Sport | Wintersport
29.11.2017

ÖSV-Skandal: Antworten zur Missbrauchsaffäre

Der österreichische Skisport befindet sich in einer seiner größten Krisen. Wer nun gefordert ist.

Die aktuelle Missbrauchsaffäre im österreichischen Skisport zieht weite Kreise und beschäftigt mittlerweile weite Teile der Öffentlichkeit. Was es aktuell zu wissen gilt:

Was wird dem Österreichischen Ski-Verband konkret vorgeworfen?
Es ist aktuell oft von der ÖSV-Affäre die Rede. Freilich gilt es zu unterscheiden: Die Erzählungen von Nicola Werdenigg im Standard handeln unter anderem von Vorfällen im Ski-Internat in Neustift, einer Schule, die nicht im direkten Einflussbereich des ÖSV steht. Deshalb hat auch das Land Tirol als zuständige Stelle eine Hotline eingerichtet.

Die aktuelle Führung des Skiverbandes sieht sich mit einem Vorwurf konfrontiert: Im ZiB-2-Interview im ORF sagte Werdenigg, sie wisse von einem Vorfall aus dem Jahr 2005. Der Verband dementiert seit Tagen heftig und wehrt sich gegen eine Pauschalverurteilung.

Wie viele Personen haben sich bisher bei der Hotline gemeldet, die das Land Tirol für ehemalige Ski-Internatsschüler eingerichtet hat?
Bis gestern, Dienstag, sind drei Meldungen über mögliche Missbrauchsfälle eingegangen. Alle Vorwürfe liegen 20 bis 45 Jahre zurück. Im Fokus steht dabei vor allem die Skihauptschule Neustift. Die Bildungsabteilung vom Land Tirol und der Landesschulrat haben von der Tiroler Landesregierung den Auftrag erhalten, eine Untersuchung einzuleiten.

Was muss sich der ÖSV in der Causa vorwerfen lassen?
So erfolgreich der Verband im sportlichen und wirtschaftlichen Bereich agiert, das Krisenmanagement und die Kommunikation wirkten in den vergangenen Tagen mitunter laienhaft. Bei ihren Auftritten in ORF und Puls 4 agierten Präsident Peter Schröcksnadel und sein Sportchef Hans Pum mit ihrer Wortwahl, Argumentation und Themengewichtung nun abermals unglücklich.

Was trägt der ÖSV zur Aufklärung bei?
Trotz einiger Versuchen zur Vermittlung herrscht zwischen dem ÖSV und Nicola Werdenigg Eiszeit. Aus diesem Grund kam es am Montag auch nicht live zur TV-Diskussion und -Konfrontation ÖSV ( Pum) vs. Werdenigg. Mit reichlich Verspätung hat der ÖSV nun mit der ehemaligen steirischen Landeshauptfrau Waltraud Klasnic einen unabhängigen Ansprechpartner gefunden, an den sich Opfer anonym wenden können (waltraud.klasnic@opfer-schutz.at oder unter der Telefonnummer: 0664/3835260). Die 72-Jährige hat mit dieser sensiblen Thematik Erfahrung. Klasnic war vor sieben Jahren in die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der Kirche bereits mit dieser Aufgabe betraut worden.

Ist Peter Schröcksnadel als ÖSV-Präsident angezählt?
Die aktuelle Missbrauchsdiskussion ist für die Gegner des machtbewussten Präsidenten – und der Tiroler hat nicht wenige davon – ein gefundenes Fressen. Allerdings wird Schröcksnadel ihnen wohl kaum den Gefallen tun und den Sessel räumen. Ganz im Gegenteil: Gegenwind stachelt den Tiroler erst richtig an. Schon 2006 war dem 76-Jährigen rund um die Doping-Affäre in Turin von vielen der Rücktritt nahegelegt worden.

Mit dem Ergebnis, dass er beim Österreichischen Olympischen Komitee aufräumte und dafür sorgte, dass dessen Generalsekretär abgesetzt und später gar gerichtlich verurteilt wurde. "Ich liebe Herausforderungen und löse am liebsten Probleme", sagte Schröcksnadel kürzlich erst im KURIER-Interview. Aber auch der Tiroler weiß: "Es wird bestimmt genug Leute geben, die sagen würden: ,Endlich ist er weg.‘"

Welche Auswirkungen haben die Erzählungen von Nicola Werdenigg auf den Sport?
Die Tirolerin hat mit ihrem mutigen Schritt an die Öffentlichkeit einen wichtigen Denkanstoß gegeben und einen Stein ins Rollen gebracht, der im positiven Sinn zur Lawine werden kann. Dass es jetzt Sondersendungen und eine breite Diskussion zu diesem Thema gibt, dass die Problematik aus der Tabuzone ins Rampenlicht getragen wurde, ist Werdeniggs Verdienst.

Einige Sportverbände versuchen nun verstärkt, Betreuer, Athleten und Angehörige für das Thema zu sensibilisieren. Nach dem Missbrauchsskandal rund um einen Wiener Volleyball-Trainer im Sommer empfiehlt der Verband den Vereinen, von Nachwuchsbetreuern ein Leumundszeugnis zu fordern. "Das ist das Mindeste, das man machen kann", heißt es.