Schlierenzauer: Dauergast auf Wolke sieben

Austria's Schlierenzauer reacts after winning the
Foto: Reuters/KAI PFAFFENBACH Gregor Schlierenzauer greift heute ab 16:30 Uhr nach dem Tourniersieg.

Gregor Schlierenzauer hebt um 16:30 Uhr in Bischofshofen zu seinem zweiten Tourneesieg ab.

Überflieger. Jungstar. Superadler. Weitenjäger. König der Lüfte. Schanzengott. Schlierinator – Gregor Schlierenzauer fliegen die Kosenamen und Komplimente nur so um die Ohren. Nicht erst seit Freitag, seit er mit dem emotionalen Heimsieg am Bergisel für einen neuerlichen Schlierenzauber gesorgt und Kurs auf den Tournee-Gesamtsieg genommen hat.
 

APTOPIX Austria Ski Jumping Four Hills Foto: AP/Matthias Schrader Die Superlative und Bestmarken begleiten den Tiroler schon die gesamte Karriere. Erster Weltcupsieg mit zarten 16; erster Tournee-Tagessieg beim ersten Tournee-Springen überhaupt (2006 Oberstdorf); Skiflug-Weltmeister mit 18, Weltcup-Gesamtsieger mit 19, Team-Olympiasieger mit 20; Einzel-Weltmeister mit 21, Tournee-Sieger mit knapp 22 – im Überschallflug räumt dieser Gregor Schlierenzauer einen Titel nach dem anderen ab.

Im Gesamtweltcup hat der Tiroler seine Verfolger bereits abgeschüttelt (152 Punkte Vorsprung), auch der zweite Gesamtsieg bei der Tournee scheint für ihn nur mehr einen Katzensprung entfernt. Schlierenzauer reiste mit 10,7 Zählern Vorsprung auf den norwegischen Herausforderer Anders Jacobsen zum Finale nach Bischofshofen (16.30 Uhr, live in ORF eins), wo der heftige Regen der Schanze zugesetzt hat.

Ausnahmetalent

Wie macht dieser Gregor Schlierenzauer das nur? Wieso fliegt er seinen Gegnern ständig um die Ohren? Warum landet er in jedem zweiten Springen auf dem Siegespodest (siehe Grafik)? Vor allem aber: Wie kann einer seit sechs Jahren der Mann der Stunde sein?

Austria Ski Jumping Four Hills Foto: AP/Kerstin Joensson "Der Gregor hat überdurchschnittliche Fähigkeiten", meint Anton Innauer, der langjährige Sportdirektor des Österreichischen Skiverbandes, "er ist grenzgenial." Sprungkraft, Fluggefühl, Technik, Feinsensorik – Schlierenzauer kombiniert die wichtigsten Zutaten des Skispringens zu einem Erfolgsrezept. "Im Zusammenspiel wird das zu einer perfekten Mischung“, meint Cheftrainer Alexander Pointner, der seinen Seriensieger in den Himmel lobt. "Gregors Sprünge haben künstlerische Qualität."

Bodenhaftung

Der Superstar selbst präsentiert sich als Mann mit Bodenhaftung, Gregor Schlierenzauer wirkt mittlerweile gereift und gelassen. Verflogen ist die gespielte Lässigkeit vergangener Tage, verschwunden die Verbissenheit jüngerer Jahre. "Da habe ich mich selbst oft ein bisschen narrisch gemacht", erinnert sich Schlierenzauer, "vor allem bei der Tournee. Ich habe gelernt, dass man Dinge auch passieren lassen muss."

Mit diesem Motto lebt und fliegt sich’s für ihn nun leichter. Es ist wohl nur mehr eine Frage von Tagen oder Wochen, bis Schlierenzauer die nächsten Rekorde "passieren". Drei Weltcupsiege noch, dann hat er auch Matti Nykänen, die finnische Nummer eins (46 Siege), überflügelt.


Schlierenzauer über . . .

... seine Ziele: "Die 47 Siege haben für mich eine enorme Bedeutung. Es zeigt, dass du konstant in der Weltspitze dabei bist. Was mich stolz macht: Ich kann diese Marke schon in meinem jungen Alter erreichen. Das ist aber nicht das einzige Ziel: Olympiagold fehlt mir auch noch."

... seine steile Karriere: "Mir ist bewusst, dass ich ein Riesenglück im Leben habe. Ich hatte die günstige Situation, dass ich mit einer Technik und einer Ausbildung in den Weltcup gekommen bin, die gleich für Siege gereicht haben. Ich habe damals mit 16 mehr oder weniger mit den Schanzen gespielt, wahrscheinlich war ich sogar überlegen."

Schlierenzauer of Austria stretches prior to his f Foto: Reuters/DOMINIC EBENBICHLER ... sein Leben als Jungstar: "Es ist schwierig, wenn du mit 16 erwachsen sein sollst. Wenn du auf einmal der Chef bist in deinem Job und plötzlich von allen Seiten belagert wirst. Auf mich ist damals sehr viel hereingeprasselt, das war eine richtige Challenge. Mein Glück war, dass mit meinem Onkel ein Topsportler in unserer Familie ist."

