Sport | Wintersport
11.09.2017

Schlierenzauer: "Was will ich jetzt eigentlich noch?"

Der Skisprungstar über alte Fehler, neue Ziele, und wieso er nicht mehr der Schlieri sein will.

Gregor Schlierenzauer war einmal der beste Skispringer der Welt. Mit 53 Weltcupsiegen hält er immer noch die Bestmarke, auch wenn sein letzter Erfolg (Dezember 2014) längst verjährt ist. Hinter dem Tiroler liegen eine ernste Sinnkrise, ein hartnäckiges Formtief, eine freiwillige Auszeit und eine monatelange Verletzungspause (Kreuzbandriss). Es sei die lehrreichste und wichtigste Phase seiner Laufbahn gewesen, betont Schlierenzauer. "Der größte Schritt war sicher, Ja zu sagen, die Ski anzuschnallen und sich dem Spitzensport wieder mit voller Hingabe zu widmen. Heute sage ich: Das Genussprojekt geht weiter."

KURIER: Bedeutet das, dass Skispringen für Sie nicht immer ein Genuss war?

Ich glaube, dass ein Spitzensportler in seiner Karriere mehrere Phasen durchläuft. Zu Beginn als Teenager ist alles neu und super und es läuft. Irgendwann kommst du zu einem Punkt, wo es mehr Kampf wird. Wo es anstrengend wird, oben zu bleiben und durch die Erfolge der Druck steigt. Da hat es bei mir Situationen gegeben, die wenig Spaß gemacht haben.

Wissen Sie, wann Ihnen Ihre Leichtigkeit und der Spaß verloren gegangen sind?

Der Knackpunkt war sicher, wie ich 2013 den Rekord von Matti Nykänen geknackt habe. In der Saison habe ich auch den Gesamtweltcup gewonnen, und danach war ich leer. Weil Olympia vor der Tür stand, hatte ich nicht den Mut, den Schritt raus aus dem Sport zu machen und mir eine Auszeit zu nehmen. Damals war ich an dem Punkt, an dem ich mich gefragt habe: ,Was will ich jetzt eigentlich noch?’ Ich bin der beste Skispringer der Welt und hab’ eh alles erreicht.

Sind Ihnen die Ziele ausgegangen?

Das kann man so sagen. Vor allem, wenn man sich immer nur Erfolge zum Ziel setzt und sich nur über den Sport definiert. Wenn man älter wird, weiß man, dass es Wichtigeres gibt als 50 dumme Weltcupsiege.

Was ist für Sie jetzt wichtiger?

Es geht über den Sport hinaus: Ich mache mir Gedanken: Wo will ich in fünf Jahren stehen? Will ich eine Familie haben? Will ich ein Haus, einen anderen Job? Das sind ja auch Ziele, die ein Mensch verfolgt. Das Problem ist ja: Wenn sich alles immer nur um Siege, Siege, Siege dreht, dann bricht natürlich eine Welt zusammen, wenn man diese Ziele nicht erreicht. Bei mir ist das Spektrum mittlerweile anders.

In welcher Phase Ihrer Karriere befinden Sie Sich denn jetzt?

Ich bin jetzt wieder in dem Stadium angelangt, dass der Druck weg ist. Vor allem der Druck, den ich mir selbst setze. Das bedeutet jetzt aber nicht, dass mein Erfolgshunger kleiner wäre. Ich bin nur an dem Punkt angekommen, an dem ich sage: ,Ich spring’ jetzt nur mehr für mich.’ Und das war nicht immer so.

Für wen sind Sie denn in der Vergangenheit gesprungen?

In erster Linie für den Erfolg. Ich bin praktisch immer nur von einem Erfolg zum anderen gehetzt. Kaum war eine Saison vorbei, dann war schon wieder das nächste Ziel da. Und so ist es im Grunde immer weitergegangen. Man muss sich wieder darauf besinnen, warum man den Sport macht. Nämlich weil’s Spaß macht und weil’s ein geiles Gefühl ist.

Wie wichtig waren die Auszeit und die Verletzungspause?

