Sport | Wintersport
10/21/2012

Schröcksnadel: 'Karten neu gemischt'

Der ÖSV-Präsident eine Woche vor dem Weltcup-Auftakt über die Ski-WM, Klimawandel und fehlenden Leistungsdruck.

Peter Schröcksnadel ist die Hartnäckigkeit in Person. Auch wenn er jahrzehntelang warten muss, irgendwann bekommt der Präsident des  Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) doch, was er will. Denn  der oberste Mann im (rot-weiß-roten) Skizirkus wäre gerne selbst Rennfahrer geworden, hätten es die Eltern nicht verboten. "Egal, dafür fahre ich halt jetzt", sagt der 71-Jährige, der, sofern es die operierte Achillessehne zulässt, im März wieder bei der Senioren-WM starten will. Mit dem Ehrgeiz zu gewinnen, versteht sich.

Zuvor hat der Tiroler  noch ein anderes Großereignis im Visier: die alpine Ski-WM in Schladming (4. bis 17. Februar). Es ist die dritte Heim-WM für den Präsidenten, der seit 1990 die Geschicke des erfolgreichsten österreichischen Sportverbands leitet und Wert auf die Feststellung legt, dass kein Steuergeld zur Deckung des 40-Millionen-Budgets herangezogen wird. Als er die Präsidentschaft des ÖSV übernahm, betrug das Budget ebenfalls 40 Millionen – allerdings Schilling.

Skifahren ist für den gebürtigen Innsbrucker, dem 1992 der Professorentitel verliehen wurde, aber nicht nur Sport, sondern auch Business. Der Herr der Berge ist allein in Österreich an sieben Skigebieten beteiligt. Sein Firmengeflecht umfasst mehr als 30 Unternehmen im In- und Ausland mit einem geschätzten Jahresumsatz von 70 Millionen Euro.  "Aber ich will nur über den Skiverband und den Sport reden", sagt der zehnfache Großvater und klopft mit dem Zeigefinger auf den Tisch, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen.

KURIER: Unterrichtsministerin Claudia Schmied sagt, dass die tägliche Turnstunde im derzeitigen Schulsystem nicht möglich sein wird. Was sagen Sie als Unterstützer der Initiative dazu?
Peter Schröcksnadel: "Nicht möglich" ist für mich eine Aussage, die für mich nicht möglich ist. Mit gutem Willen geht nämlich alles im Leben! Wer nicht in Kindergarten und Volksschule Sport betreibt, wird auch später damit nicht umgehen können oder wollen. Vielleicht ist die Frau Minister ja selber nicht besonders sportlich und hat deshalb kein Verständnis. Aber man muss sehen, dass das volkswirtschaftlich wichtig ist. Das Thema ist für uns nicht vom Tisch! Der Sport ist genauso wichtig, wie etwa die Kultur. Eine gesunde Gesellschaft braucht auch einen gesunden Körper.  Klar, dass es bei der Umsetzung Probleme gibt.

Welche zum Beispiel?
Das Hauptproblem ist, dass man keinen Leistungsdruck will. Man will ja auch keine Benotung mehr in der Schule, sondern dass alle Kinder aufsteigen dürfen. Und den Sport will man deshalb nicht, weil da ja ein Kind schneller laufen und das andere traurig sein könnte. Das hat mir ein Schulpsychologe so einmal geschrieben und das ist eine gesellschaftliche Meinung, die mich sehr stört. Denn gerade das Leistungsprinzip in der Schule ist für mich essenziell. Wenn du nicht irgendwann lernst, mit Leistungsdruck umzugehen, wirst du später scheitern.

Wie steht es Ihrer Meinung nach um den gesellschaftlichen Stellenwert des Sports in  Österreich?
Schlecht. In den ehemaligen kommunistischen Staaten hat man sich über Sport definiert. Vielleicht führt das bei uns noch immer zu einer ablehnenden Reaktion. Aber man muss versuchen, den Sport freizumachen von solchen Vorurteilen. Es geht um die Gesundheit. Was nützt es mir, wenn ich ein Genie in Mathematik oder Latein bin, und mit 50 Jahren ist mein Körper kaputt?

Sie sind nicht nur ÖSV-Präsident, sondern haben sich auch ein Firmenimperium mit über 30 Unternehmen aufgebaut. Haben Sie da noch den Überblick?
Natürlich. Außerdem habe ich einen sehr tüchtigen Sohn, der Geschäftsführer ist und sehr gute Mitarbeiter. Aber bitte reden wir nicht über die Firmen.

Dann sprechen wir über Ihr Erfolgsgeheimnis. Gibt es eines?
Du darfst Verantwortung nie abgeben. Wenn ich andere für das verantwortlich mache, was ich erleide, gebe ich Verantwortung ab. Ich kann nicht den Fernreisen die Schuld geben, dass sie den Wintertourismus beeinflussen. Wenn ich die Schuld immer anderen in die Schuhe schiebe, kann ich selber nichts mehr entscheiden. Oft wird gesagt: das Umfeld ist schuld. Dann verändere halt das Umfeld! Für mich sind Probleme das wichtigste im Leben. Kann ich sie lösen, dann habe ich Erfolg.

