Tag 2: Vereiste Mienen zum guten Spiel

Die Teilnehmer der Fulda Challenge kommen erstmals an ihre Grenzen. Minusgrade, starker Wind und städtische Gesetze beeinflussten am zweiten Tag die Wettbewerbe.

Seltsame Dinge geschehen in Kanadas kaltem Norden. Das schrieb schon der schottische Dichter Robert Service (1874 bis 1958). Und ein Steak-Frühstück, medium-rare, mit Braterdäpfeln, zwei Spiegeleiern, Ketchup und Toastbrot gehört wohl dazu. Nicht jedermanns Sache. Aber wenn die medizinischen Betreuer den Teilnehmern der Fulda Challenge "fette Kost" empfehlen, wird das wohl auch für Zaungäste, Organisatoren und mitreisende Journalisten gelten. Schließlich steigt auch deren Kalorienbedarf durch die eisigen Temperaturen.

Angie Hohenwarter: Langlauf wird nicht ihr Lieblingssport.
© Bild: Fulda

Und kalt war es Samstagmorgen in Whitehorse im Yukon. Minus 31 Grad zeigte das Thermometer. Durch den Wind, der Schneestaub durch die Straßen wirbelte, fühlte es sich an wie minus 40 Grad. Kurz: Zu frisch für normale Winterkleidung. Man versammelte sich deshalb in kompletter Thermo-Montur: Stiefel mit einer Trittfläche so groß wie Paella-Pfannen und dick wie ein Knäuel Wolle. Hosen, die jedes schlanke Bein in Elefantenfüße verwandeln und ein Parka, mit dem selbst Mager-Models wohlgenährt aussehen würden. Funktionale Kleidung also für Temperaturen, bei denen Bart- und Nasenhaare gefrieren und Wimpern vereisen. Eine bizarre Erfahrung. Und bei diesen Bedingungen mussten die Teilnehmer zum dritten Wettbewerb, dem Cross-Country-Skilauf, antreten.

Vereiste Mienen

Angelo Brack: Eiskalter Zungenpritschler.
© Bild: KURIER / Pascal Sperger

Die Doktoren machten sich Sorgen, hatten Angst, dass die Athleten Erfrierungen erleiden könnten. Die Strecke wurde deshalb von 20 auf 12,6 Kilometer verkürzt. Sinnvoll. Und immer noch weit genug um die körperliche Leistungsfähigkeit auszureizen. Schließlich hatten die Teilnehmer die vergangene Nacht im Zelt, in dem dank Holzofen kuschelige minus 12 Grad herrschten, geschlafen. Wegen dem verschütteten Highway fand das Cross-Country-Schirennen außerdem auf dem Schwatka Lake, und nicht wie geplant in Tagish, statt.

Schon nach dem Startschuss zeichnete sich eine Entscheidung ab: Der Deutsche Alexander Lang zog davon, überrundete mehrmals und saß bereits über eine Stunde bei Gulasch und Tee, als die letzten Verfolger das Ziel erreichten. Er und seine Partnerin Derit Biel, die in der Damenwertung auf Platz 2 kam, sicherten sich den obersten Stockerlplatz in der Teamwertung. Die Österreicher Angelika Hohenwarter und Martin Zach erreichten in der Teamwertung den fünften Platz. Eines ist sicher: Den inneren Schweinehund haben alle Athleten überwunden. Das stärkste Bild im Kampf gegen ihn und die Kälte lieferte allerdings der Schweizer Angelo Brack: Ihm wuchs ein Eiszapfen aus dem Mund.

Abgehobene Journalisten

Ausflug über den Yukon.
© Bild: KURIER / Pascal Sperger

Während die Teilnehmer auftauten, sich vom Langlaufen erholten und auf die nächste Challenge, den Helicopter-Drop, vorbereiteten, hoben Berichterstatter, Organisatoren und Mitreisende ab. Man quetschte sich in Cessnas und startete zu einem Rundflug über den Yukon River und dessen Ufer. Und einigen ist dabei wohl endgültig bewusst geworden, dass man sich am Rand der Zivilisation befindet und wie weitläufig, einsam, lebensfeindlich, reizvoll und schön diese Gegend im Nordwesten Kanadas doch ist.

Die Athleten heben ab

Helicopter-Drop Neu: Der Autoreifen hängt nicht am Seil, sondern wird von den Athleten auf die Zielscheibe geworfen.
© Bild: Fulda

Nach der Landung verloren die Teilnehmer den Boden unter den Füßen. Aber auch beim Helicopter-Drop wurden die Regeln vor dem Start geändert. Der Grund: Gesetze. In Whitehorse ist es nämlich verboten, Material an einem Seil per Helikopter zu transportieren. Und das war ursprünglich geplant: Der Reifen sollte per Knopfdruck vom Seil gelöst werden. Die Teilnehmer stellten sich deshalb auf die Kufen des Hubschraubers, wurden mit einem Gurt gesichert und warfen den Autoreifen selbst ab. Ebenso wurde auf den Pfahl in der Mitte der Zielscheibe verzichtet. Die beste Hand-Augen-Koordination hatte Angelo Brack, der den Pneu als einziger punktgenau in den innersten Kreis warf. Martin Zach hatte Pech, sein Reifen rollte nach dem Aufprall aus der Punktezone. Angelika Hohenwarter landete auf Platz drei, konnte die Teamwertung damit aber nicht retten. In der Gesamtwertung liegen die Österreicher nun auf Platz 6. Die Schweizer führen.

Ein Umstand wird mit jedem Tag klarer: Alle Teilnehmer sind ehrgeizig. Jedes Team will gewinnen. Aber die Athleten reden miteinander, geben sich Ratschläge, teilen Zelt, Humor und sportlichen Spirit. Obwohl den Sieger 1000 kanadische Dollar – rund 770 Euro - und ein Gold-Nugget erwartet, will keiner rücksichtslos sein oder Ellenbogen einsetzen. Das schmeichelt dem Unterhaltungswert. Aber wie schrieb schon Robert Service: Seltsame Dinge geschehen in Kanadas kaltem Norden.

Den ersten Tag der Fulda Challenge 2012 im Yukon/ Kanada können Sie unter folgendem Link nachlesen:

Weiterführende Links

( Kurier ) Erstellt am 16.01.2012