Ich hatte endlich einmal die Zeit, in Ruhe über alles nachzudenken, was in meinem Leben passiert ist. Das muss man erst einmal verarbeiten, was da alles auf einen einprasselt. Ich bin da sicher ein gebranntes Kind. Es ist manchmal Fluch und Segen zugleich, so eine Karriere zu haben.

Die Menschen in Ihrem Umfeld sagen, Sie wären pflegeleichter geworden, seit Sie nicht mehr so erfolgreich sind.

Natürlich stehe ich heute über gewissen Dingen drüber und kann über Sachen lachen, die mich früher geärgert haben. Niederlagen waren bei mir ja immer ein Riesenthema, heute weiß ich, dass es Schlimmeres gibt.

Apropos Niederlagen. Olympia 2014 in Sotschi war einer Ihrer bittersten Momente. Sie hatten alles dieser Goldmedaille untergeordnet. Haben Sie Ihre Lehren daraus gezogen?

Sotschi war ganz extrem. Da habe ich ja praktisch seit Mai nur mehr die fünf Ringe gesehen und sonst nichts. Alles war auf Olympia ausgerichtet, dementsprechend groß ist der Druck geworden. Ich sehe die Spiele ziemlich relaxed, weil ich weiß: Wenn man am Tag X in Form ist, dann ist es super. Und wenn nicht, dann dreht sich die Welt auch weiter. Und am nächsten Tag ist die Olympiamedaille genauso staubig.

Aber wie bei Marcel Hirscher ist Olympiagold die einzige Trophäe, die noch fehlt.

Natürlich hat das seinen Reiz und ist auch ein gefundenes Fressen für die Öffentlichkeit. Ich geb’s ganz offen zu: Manchmal denk ich mir auch: Geil wäre es schon, diese Goldene zu haben. Weil das ist der einzige schwarze Scheiß-Punkt auf meinem weißen Blattl. Im nächsten Moment sage ich mir: ,Das Schönste ist der Weg dorthin, und nicht die Medaille.’

Sie waren einmal Seriensieger. Was macht das Skispringen aktuell so schwierig?

Es ist alles viel sensibler und enger geworden. Früher habe ich mit weniger guten Sprüngen manchmal sogar noch gewonnen. Heute kann’s sein, dass du nicht einmal mehr in zweiten Durchgang dabei bist. Mein Glück ist: Ich weiß, wenn ich gute Sprünge mache, dann ist das Ergebnis meistens nicht verkehrt. Ich glaube, so ticken alle Topathleten. Cristiano Ronaldo wird sich auch nicht zum Ziel setzen, die Partie 4:0 zu gewinnen. Sondern er will richtig gut Fußball spielen. Weil wenn er das tut, dann schießt er auch zwangsläufig Tore und wird siegen.

Sie trainieren mittlerweile sehr oft in Stams zusammen mit Teenagern. Warum eigentlich?

Ich muss unserem Cheftrainer danke sagen, dass ich dort die Vorbereitung machen darf. Das war wirklich ein genialer Schachzug von Heinz Kuttin, er hat erkannt: Wenn ein Athlet zehn Jahre ganz oben war, dann muss er vielleicht auch einmal die alten Muster aufbrechen. In der Trainingsgruppe in Stams habe ich Ruhe, keinen Stress und kann mein Tempo durchziehen. Dazu ist es sehr wertvoll, mit den Jungen zu arbeiten. Ich unterstütze sie als erfahrener Athlet, damit sie zur Junioren-WM fahren und dort vielleicht eine Medaille machen. Das passt auch gut zu meinen Ausbildungen, die ich nebenher gemacht habe. Den Lehrwart, den Mentalcoach und die NLP-Ausbildung (Anm. Neuro-Linguistisches Programmieren).

Abschließend: Warum wollen Sie eigentlich nicht mehr Schlieri genannt werden?

Wie ich 16, 17 war, mag das noch berechtigt gewesen sein. Der kleine Bua, der Schlieri. Ab einem gewissen Alter fühlt man sich klein, wenn man so angesprochen wird. Das mag ich nicht so. Ich fühle mich als Gregor besser.