... seine Lehren: "Wenn man eine Saison mit 13 Weltcupsiegen hat und alles niederreißt, dann ist die Latte eine andere. Man denkt sich: Es geht eh so weiter, es hat ja immer funktioniert. Heute weiß ich, dass es nicht selbstverständlich ist, dass alles so leicht von der Hand geht. Man muss sich jeden Sommer alles wieder neu erarbeiten."

... seine Verbissenheit: "Ich bin gelassener geworden, weil ich weiß: Eigentlich bin ich in einer Luxussituation. Mir macht es heute nichts mehr aus, wenn ich einmal nur Fünfter werden sollte."

... seine Popularität: "Manchmal würde ich mir wünschen, dass ich ein anderer wäre. Wenn ich nicht mehr unbeobachtet durch die Stadt gehen kann. Ich will als normaler, bodenständiger Typ wahrgenommen werden. Mir würde es nicht passen, wenn mich die Leute nicht mögen."

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Gregor Schlierenzauer in Zahlen

2 Schanzen gibt es im Weltcup, auf denen Schlierenzauer immer noch nicht gewonnen hat: Die finnischen Bakken in Kuusamo und Kuopio sind die letzten weißen Flecken. 3 Anläufe benötigte Schlierenzauer nur, um seinen ersten Weltcupsieg zu feiern. Als 16-Jähriger startete er am 3. Dezember 2006 in Lillehammer seinen Höhenflug. 9 Tournee-Tagessiege hat Gregor Schlierenzauer mittlerweile gefeiert. Damit ist er die Nummer drei der Bestenliste. 10 Weltcup-Gesamtsiege errang Schlierenzauers Onkel Markus Prock im Kunstbahnrodeln - diese Erfolgsbilanz bleibt wohl auch für einen Gregor Schlierenzauer außer Reichweite. 13 Springen gewann Gregor Schlierenzauer allein in der Weltcup-Saison 2008/’09, das ist der Rekordwert in der 33-jährigen Weltcup-Historie. 18 Jahre alt war Schlierenzauer, als er 2008 seinen ersten großen Titel holte - Gold bei der Skiflug-Weltmeisterschaft in Oberstdorf. 24,90 Euro kostet die blaue Bommelmütze, mit der Schlierenzauers enge Verwandte stets im Auslauf stehen. Sie ist der Renner in der Modekollektion des Tirolers. 60 Bilder präsentierte der begeisterte Fotograf im vergangenen Herbst bei seiner Ausstellung "Stille Momente". Preis pro Schnappschuss: ab 500 Euro aufwärts. 73 Mal landete Schlierenzauer im Weltcup bereits auf dem Siegespodest - damit erreicht er eine 50-Prozent-Quote. 158 Zentimeter hoch sind die Hürden, die Schlierenzauer im Training aus dem Stand überspringt. Auch beim Fest der Pferde sind die Hindernisse nicht höher. 243,5 Meter war der bislang weiteste Flug im Leben des 22-Jährigen. Schlierenzauer stellte seine persönliche Bestmarke 2011 auf der größten Schanze der Welt in Vikersund (Norwegen) auf. 2083 Punkte sammelte der Tiroler bei seinem Weltcup-Gesamtsieg 2008/’09. So viele Zähler hat kein anderer Springer in einer Saison zusammengebracht. 3360 Kilometer sind es von Fulpmes, dem Heimatort von Schlierenzauer, in die russische Olympiastadt Sotschi. 2014 will sich der Tiroler in Russland seinen nächsten Kindheitstraum erfüllen - Olympiagold. 63.057 Gefällt mir hatte Gregor Schlierenzauer an diesem Samstag auf Facebook. Zumindest hier ist er nicht die Nummer 1: Sein Teamkollege Thomas Morgenstern hat mehr als 80.000 Follower. 38.260 Meter legte Schlierenzauer bisher bei seinen 145 Weltcup-Wettkämpfen in der Luft zurück. 1,3 Millionen Euro an Einzel-Preisgeldern hat Schlierenzauer in seiner Karriere bereits verdient. Nicht inkludiert sind die Prämien seiner Sponsoren und Ausrüster.
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Gregor Schlierenzauers Meilensteine

