Sport | Wintersport
30.01.2018

Kein Platz für olympische Gedanken

Marcel Hirscher lenkt sich beim City Event in Stockholm von den Winterspielen in Südkorea ab.

Fehlt nur noch, dass er jetzt auch noch von der "depperten Goldmedaille" spricht. So reagiert Marcel Hirscher gerne, wenn ihm all das Gerede und das Tamtam rund um ihn zu viel werden. Als er im vergangenen Winter immerzu nur zu seinem historischen sechsten Gesamtweltcupsieg befragt wurde, kreierte er irgendwann das Bild von der "depperten Kugel".

Das war seine Antwort auf die immense Erwartungshaltung der Öffentlichkeit. Das ist seine eigentümliche Art und Weise, den Druck beiseite zu schieben. Auch und vor allem vor seinen zweiten Winterspielen, bei denen es für den 28-Jährigen um seine erste olympische Goldmedaille geht – die letzte wichtige Trophäe, die ihm in seiner Sammlung noch fehlt.

Ablenkung

Marcel Hirscher hat über die vergangenen Monate seine ganz persönliche Strategie entwickelt, wie er sich diesem großem Karriereziel nähert. Er lässt Olympia links liegen, zumindest nach außen. Mögen sich die Konkurrenten, Fans und Journalisten die Köpfe über die Winterspiele zerbrechen, der Superstar selbst macht sich keine olympischen Gedanken. "Für mich ist der Weltcup vordergründig", erklärte Marcel Hirscher nach seinem 55.Weltcupsieg in Garmisch-Partenkirchen und startet wie zur Bestätigung am Dienstag beim City Event in Stockholm (17.45 Uhr/live ORFeins).

Mikaela Shiffrin, Hirschers Pendant bei den Damen, lässt das Rennen in Schweden aus, bei der Amerikanerin dreht sich alles schon um die olympischen Ringe. Manuel Feller verzichtet in Hinblick auf die Winterspiele ebenfalls auf den Start in Stockholm.

Eine freiwillige Pause käme Marcel Hirscher nie und nimmer in den Sinn. Der Salzburger wirkt dieser Tage sogar erleichtert darüber, dass vor Olympia noch ein Rennen stattfindet und er sich nicht jetzt schon rund um die Uhr mit Pyeongchang und der Mission Gold beschäftigen muss. "Manch andere Athleten setzen jetzt alles auf eines. Das werde ich nicht machen."

Tunnelblick

Es gibt ja auch genügend mahnende Beispiele, sogar im eigenen ÖSV-Team. Marcel Hirscher braucht sich nur einmal die Geschichte von Gregor Schlierenzauer anzuschauen, die zeigt, dass es keineswegs Sinn ergibt, alles den Winterspielen unterzuordnen. Vor Sotschi 2014 hatte der Skispringer nur Olympia-Gold im Kopf und engagierte dafür einen eigenen Privatbetreuer und Servicemann. Im Sommer vor den Spielen erklomm Schlierenzauer für eine TV-Doku sogar den Olymp in Griechenland. Der Rest der Geschichte ist bekannt, Gold gewannen andere.

Reißleine

Dass sich bei Gregor Schlierenzauer und seinen Skispringerkollegen auch diesmal alles schon früh auf Olympia fokussiert, hat andere Gründe. Pyeongchang ist die einzige Möglichkeit, einen vermurksten Winter noch zu retten. Auch deshalb zog Cheftrainer Heinz Kuttin die Reißleine und meldete seine fünf Olympia-Starter von den Weltcupbewerben am Wochenende in Willingen (GER) ab.

"Wir waren gezwungen, etwas zu tun. Jetzt zählt nur noch Olympia", sagt Ernst Vettori, der Nordische Direktor beim ÖSV. "Es geht darum, dass wir Sicherheit kriegen und wieder mit freiem Kopf springen",ergänzt Trainer Kuttin, der seine Springer diese Woche zum Spezialtraining nach Planica bittet. Auch die ÖSV-Kombinierer, die sich ebenfalls noch nicht in Olympiaform befinden, legen in Oberstdorf eine Sonderschicht ein und verzichten auf die Reise zum Weltcup nach Sapporo.

Sie alle werden Marcel Hirscher vermutlich um seinen olympischen Zugang beneiden. Wie meinte der Salzburger doch gleich: "Natürlich ist der Mythos Olympia reizvoll. Aber in meinen Augen hätte die siebente Kugel mehr Wert als Gold."