiawinter noch hinführen?

Die Ausgangslage

Während Stefan Kraft nach seinem K. o. beim Neujahrsspringen augenscheinlich aus allen Wolken fiel („ich bin echt ratlos“), kam das Abschneiden der übrigen Österreicher beileibe nicht aus heiterem Himmel. Objektiv betrachtet konnte man bei dieser Tournee keine Wunderdinge erwarten. „Was wir jetzt bräuchten, wäre ein Monat Pause, um in Ruhe zu trainieren“, hatte Trainer Heinz Kuttin schon vor dem Auftakt in Oberstdorf vielsagend gemeint. Ihm waren die fehlende Leichtigkeit und Sicherheit nicht verborgen geblieben.

Das Personal

Chefcoach Kuttin hatte in diesem Jahr beim Nominieren der sechs Tournee-Starter eher die Wahl der Qual. So dürfen diesmal Athleten an der Vierschanzentournee teilnehmen, die in der Vergangenheit wahrscheinlich sogar Mühe gehabt hätten, bei den Heimspringen am Bergisel und in Bischofshofen in der nationalen Gruppe Berücksichtigung zu finden. Manuel Fettner, Daniel Huber und Clemens Aigner sind in der aktuellen Verfassung offenbar nicht in der Lage, einen Finaldurchgang zu erreichen, Michael Hayböck und Gregor Schlierenzauer springen nach ihren Verletzungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Mehr aber auch nicht.

Die Erwartungshaltung

Die Superadler hatten die Latte schon extrem hoch gelegt, die vergangene Rekordsaison von Stefan Kraft hat die Erwartungshaltung auch nicht unbedingt sinken lassen. Gerade der Doppelweltmeister und Gesamtweltcupsieger scheint sich damit schwerzutun, dass erstmals bei einem Großereignis alle österreichischen Hoffnungen auf ihm ruhen. „Vielleicht wollte ich ein bisschen zu viel und habe überzogen“, sagt Kraft.

Der Nachwuchs

Wo sind sie, die neuen Morgensterne und Schlierenzauers? Wo sind die Talente, die in die Bresche springen könnten? Die goldene Ära der Superadler holt den ÖSV nun ein. Damals hatte Österreich eine dermaßen dominante Generation, dass viele junge Athleten wieder absprangen, weil ihnen die Perspektive fehlte. Dazu fehlt dem Skispringen, wie anderen ÖSV-Sparten, schlicht die Nachfrage: „Wir werden nicht überrannt“, gesteht ÖSV-Direktor Ernst Vettori, der neidisch ins Mutterland des Skispringens blickt. „Wir haben nicht 5000 Springer wie die Norweger. Bei uns sind’s keine 500.“ Immerhin gab’s an der Nebenfront zuletzt ein Erfolgserlebnis: Ulrich Wohlgenannt gewann kürzlich einen Continental Cup.

Die Trainerexporte

Die Österreicher werden auch mit den eigenen Waffen geschlagen. Wegen der Lufthoheit der heimischen Adler engagierte die ausländische Konkurrenz mit Vorliebe junge ÖSV-Trainer. Mittlerweile setzen die Topnationen Deutschland (Werner Schuster), Norwegen (Alexander Stöckl) und Polen (Stefan Horngacher) auf österreichische Fluglotsen. „Es ist sicher viel Know-how abgewandert“, weiß Ernst Vettori, „aber wir haben bei uns im Verband nun einmal nicht so viele Jobs.“

Die Infrastruktur

„So eine Anlage wie in Planica haben wir nicht.“ ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel beklagte sich nicht nur einmal über die Infrastruktur der Skispringer. Vor der Tournee mussten die Österreicher auch deshalb in Garmisch-Partenkirchen trainieren, weil noch keine der beiden heimischen Großschanzen am Bergisel und in Bischofshofen sprungfertig war. „Wir sind Armenhäusler, überall anders haben sie schönere Stadien“, poltert der Präsident. Im Sommer investierte der Verband daher selbst 350.000 Euro am Bergisel in eine Eisspur, über die sonst fast alle Schanzen verfügen.