Psycho-Spiele auf der Streif

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Nirgendwo ist der Druck so groß wie beim Rennen auf der Streif. Was manche Athleten beflügelt, belastet andere stark.

Klaus Kröll ist eingekreist. Wäre er nicht 1,86 Meter groß und von stabiler Statur, er würde im Knäuel aus Fernsehkameras, Mikrofonen und Diktiergeräten vollkommen untergehen. Tut er aber nicht. Sein grün-weißes Schirmkapperl weist auch dem letzten Journalisten den Weg.

Der robuste Steirer trägt den Medienrummel in Kitzbühel mit Fassung, beantwortet die gleiche Frage auch beim zehnten Mal noch mit ruhiger, tiefer Stimme ("Das Training war okay, ich bin bereit für die Streif"). Wippt auf den Zehenballen vor und zurück – nur noch zwei Termine, dann ist sein Plansoll für diesen Tag erfüllt.

"Klar ist beim Heimrennen mehr los, besonders in Kitzbühel. Aber für mich ist dieser Druck keine Belastung", sagt der 31-Jährige, der nach seinen guten Trainingsläufen (Dienstag Erster, Mittwoch Zweiter) als Favorit gehandelt wird. "Das macht mir nichts. Es ist mir lieber so, als anders herum."

Trubel

Gegenteiliges wusste zuletzt Anna Fenninger zu berichten. Die 22-jährige Skirennläuferin gab in Bad Kleinkirchheim offen zu, dass ihr der Trubel um ihre Person über den Kopf gewachsen war: "Ich bin ein sehr sensibler Mensch und hatte kein Rezept mehr, wie ich mit dem ganzen Drumherum umgehen sollte. Es ist einerseits sehr schön, wenn man sich für mich interessiert, aber andererseits auch belastend", sagte die Salzburgerin ehrlich, wie selten jemand.

Gregor Schlierenzauer ging es nach dem Skiflug-Wochenende am Kulm ähnlich. Nachdem sich der 22-jährige Überflieger nach der sonntäglichen Anzug-Misere (ein gerissener Reißverschluss führte zur Disqualifikation) nur dank höchster Überredungskunst zu einem abendlichen Fernsehauftritt beim ORF hinreißen hatte lassen, fand er deutliche Worte. "Ich werde mir da etwas überlegen müssen", sagte Schlierenzauer ob des medialen Rummels der vergangenen Wochen.

Lernprozess

Hannes Reichelt, der beim Abschlusstraining auf der Streif als zweitbester Österreicher Fünfter wurde, hat gelernt, mit dem Druck vor Heimrennen umzugehen. Sein Rezept: "Du musst einfach lernen ,Nein‘ zu sagen. Die Fans dürfen dann auch nicht beleidigt sein, wenn du zwischen Besichtigung und Start nicht Zeit hast, jeden Autogrammwunsch zu erfüllen", sagt der Salzburger.

Auch Favorit Klaus Kröll führt die eigene Abgeklärtheit auf seine Erfahrung zurück: "Ich bin zehn Jahre älter als eine Anna Fenninger oder ein Gregor Schlierenzauer – da lernt man doch einiges dazu. Obwohl auf einem Seriensieger wie Schlierenzauer natürlich noch ein größerer Druck lastet. So viele Erfolge waren es bei mir ja noch nicht."

Dass es sich vor heimischem Publikum nicht immer leichter fährt und sich ein vermeintlicher Heimvorteil auch zum Nachteil entwickeln kann, mussten im Laufe der Jahre bereits einige Ski-Größen erfahren. Giorgio Rocca etwa, der in der Saison 2006 im Slalom alles gewonnen hatte, was es zu gewinnen gab, scheiterte bei den Olympischen Heim-Spielen in Turin (2006) am Erwartungsdruck: Bereits nach wenigen Metern fand die Fahrt des Favoriten vor den Augen Tausender Fans ein jähes Ende.

Auch Manuel Osborne-Paradis, Robert Dixon (beide aus Kanada) oder Felix Neureuther (D) können vom misslungenen Druckausgleich ein Lied singen. Bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver (2010) beziehungsweise bei der WM in Garmisch-Partenkirchen (2011) konnten die Lokalmatadore ihre guten Saisonleistungen plötzlich nicht mehr abrufen.

Berufsbild

Verständlich, denn vor heimischem Publikum will man seine Sache ja besonders gut machen. Menschlich, auf jeden Fall. Aber für Chef-Trainer Mathias Berthold gehört das Umgehen mit Erwartungsdruck auch zum Beruf eines Skirennläufers. "Wenn ein Athlet damit nicht zurechtkommt, hat er sowieso nichts an der Weltspitze verloren." Dem kann Romed Baumann nur zustimmen: "Das weiß man im Vorfeld, dass der Medienrummel groß sein wird, gerade in Kitzbühel. Da darf man sich dann nicht aufregen– das gehört zum Sport einfach dazu", sagt der 26-jährige Allrounder, den die 30.000 Zuschauer, die für die Abfahrt am Samstag erwartet werden, mehr motivieren, als belasten.

Als Vorbild könnten sich die Österreicher Beat Feuz nehmen. Der 24-jährige Emmentaler zeigte am vergangenen Wochenende auch Didier Cuche, wie es geht. Schaffte Feuz doch das, was dem Schweizer Routinier, der mit Ende der Saison seine Karriere beenden wird, einfach nicht gelingen wollte: den Lauberhorn-Klassiker zu gewinnen. Die 38.000 Fans waren für den Emmentaler dabei kein Druck. Ganz im Gegenteil: "Sie haben mir Power gegeben. Mein Ziel war es, ihnen allen eine gute Show zu bieten."

Erstellt am 20.01.2012