Gregor Schlierenzauer, der erfolgsverwöhnte "Überflieger" vergangener Jahre, ist in Turbulenzen geraten. Seit einigen Saisonen ein Suchender, ist der Tiroler in Falun fündig geworden. Silber von der Großschanze am Donnerstag war die Belohnung für harte Arbeit. Doch auch nach seiner vierten WM-Einzelmedaille ist Schlierenzauer noch nicht am Ziel. 25 Jahre ist Schlierenzauer erst alt, hinter sich hat er schon so viele Erfolge wie kaum ein anderer Wintersportler. 2006: Schlierenzauer feiert in Lillehammer den ersten Weltcupsieg 2007: Anstoßen mit Ammann auf WM-Teamgold in Sapporo 2008: Skiflug-Weltmeister in Oberstdorf 2009: Erster Sieg im Gesamtweltcup mit 19 Jahren 2010: Glanz & Gloria bei Olympia 2011: Erster Einzel-Titel bei einer nordischen WM in Oslo 2012: Erster Gesamtsieg bei der Vierschanzen-Tournee Im Team: Der ehemalige Weltklasse-Rodler Markus Prock (l.) ist Onkel und Manager in Personalunion Intim: Schon seit Jahren hat die Steirerin Sandra ihren Gregor fest im Griff Hobby: Ein Mann mit sehr gutem Geschmack Leidenschaft: Ein blendender Fotograf Jänner 2013: Zweiter Gesamtsieg bei der Vierschanzen-Tournee März 2013: Der Gewinn seiner zweiten großen Kristallkugel Ebenfalls im März 2013: 50. Weltcupsieg und dritter Triumph im Skiflug-Weltcup Februar 2014: Olympia-Silber mit dem Team in Sotschi Februar 2015: WM-Silber von der Großschanze in Falun
Nach Innsbrucksieg

Drei Fragen an Gregor Schlierenzauer

Welche Gefühle löst dieser Sieg in der heimatlichen Arena bei Ihnen aus?
Schlierenzauer: Ein Heim-Weltcup ist etwas Spezielles, und wenn man dann die Sprünge am Punkt erwischt vor 22.000 Leuten, das ist etwas Besonderes. Ich habe es genossen, das war der absolute Adrenalinkick. Auf der Heimschanze Top-Sprünge auszupacken, da gibt es nichts Schöneres.

Welche Vorteile für sich sehen Sie beim finalen Duell mit Anders Jacobsen in Bischofshofen?
Vom Gewinnen ist noch nicht die Rede, dazu bin ich zu lange dabei. Aber es ist kein Nachteil, jetzt eine österreichische Schanze zu haben. Ich war seit Engelberg (in nun 5 Bewerben, Anm.) immer auf dem Podest, die Konstanz ist da, die Form passt. Dennoch kann immer noch etwas passieren. Man braucht auch das nötige Wetterglück, und das habe ich heute auch gehabt."

Waren Sie als Tourneesieger vor dem Heimbewerb diesmal weniger nervös?
Es war eine spezielle Situation. Ich war etwas nervös, aber nicht so wie in vergangenen Jahren. Es war ein gutes Gefühl vor dem Start. Ich hab' selbst schmunzeln müssen, weil ich so ruhig war. Ich war in der Lage, die Stimmung besser aufzusaugen, war immer im Jetzt und das ist für einen Sportler das Genialste, was es gibt. Für solche Momente arbeitet man sein ganzes Sportleben."

Hintergrund

16.600 Euro für den Tourneesieg

Langläufer kassieren deutlich mehr als die Skispringer.

Es ist nicht gerade der günstigste Zeitpunkt, Sven Hannawald nachzueifern und auf den berühmten Grand Slam loszugehen. Der Deutsche hatte bekanntlich 2001/’02 als erster und einziger Springer alle vier Tourneebewerbe gewonnen und damit Sportgeschichte geschrieben.

Noch im Vorjahr war für eine Wiederholung von Hannawalds Kunststück eine stolze Sonderprämie von einer Million Schweizer Franken ausgelobt worden, bei der aktuellen Tournee bekäme ein Grand-Slam-Sieger hingegen keinen Cent mehr als für den gewöhnlichen Tourneeerfolg, der mit 16.600 Euro – neben dem obligaten Preisgeld – auch nicht übermäßig dotiert ist.

Lohnniveau

Den Superstar wie Gregor Schlierenzauer ist das Lohnniveau der Adler schon lange ein Dorn im Auge. Vor allem seit die FIS vor drei Jahren den Verteilungsschlüssel modifiziert hat und die 60.000 Euro Preisgeld an die ersten 30 Springer ausschüttet und nicht mehr nur an die Top Ten.

"Wir sorgen für die Show und machen Werbung für den Sport und kriegen weniger. Das passt nicht", hatte sich Schlierenzauer schon mehrmals beschwert.

Tour de Ski

FIS-Renndirektor Walter Hofer, ein Landsmann von Schlierenzauer, lässt dieses Argument nur bedingt gelten. "Wir müssen auf alle Athleten schauen. Für Leute, die zwischen Platz 15 und Platz 30 kommen, sind das wichtige Einnahmen", erklärt Hofer, "die Stars haben ohnehin zusätzliche Verdienstmöglichkeiten."

Die Adler blicken derweil ein wenig neidisch auf die Langläufer, die eben bei der Tour de Ski für den Gesamtsieg 75.000 Euro erhalten. Allerdings ist deren Arbeitszeit auch deutlich länger als jene der Skispringer.

(KURIER) Erstellt am
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