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04.02.2018

Stecher: "Der Sportler steht nicht mehr im Mittelpunkt"

Olympiasieger, Weltmeister und ein Mann klarer Worte. In seiner Kolumne "Gut kombiniert" wird Mario Stecher für den KURIER die Spiele in Korea analysieren.

Mario Stecher war von 1994 bis 2014 bei sechs olympischen Winterspielen am Start und ist damit der österreichische Rekordteilnehmer. In Turin (2006) und in Vancouver (2010) holte der 40-jährige Eisenerzer mit dem Kombinierer-Team Gold. Bei den Spielen in Pyeongchang ist Mario Stecher als Experte für den ORF im Einsatz und beobachtet für den KURIER als Kolumnist die Spiele.

KURIER: Ist es nicht komisch, nach so vielen Winterspielen plötzlich auf der anderen Seite zu stehen?

Mario Stecher: Als letzte Woche die Einkleidung war und die Verabschiedung durch den Bundespräsidenten, ist mir das so richtig bewusst geworden. Okay, jetzt bist du wirklich nicht mehr dabei.

Sind Sie etwa sentimental?

Nein, nein, die Zeit ist vorbei, ich habe mit dem Leben als Spitzensportler komplett abgeschlossen. Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich bei Olympia alles erreicht habe und mir es jetzt Spaß macht, den Sport von einer anderen Seite kennenzulernen und zu betrachten.

Hat das Karriereende Ihre Sicht auf den Sport verändert?

Definitiv. Als Aktiver hast du im Grunde immer den totalen Tunnelblick. Da schaut man eher selten nach links und rechts, sondern verfolgt seinen Weg und seine Aufgaben. Muss man auch.

Und jetzt?

Jetzt passiert es mir immer wieder, dass ich in dem einen oder anderen Sportler den Mario Stecher wiedersehe. Ich fühle mich beim Zusehen immer wieder an meine Karriere zurückerinnert.

Können Sie das an einem Beispiel festmachen?

Zum Beispiel wenn sich ein Sportler zu sehr reinsteigert, zu sehr verkopft und einen Weg geht, der nicht wirklich zielführend ist. Oder wenn sich einer im Training extrem ärgert, obwohl es in dem Moment eigentlich um gar nichts geht. Da entdecke ich mich wieder und denke mir: Wenn du jetzt nur eine ganz kleine Sache ändern würdest, wenn du nur ein bisschen weniger besessen wärst, dann würde es doch viel einfacher gehen. Ich finde das faszinierend zu beobachten. Der Sport allgemein ist für mich viel, viel interessanter geworden, seit ich selbst nicht mehr aktiv bin. Und ich sehe überall Parallelen.

Welche Parallelen?

Die Karriere, die ich hatte, mit all den Aufs und Abs, mit den Problemen, die mich begleitet haben, die kannst du im Grunde auf alle Sportarten und auf alle Athleten einprojizieren. Nehmen wir zum Beispiel Marcel Hirscher.

Was ist mit ihm?

Wenn einer so einen Lauf hat wie Marcel Hirscher in diesem Winter, dann kenn’ ich das und weiß, wie sich das anfühlt. Da bist du in einem Modus, dass du Fehler machen kannst und trotzdem gewinnst oder zumindest vorne dabei bist.

Und umgekehrt?

Das ist ja das Interessante, dass es diesen Effekt in die andere Richtung auch gibt. Mir fällt da jetzt gerade Michael Matt ein. Der fährt bei den Slaloms in Wengen und Kitzbühel um den Sieg, ist souverän und sicher, dann fällt er zwei Mal hintereinander aus – und plötzlich wird’s schon schwieriger. Aber das Skispringen ist in dieser Hinsicht wohl am Extremsten.

Warum das?

Du brauchst als Skispringer nur einmal einen schlechten Wind haben, es muss dich nur einmal runterholen. Da kannst du noch so die beste Form haben, du fängst dann zwangsläufig zu denken an. Und irgendwann kommt dann der Punkt, an dem du plötzlich nicht mehr an deine Fähigkeiten glaubst.

Dieses Phänomen ist gerade bei den österreichischen Springern zu beobachten.

Genau. Du kannst in der Vorbereitung noch so viele Dinge richtig gemacht haben – wenn einmal der Wurm drin ist, dann kann es dich so erwischen. Und die Spirale dreht sich nach unten, und auf einmal weißt du nicht mehr aus und nicht mehr ein. Glauben Sie mir, ich kenne das aus eigener Erfahrung: Um die Überzeugung und Sicherheit zu haben, dass ich in Form bin, das hat oft Wochen gedauert. Aber dass es dich aus der Bahn wirft, dass du die Leichtigkeit verlierst und zu zweifeln beginnst, da hat oft schon ein negatives Erlebnis gereicht. Andererseits ...

