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12.02.2017

Grüezi, Afghanistan! Eine stolze Ski-WM-Premiere

Alishah Farhang und Sajjad Husaini sind die ersten Starter ihres Landes bei einer Ski-WM.

Als Alishah Farhang und Sajjad Husaini daheim erzählten, sie würden jetzt zum Skifahren nach St. Moritz gehen, da wurden sie erst einmal schief angesehen. "Meine Eltern waren überhaupt nicht glücklich darüber. Die haben gemeint, das wäre reine Zeitverschwendung", erinnert sich Alishah Farhang.

Viel lieber hätte man es gesehen, wenn sie daheim geblieben wären und das getan hätten, was andere Männer in ihrem Alter tun. Ziegen melken, Schafe hüten und sich um die Landwirtschaft kümmern, von der dort jede Familie lebt. In dem kleinen Dorf in den Bergen der Provinz Bamyan, in dem es keinen Strom gibt und die Menschen ihre Wäsche im Bach waschen.

"Einen noch krasseren Kulturschock als von Afghanistans Hinterland zum mondänen St. Moritz gibt es eigentlich fast nicht."

Christoph Zürcher muss dieser Tage oft diese Geschichte erzählen. Die Geschichte von Alishah Farhang und Sajjad Husaini ist auch seine Geschichte, der Journalist der Neuen Zürcher Zeitung ist dafür verantwortlich, dass die beiden Männer aus Bamyan heute in St. Moritz sind. Bei der WM, als erste Skifahrer aus Afghanistan überhaupt.

In der Wildnis

Als Korrespondent hatte es Zürcher vor Jahren nach Bamyan verschlagen. Eine bergige Provinz, 200 Kilometer von der Hauptstadt Kabul entfernt, in der die radikalen Taliban um die Jahrtausendwende ganz besonders gewütet hatten. Die Bilder der zerstörten Buddha-Statuen im Tal von Bamyan, die zum Unesco-Kulturerbe zählten, gingen damals um die Welt.

Bei seinem Besuch stach dem Journalisten das Koh-e-Baba-Gebirge ins Auge, das sich dort 5000 Meter hoch auftürmt. Auf diesen schneebedeckten Hängen, war Zürcher überzeugt, müsse man doch Skifahren können.

Und geboren war der Bamyan Ski Club. Seit 2011 fördert dieser gemeinnützige Verein nun den Skisport in Afghanistan und leistet Aufbau- und Entwicklungshilfe in der Provinz Bamyan.

Auf die Idee, die schneebedeckten Berghänge hinunter zu fahren, waren die Menschen in Afghanistan auch schon gekommen. Aber mit dem Skifahren, wie wir es kennen, hatte das nur wenig zu tun. Aus Holzlatten hatten sich die Pisten-Pioniere aus Bamyan selbst ihre Ski zusammengezimmert, die sogenannten Yakhmalak. Die Schuhe wurden mit Lederriemen am Ski fixiert, als Bindung dienten zusammengedrückte Getränkedosen. Bei den Stocktellern behalf man sich mit leeren Plastikflaschen. "Ich selbst bin mit so etwas nicht mehr gefahren", erzählt Farhang.

Auf den Beinen

Bei seiner Jungfernfahrt im Jahr 2012 kam der 26-Jährige bereits in den Genuss gebrauchter Ski, die Journalist Zürcher nach Afghanistan mitbrachte. Seit damals findet jedes Jahr im März die Afghan Ski Challenge statt, ein Skifest, an dem Hunderte Einheimische ihr Können unter Beweis stellen. Alles ist auf den Beinen, wenn die Teilnehmer den Berg hinaufhetzen und dann den Schnellsten ermitteln. Skilift gibt es in ganz Afghanistan keinen.

Kein Wunder, dass Alishah Farhang und Sajjad Husaini das Herz in die Hose rutschte, als sie das erste Mal mit einem Sessellift fuhren. Bei ihren Aufenthalten in St. Moritz haben sich die beiden zu richtig guten Rennläufern entwickelt. Jedes Jahr verbringen die zwei Afghanen die Wintermonate in der Schweiz. Unter Anleitung von Andreas Hänni trainieren sie fast wie Profis. "Sie sind jeden Tag vier Stunden auf der Piste", sagt der Coach.

In der Jugendherberge

Farhang (26) und Husaini (25) wissen inzwischen, wie man die Ski präpariert, sie wohnen in der Jugendherberge und haben auch ihre anfängliche Zurückhaltung abgelegt. Offen und emotionslos reden die zwei von der Zeit, als sie in ihrer Jugend mit den Familien vor den Taliban in die Berge flüchten mussten. Der Krieg ist Teil ihres Lebens, er ist Teil der Geschichte von Afghanistan.

Ein Land, über das bei einer Ski-WM noch nie so viel berichtet wurde wie gerade in St. Moritz. Die ungewöhnliche Ski-Karriere der Afghanen hat ein enormes Medienecho ausgelöst, zur Riesentorlauf-Quali am Donnerstag hat sich sogar CNN angekündigt. "Ich bin nervös. Da schauen so viele Journalisten zu," gesteht Farhang.

Bei ihrem ersten FIS-Rennen waren die zwei noch eine halbe Minute langsamer als die Schnellsten – pro Lauf. Ihr ambitioniertes Ziel für den WM-Riesentorlauf: 15 bis 20 Sekunden Rückstand. "Aber das wirklich große Ziel ist Olympia. Es war noch nie ein Afghane bei Winterspielen," erklärt Husaini.

Daheim in Bamyan sind Alishah Farhang und Sajjad Husaini inzwischen schon so etwas wie kleine Stars. Die Eltern haben erkannt, dass die zwei in St. Moritz viel gelernt und erlebt haben. Probleme gibt’s immer nur dann, wenn die beiden in ihrem Dorf frühmorgens ihre Skier zum Training auspacken. "Dann kommen die Eltern um acht Uhr angerannt, weil die Kinder nicht in die Schule gehen. Die schauen lieber uns zu", sagt Farhang.