Sport | Wintersport
23.03.2017

Stefan Kraft: Anflug auf den Gesamtweltcup

Der Doppelweltmeister und Skiflugweltrekordler steht vor dem Weltcup-Sieg.

Im Grunde ist es ganz egal, wie am Ende der Weltcup-Gesamtsieger heißen wird, der Skispringer des Jahres steht längst fest: Wer in einer Saison mit zwei WM-Goldmedaillen und einem Skiflug-Weltrekord (253,5 Meter) in die Geschichtsbücher springt, der darf sich zurecht König der Lüfte nennen. Insofern wäre die große Kristallkugel für Stefan Kraft nur mehr eine Draufgabe. Vor dem Finale in Planica liegt der Pongauer 31 Zähler vor dem Polen Kamil Stoch.

Was zeichnet den 23-Jährigen aus, was macht ihn heuer so stark?

Der Flow
Stefan Kraft befindet sich seit Wochen in jenem emotionalen Ausnahmezustand, den jeder Skispringer anstrebt – den aber in diesem so kopflastigen Sport nur die wenigsten je erreichen. Der 23-Jährige hat gerade den berühmten Flow, wie die Athleten gerne sagen. Er springt im Autopilot-Modus. Kraft denkt nicht viel nach, er experimentiert nicht, sondern er verlässt sich auf seine Fähigkeiten, die er verlässlich abruft.

Die Konstanz
Der Pongauer hat diesem so launischen und so von äußeren Einflüssen geprägten Sport eine Form der Berechenbarkeit gegeben. In 18 der 23 Weltcupspringen landete der sechsfache Saisonsieger in den Top 5, nur als er während der Tournee von einem Virus geplagt wurde, schaffte er es nicht in die Top 10.

Der Telemark
Den exzellenten Haltungsnoten verdankte Stefan Kraft bereits seine beiden WM-Goldmedaillen in Lahti. Dass er mit seinen 1,70 zu den kleineren Springern zählt und dass er in der Luft grundsätzlich eine eher flachere Flugkurve hat, hilft ihm beim Landemanöver. Dazu besitzt er den Mut und die Überzeugung, auch jenseits des kritischen Punktes stilvoll zu landen. "Ich habe von klein auf immer großen Wert darauf gelegt, dass ich immer einen Telemark versuche."

Die Technik
Der einstige Großschanzenspezialist hat sich zu einem Allrounder entwickelt, der mittlerweile auf allen Schanzen und bei jeder Witterungsbedingung erfolgreich springen kann. "Mein Sprungstil ist nicht mehr so anfällig wie früher. Heute ist mir egal, ob Rückenwind ist. Ich weiß, dass meine Technik überall funktioniert."

Die Nervenstärke
Den aufgeweckten Pongauer wirft nichts so schnell aus der Flugbahn. Schon bei seinem Tourneesieg 2015 hatte Kraft mit seiner Coolness die Konkurrenz verblüfft, bei der WM in Lahti hielt er in beiden Bewerben als Halbzeitleader dem Druck stand. Der Fan des FC Bayern sagt ja selbst: "Aufgeregt bin ich nur, wenn die Bayern spielen."

Die Siegermentalität
Kraft hat die Gabe, am Tag X eins a zu sein. Bei den letzten drei Großereignissen (WM in Falun 2015, Skiflug-WM am Kulm 2016, WM in Lahti) gewann er jedes Mal sein Einzel-Edelmetall. Das ist keinem anderen Springer gelungen.

Das Umfeld
Der Salzburger hat mit Patrick Murnig seit Jahren einen Mentor und Karriere-Coach an seiner Seite. "Krafti hat sich als Persönlichkeit entwickelt, er steht für Werte wie Bodenständigkeit und Natürlichkeit und hat eine bubenhafte Seele. Das ist bei all seinen Erfolgen sehr wichtig."