Apropos Probleme: Gibt es noch Unstimmigkeiten mit den lokalen Verantwortlichen der Ski-WM in Schladming?
Nein, diese Dinge sind alle ausgeräumt. Aber das gehört dazu, dass zuerst alle zusammenhalten, bis du die WM bekommst, und dann, wenn du sie hast, streiten alle um ihren Teil des Bären. Das ist bei jeder WM so, ist ja schon meine dritte.

Gestritten wurde auch über die neuen längeren und schmäleren Skier. Was sagen Sie zu Kritikern wie Ted Ligety, die ihrem Unmut im Internet Luft machen?
Dem darf man gar nicht so viel Beachtung schenken. Mit Narren muss man leben, man kann ja nicht jeden Narren einsperren.

Sie haben sich für die Materialreform stark gemacht. Haben Sie das neue Material bereits getestet?
Nein, durch meine Achillessehnen-Verletzung  bin ich noch nicht damit gefahren. Aber ich weiß, wie die Skier gehen, weil ich sie von früher kenne. Sie sind träger, brauchen mehr Kraft, sind aber weniger aggressiv und dadurch viel sicherer. Ich bin froh über die Umstellung, heuer hat man nicht mehr soviel gehört von Verletzungen. Da sieht man schon die Auswirkungen.

Ist der Saisonstart in Sölden heuer besonders spannend, weil man nicht weiß, wo man steht?
Sicherlich. Die Karten werden vollkommen neu gemischt. Aber unsere Leute sind sehr schnell, das kann ich sagen. Innerhalb der Mannschaft gibt es ja schon Vergleiche.

Die  Industrie  fürchtet einen neuerlichen späten Winterbeginn. Haben Sie Angst vor der Klimaveränderung?
Nein. In Vail hat es vor 20 Jahren drei Winter lang keinen Schnee gegeben. So etwas wird es immer wieder geben. Wie die globale Erwärmung weitergeht, weiß keiner. Aber auch wenn es um zwei Grad wärmer wird, spielt das für den Skisport keine Rolle. Du brauchst nur zehn kalte Tage, und schlechte und gute Winter hat es immer schon gegeben. Ich bestreite nicht, dass es wärmer wird. Die Frage ist nur: Sind wir schuld, oder ist es ein normales Ereignis? Das heißt aber nicht, dass man mit Ressourcen nicht sparsam umgehen soll. Da bin ich voll dafür.

Wogegen sind Sie dann?
Gegen das Dramatisieren. In den 80ern hat man befürchtet, dass die neue Eiszeit kommt.  Und  25 Jahren später fürchten wir uns vor der globalen Erwärmung.

Peter Schröcksnadel (geboren am 30. Juli 1941 in Innsbruck) ist seit 1990 Präsident des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV). Seit 2009 ist der Tiroler außerdem Präsident der European Ski Federation (ESF). Nach dem Dopingskandal während der Olympischen Spiele 2006 in Turin trat er als Vizepräsident des Österreichischen Olympischen Committees (ÖOC) zurück.

1992 wurde Schröcksnadel vom Bundesministerium für Wissenschaft für die Verdienste um die Sicherheit im Skilauf der Professorentitel verliehen. 2011 erhielt er das große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik.

Der Unternehmer
Schröcksnadel kam nach Wien, um Rechtswissenschaften zu studieren, er brach die Ausbildung aber ab. 1964 gründete er das Unternehmen Skitour, das mit Panoramatafeln, Pistenmarkierungssystemen und Pistenleitsystemen weltweit vertreten ist. 1978 gründete er die heute börsennotierte Firma Feratel, die sich zum internationalen Marktführer für touristische Informationssysteme entwickelt hat. Bekannt wurde das Unternehmen in den 1990er-Jahren durch das Panorama-Fernsehen.


Schröcksnadels Sohn Martin ist Geschäftsführer der Vereinigten Bergbahnen, die zu 100 % im Besitz der Sitour GmbH sind. In Österreich ist der ÖSV-Präsident an zahlreichen Skigebieten beteiligt.

2012/’13: Österreich-Rennen

Sölden (28./29.Oktober):
Damen- und Herren-Riesentorlauf
Semmering (28./29.Dezember):
Damen-Riesentorlauf plus Nachtslalom
St. Anton (12./13.Jänner):
Damen-Abfahrt plus Super-G
Flachau (15. Jänner):
Damen-Nachtslalom
Kitzbühel ( 25.–27. Jänner):
Herren-Super-G, Abfahrt und Slalom (zum letzten Mal werden die beiden Spezial-Bewerbe für die – mit Weltcuppunkten belohnte – Kombination zählen)
Schladming (4.–17.Februar):
Alpine Ski-Weltmeisterschaft mit elf Konkurrenzen. Kombinationsslalom und Teambewerb werden bei Flutlicht ausgetragen.

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