... andererseits?

Andererseits kann man es auch immer wieder erleben, dass es im Skispringen auch von einem Tag auf den anderen wieder funktioniert. In der Nordischen Kombination ist das unmöglich. Das ist einfach beinharte Arbeit, da geht nichts von heute auf morgen.

Weil ein Kombinierer auch langlaufen muss.

Genau. Teresa Stadlober ist ein gutes Beispiel. Die hat sich über die Jahre mit viel Geduld Schritt für Schritt hinaufgearbeitet. Und seien wir ehrlich: Alles andere wäre ja auch nicht glaubwürdig.

Themenwechsel: Wie stehen Sie heute zu Olympia?

Es ist zumindest so, dass ich Olympia mit positiven Erlebnissen verbinde. Auch deshalb, weil ich zu einer Zeit Spiele erleben durfte, als Olympia noch etwas anderes war. Das ist auch der Grund, warum ich mich für eine Bewerbung von Innsbruck und Tirol eingesetzt habe. Ich bin einfach der Überzeugung, dass Olympia wieder zurück zu den Wurzeln muss. Es sind in letzter Zeit viele Sachen in die falsche Richtung gelaufen. Aber als Sportler tangiert dich das eher weniger.

Wie meinen Sie das?

Wenn du Sportler bist, ist dir eigentlich egal, wo die Spiele stattfinden. Du willst in erster Linie Olympiasieger werden, du willst Medaillen gewinnen. Und natürlich bist du dann auch froh, wenn in der Weltpolitik alles in Ordnung ist, damit die Spiele auch tatsächlich stattfinden können. Inzwischen sehe ich das alles viel kritischer.

Von Ihnen stammt die Aussage, dass Sportler bei Olympia nur noch Marionetten seien. Wie meinen Sie das?

Ich finde, dass es gerade bei Olympia extrem zu erkennen ist, dass der Sportler an sich gar nicht mehr im Mittelpunkt steht. Allein schon, was sich die Sportler aufdiktieren lassen müssen. Du darfst deine Sponsoren nicht präsentierten, du musst schauen, dass deine Homepage werbefrei ist, und, und, und. Wissen Sie, was ich mir wünschen würde?

Verraten Sie’s.

Ich wünsche mir einen Sportler, der sich das nicht gefallen lässt und der nicht dem Internationalen Olympischen Komitee nach der Pfeife tanzt. Aber du musst erst einmal einen Athleten finden, der sich das traut und der sagt: ,Jetzt bin ich Olympiasieger, und jetzt stelle ich mich mit all meinen Sponsoren auf das Siegespodest.‘

Dieser Sportler müsste danach seine Medaille hergeben.

Klar werden sie ihn disqualifizieren. Aber ich sage: Der Sportler, der das tut, der wird sein Leben lang bekannt sein. Und ich bin überzeugt, dass er von dieser Aktion sicherlich keinen Schaden davontragen wird. Okay, nehmen sie ihm halt die Medaille weg, aber da ist ja auch der ideelle Wert, der ja viel wichtiger ist als die Medaille, und der bleibt ihm immer. Genau das würde zum Nachdenken anregen, und dann würden der Sport und die Sportler wieder im Mittelpunkt stehen. Und nicht irgendein Sponsor, der das große Ganze einfach zahlt.

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel hat zuletzt höhere Preisgelder für Olympiasieger gefordert. Gold soll bis zu eine Million Euro wert sein.

Wenn du Sportler geworden bist, dann ist Geld prinzipiell nie der Antrieb. Du machst das, weil du es gerne tust und es dir Spaß macht. Das ist auch der einzig richtige Zugang. Ich bin überzeugt: Wenn du den Sport nur des Geldes wegen machst, bist du nicht leistungsfähig. Natürlich wäre es erstrebenswert, wenn Olympiasieger so viel verdienen würden. Aber dann müsste es auch jeder kriegen, in allen Disziplinen, Sommer wie Winter. Und das wird sich bei einer Million Euro pro Sieger vermutlich nicht machen lassen.

Aber bedeutet im Sport heute mehr Geld nicht automatisch auch eine größere Wertigkeit in der Öffentlichkeit?

Es ist schon so, dass der Sport für viele Menschen offenbar interessanter ist, sobald viel Geld im Spiel ist. Es werden ja ständig irgendwelche Preisgeldrankings aufgestellt, und es geht immer darum, wer ist der teuerste Spieler, wer verdient am meisten.

Und worum geht’s Ihrer Ansicht nach wirklich? Wie wird ein Athlet erfolgreich?

Am Ende geht es nur um eines: Ein Trainer kann dir helfen, er kann dir einen Weg vorzeigen. Aber den Weg beschreiten, das musst du letztendlich selbst. Um erfolgreich zu sein, brauchst du deine eigene Persönlichkeit.