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19.02.2018

Weshalb Hirschers Gold im Riesentorlauf heller glänzt

Seine stärksten Leistungen ruft der doppelte Goldmedaillengewinner Marcel Hirscher unter größtem Druck ab.

Wenn Marcel Hirscher vor einem wichtigen Rennen gerade wieder einmal das Gefühl hat, dass ihm alles zu viel werden könnte und die öffentliche Erwartungshaltung überhand zu nehmen droht, dann führt er sich gerne die Weltmeisterschaft 2013 in Schladming vor Augen. Der Ausflug in die Vergangenheit lässt den 28-Jährigen jedes Mal gleich wieder etwas leichter und zuversichtlicher auf die anstehenden Aufgaben blicken.

"Was ich dort erlebt habe, das war krass und schlimmer, als alles, was danach gekommen ist", erinnert sich Marcel Hirscher an den Slalom am Schlusstag der Heim-WM, als er vor 50.000 Anhängern die Ehre der Ski-Nation retten sollte. "Angespieben hätte ich mich da fast, ich habe gedacht, ich gehe ein und schaffe es nicht, da runterzufahren", erzählt der Salzburger. "In Schladming ist es für mich um alles gegangen. Da ist es darum gegangen, ob ich ein Großer werde."

Keine Befreiung

Nun, diese Frage stellt sich bei Marcel Hirscher schon lange nicht mehr. Und trotzdem tut sich der Salzburger noch immer sehr schwer, einfach befreit draufloszufahren. Selbst die Olympia-Goldmedaille in der Kombination, dank der er endlich ein "Hakerl" unter das letzte große Karriereziel machen durfte, konnte beim überehrgeizigen Annaberger die Anspannung nicht verfliegen lassen. "Wir hatten eigentlich alle gedacht: Das war’s, jetzt können wir’s lockerer angehen. Aber interessanterweise wurde beim Marcel die Anspannung größer", sagt Hirscher-Trainer Mike Pircher. "Daran kann man sehen, wie wichtig ihm dieses Gold im Riesentorlauf war."

Denn auch wenn es Marcel Hirscher natürlich öffentlich nie zugeben würde: Das Gold im Riesentorlauf glänzt für den Salzburger dann doch mehr als jenes in der alpinen Kombination, einem Nischenbewerb, in dem diesmal das letzte Mal olympische Medaillen vergeben wurden. "Der Olympiasieg in der Kombi ist überraschend gekommen. Das war jetzt die Medaille, die alle erwartet haben. Und das an dem Tag abzurufen, das ist mega", meint der 28-Jährige vielsagend. "Ich wäre echt angefressen gewesen, wenn es mich rausgehaut hätte."

Keine Fehler

Ausscheiden? Das übersteigt mittlerweile die Vorstellungskraft vieler Konkurrenten und Experten, so traumwandlerisch, sicher und schnell wie der 28-Jährige auf den Pisten unterwegs ist und einen Erfolg nach dem anderen einfährt. Im Olympia-Riesentorlauf hatte der sechsfache Weltcupgesamtsieger bemerkenswerte 1,27 Sekunden Vorsprung auf den Norweger Henrik Kristoffersen. "Die lebende Legende hat sich die Krone aufgesetzt", fiel ÖSV-Alpinchef Hans Pum dazu nur noch ein. "Wenn man sich die heurige Saison ansieht, dann ist das der beste Marcel Hirscher, den es bisher gegeben hat", ergänzt Trainer Mike Pircher. "Das ganze Trainerteam und ich, wir sind auf dem höchsten Level. Je älter wir werden, desto besser sind wir offenbar", sagt Marcel Hirscher.

Er selbst sieht inzwischen einen großen Vorteil in seinem riesigen Erfahrungsschatz. Der Salzburger ist es gewohnt, abliefern zu müssen, er kennt das Gefühl, im zweiten Durchgang als Letzter am Start zu stehen. "Ich bin die Erfolgsleiter nach oben geklettert, und es ist jetzt auch eine gewisse Genugtuung da. Und das hilft extrem. Außerdem sieht es so aus, dass ich unter Druck am besten funktioniere."

Falls Marcel Hirscher angenommen haben sollte, dass durch die beiden Olympiasiege die Erwartungen in ihn jetzt kleiner geworden wären, dann hat er sich freilich gewaltig geirrt: Bei der obligaten Siegerpressekonferenz sah er sich vor allem mit der Frage konfrontiert, ob er denn jetzt Toni Sailer oder Jean-Claude Killy nacheifern würde. Der Kitzbüheler und der Franzose hatten 1956 beziehungsweise 1968 jeweils drei Goldmedaillen gewonnen. "Jetzt erwarten die Leute das Gleiche für den Slalom", weiß Hirscher, "aber mit diesem Thema habe ich mich nicht beschäftigt."

Doch auch mit zwei Goldmedaillen an einem Olympia-Ort ist Hirscher in einen elitären Kreis aufgestiegen. Neben Sailer und Killy schafften dies nur sieben weitere Herren: Henri Oreiller (1948), Ingemar Stenmark (1980), Alberto Tomba (1988), Markus Wasmeier (1994), Hermann Maier (1998), Kjetil André Aamodt (2002) und Benjamin Raich (2006).

Aber Marcel Hirscher geht in PyeongChang bereits der Weltcup durch den Kopf. Gerne wäre er auch am Samstag im Teambewerb angetreten, aber "dann wäre ich ja dumm. Ich wäre kein Profi, wenn ich nicht versuchen würde, so schnell wie möglich wieder nach Hause zu kommen. Ich kann nicht auf drei Tage mehr Regeneration verzichten. Deshalb fahren wir nach dem Slalom heim."

Ohnehin scheint dem Österreicher in Südkorea langsam die Decke auf den Kopf zu fallen. "Ich kriege den Kopf nicht frei, es rattert permanent durch. Ich bin müde. Es ist immer kalt, und ehrlich gesagt kann ich nach zweineinhalb Wochen hier keinen Reis mehr sehen."

Kein Zauberer

Ein Rennen noch, zwei Slalomdurchgänge, im Idealfall die dritte Medaille – und dann ist das letzte Kapitel in Hirschers Olympiageschichte geschrieben, die mittlerweile zur Erfolgsstory taugt.

Das war nicht immer so: "Die beiden vierten Plätze 2010 in Vancouver und 2014 in Sotschi waren arg", erinnert sich der Salzburger.

Dass er bei den nächsten Spielen 2022 in Peking noch am Start sein wird, das ist praktisch auszuschließen. Der Slalom am Donnerstag ist demnach sein letzter Auftritt bei Olympia. Wie er es denn angehen wolle? "Ich kann nicht zaubern", antwortete Marcel Hirscher.

"Ich kann nicht mehr tun als einfach nur Skifahren."