Sport | Wintersport
21.11.2017

ÖSV reagiert auf Missbrauchs-Vorwürfe der Ex-Skiläuferin

"Es braucht großen Mut, um damit an die Öffentlichkeit zu gehen", sagt die ÖSV-Frauenbeauftragte Petra Kronberger.

Die ehemalige Skiläuferin Nicola Werdenigg hat in einem Gespräch mit dem Standard das zurzeit brandaktuelle Thema "sexueller Missbrauch" auch in den heimischen Skisport gebracht. Die Abfahrts-Staatsmeisterin von 1975 sprach über Übergriffe durch "Trainer, Betreuer, Kollegen und Serviceleute", die in den 70er Jahren völlig "normal" gewesen seien. Die heute 59-jährige Werdenigg sei selbst mit 16 Jahren von einem Mannschaftskollegen vergewaltigt worden. Zu dem Vorfall habe sie lange geschwiegen - aus Scham, aber auch weil sie sich selbst die Schuld am Geschehenen gab.

Nun nahm Petra Kronberger, zweifache Olympiasiegerin von Albertville 1992, Abfahrtsweltmeisterin von Saalbach 1991 und dreifache Gesamtweltcup-Gewinnerin (1990 bis 1992), die seit Herbst 2015 als "Konsulentin für Damensport" beim Österreichischen Skiverband (ÖSV) fungiert, Stellung zu den Vorwürfen Werdeniggs. "Das ist eine sehr aufwühlende und erschütternde Geschichte. Es braucht großen Mut, um damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Aber es ist wichtig, dass Nicola Werdenigg diesen Schritt getan hat", sagte Kronberger gegenüber dem Standard und sprach von einem Termin mit dem ÖSV-Präsidenten Peter Schröcksnadel, bei dem es eben um dieses heikle Thema gehen soll.

Schmaler Grat

Die 48-jährige Salzburgerin hofft, dass sich mögliche aktuell betroffene Sportlerinnen direkt an sie wenden würden. "Es ist ein ganz sensibles Thema", sagte Kronberger, "mit dem man aufmerksam und sorgsam umgehen muss." Im Fall des Falles würde sie einer Verschwiegenheitspflicht unterliegen. Außerdem müsste man sich "in Ruhe überlegen, wie man damit umgeht und an wen man sich wendet".

Kronberger sprach auch von einem im Sport besonders schmalen Grat. "Man benützt seinen Körper, um Superleistungen zu bringen. Eine gewisse Nähe zu anderen Personen ist manchmal notwendig. Und da sollte sich jeder besonders bewusst sein, was noch ein respektvoller Umgang und was ein Übergriff ist." Ein Übergriff müsse auch nicht automatisch mit körperlicher Gewalt verbunden sein. "Es genügen", betonte die Olympiasiegerin, "auch wenn das nicht alle so empfinden, oft schon Worte."

Schröcksnadel weiß von nichts

Schröcksnadel, der ja seit 1990 die Funktion des Verbandspräsidenten inne hat, sagte gegenüber dem Standard, ihm sei in seiner Amtszeit "nie etwas über sexuelle Übergriffe zu Ohren gekommen". Der 76-Jährige könne nicht ausschließen, "dass ab und zu zwischen Trainern und Athletinnen ein rauer Ton herrscht". Zudem will der Tiroler auch "das ein oder andere Pantscherl nicht ausschließen. Aber ein Pantscherl ist ja auch kein Übergriff". Generell müsse er feststellen, dass das "damals sicher andere Zeiten waren".

Würde sich der ÖSV aktuell mit Vorwürfen konfrontiert sehen, wäre der Verband, gibt Schröcksnadel zu, "darauf nicht wirklich eingestellt". Er verweist aber auf Kronberger und hofft, dass mögliche Betroffene "sofort zur Frau Kronberger gehen - und auch zu mir".

Übrigens, vor einem halben Jahr hatte der ÖSV eine News-Anfrage, ob und wie der Verband seine Trainer und Funktionäre für das Thema Missbrauch sensibilisiere, per Mail wie folgt beantwortet: Man sei sich "der Ernsthaftigkeit dieses Problems bewusst, aber in der glücklichen Lage, weder aktuell noch in der Vergangenheit einen derartigen Fall gehabt zu haben". Und: "Auf den Winter umgelegt könnte man sagen: ‚Wir haben die Winterausrüstung, es braucht aber keine Schneeräumung, wenn es nicht geschneit hat.‘"