Sport | Wintersport | Olympia 2018
23.02.2018

Auf der großen Schanze ins Glück geschraubt

Alle erwarteten die Goldmedaille von ihr: Snowboard-Superstar Anna Gasser hält dem Druck stand – und gewinnt.

Auf der Bühne fühlt sich Anna Gasser lange nicht so wohl wie auf dem Brettl, das ihr die Welt bedeutet. Die Kärntnerin versteckt beim Après-Snowboard ihre Haare gerne unter einer Haube, selbst im überhitzten Haus Austria war sie in den letzten Tage praktisch nie oben ohne zu sehen. Als sie vor dem Big-Air-Wettkampf zur Pressekonferenz gebeten wurde, ging ihr Blick meist auf den Boden. Und man konnte der Seriensiegerin die Anspannung und die Aufregung deutlich anmerken.

Aber wer konnte es Anna Gasser auch verdenken? Die 26-Jährige war als Topfavoritin nach Südkorea gekommen, ihr Gesicht hatte in den Tagen vor Olympia die Cover vieler Zeitungen und Magazine geziert, und nicht wenige hatten in der Snowboarderin bereits den Superstar der Winterspiele gesehen.

Vom Winde verweht

Und dann kam der turbulente Slopestyle-Wettkampf, dann passiert der Fehlstart, und auf einmal waren sie da, die Zweifel und die Verunsicherung. "Der Druck war extrem, vor allem mental. Die Zeit vor diesem Big-Air-Finale war eine der schwersten in meinem Leben", gestand Anna Gasser.

Und die Erleichterung war der Kärntnerin anzusehen. Fast noch mehr noch als die Freude über den Olympiasieg im Big Air, den Erfolg, den viele von ihr erwartet hatten. Nicht zuletzt auch sie selbst, nachdem sie in diesem Winter diesen Bewerb dominiert und bereits bei den prestigeträchtigen X-Games gewonnen hatte.

Wie in Trance

Als sie dann im dritten Durchgang den gewinnbringenden Sprung gestanden hatte, den Cab Double Cork 1080, erging es der jungen Frau aus Spittal an der Drau so wie vielen anderen Medaillengewinnern im Moment des Triumphes auch: "Es war alles wie in Trance", sagte die Kärntnerin, und sie hörte sich dabei wie Rodel-Olympiasieger David Gleirscher oder die Slalom-Dritte Katharina Gallhuber an, die ihren Erfolg auch nicht fassen konnten. "Es hat schon gedauert, bis ich realisiert habe, dass ich Olympiasiegerin bin."

Dabei ist die beste Snowboarderin der Big-Air-Szene eigentlich eine Spätberufene. Erst mit 15 Jahren hatte Gasser die Liebe zum Brett entdeckt, nachdem sie zuvor als Turnerin gute Figur gemacht hatte. Im Nachhinein war die Zeit in der Turnhalle Goldes wert. Denn keine andere Snowboarderin bewegt sich in der Luft so grazil und sicher wie das Bewegungswunder aus Kärnten, keine andere wagt solch akrobatische Manöver, keine andere tüftelt so besessen an neuen Tricks wie etwa dem Cab Double Cork 1080, ihrem Paradesprung.

"Meine Aufgabe ist es meistens sogar, ihr zu sagen: Jetzt ist es einmal aus, jetzt reicht es einmal", erklärt Trainer Christian Scheidl Gassers Drang zur Perfektion.

Anna Gasser jubelte freilich nicht nur über ihre Goldmedaille, sie war auch glücklich über das hohe Niveau im Wettbewerb am Donnerstagmorgen koreanischer Zeit. Im Slopestyle hatten die Boarderinnen wegen der Windböen noch eine schlechte Figur gemacht und waren von manchen sogar belächelt worden. "Jetzt war das einer der coolsten Wettkämpfe, die ich je bestritten habe", sagt die 26-Jährige nach der großen Show im Skisprungstadion von PyeongChang.

Lob und Hilfe

Sogar der Big Boss geriet ins Schwärmen. ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, der ein Alpiner durch und durch ist, outete sich als Fan der jungen Sportart rund um Anna Gasser. "Das macht den Schneesport jünger und moderner. Gerade hier in Asien kommt das extrem gut an", meint der 76-Jährige, der am Ende nicht unerwähnt lassen will, dass auch er ein Vater des Erfolges ist.

Als Anna Gasser im vergangenen Herbst bei der Sportlergala mit Wünschen beim Präsidenten vorstellig wurde, erhielt sie prompt Unterstützung. "Klar haben wir ihr so eine Anlage zum Trockentraining gekauft. Ich hätte zwar nie für möglich gehalten, dass so etwas 50.000 Euro kostet, aber es war definitiv gut investiertes Geld", erklärt Peter Schröcksnadel. "Weil die Jugend jetzt mit Anna Gasser eine Leaderin und auch ein Vorbild hat."