Sport | Wintersport
07.01.2018

Kamil Stoch: Der Überflieger mit dem Hang zum Chaos

Kamil Stoch hat geschafft, was vor ihm nur Sven Hannawald gelang. Dem Polen fehlt nur noch ein großer Skisprung-Titel.

Der Gegensatz zwischen Sportler und Privatperson könnte kaum größer sein. Auf den Schanzen ist Kamil Stoch der "Überflieger". Er weiß, was er zu tun hat und bewies es mit dem Grand Slam, Siegen auf allen vier Stationen der Tournee. Privat wirkt er nicht immer souverän. "Wir müssen auf ihn aufpassen, dass er sich nicht wehtut", meinte Dawid Kubacki und Stoch gab zu: "Ich bin ein Tollpatsch."

Der 30-Jährige aus Polens nordischem Mekka Zakopane hat am Dreikönigstag in Bischofshofen etwas vollendet, was in 66 Jahren Vierschanzentournee zuvor nur Sven Hannawald 2002 gelungen war. Stoch triumphierte in allen vier Konkurrenzen in Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen. "Ich wollte nur meine besten Sprünge zeigen, ich habe nie auf den Sieg geschaut. Aber natürlich das ist eine große Ehre für mich, eine große Ehre für das gesamte Team", sagte der Doppel-Olympiasieger von 2014.

Zu viel Ehrgeiz

Doch auch Stoch war nicht immer obenauf. Nach einer Knöcheloperation 2015 kämpfte er lange um die Rückkehr an die Spitze. Gelungen ist sie ihm mit dem vor der Saison 2016/17 verpflichteten Cheftrainer Stefan Horngacher. Der Tiroler, der Stoch "akribische Arbeit" attestiert, bremste den beinahe krankhaften Ehrgeiz des Ex-Weltmeisters und Ex-Weltcupsiegers. Nach Anpassungen bei der Technik holte Stoch schon im Vorjahr den Tourneesieg, duellierte sich mit Stefan Kraft um die Weltcup-Trophäe und führte Polens Team zum WM-Titel in Lahti.

Die Belohnung die Anstrengungen gab es am Samstag beim Tournee-Finale vor den Augen der Eltern und gleichzeitig bei der Gala der polnischen Sportlerwahl, zu der Stoch per Video zugeschaltet wurde. Er war vor Fußball-Star Robert Lewandowski die Nummer 1, und auch das Team erhielt die meisten Stimmen. Für Horngacher war die Ehrung als Trainer des Jahres eine besondere Auszeichnung.

Der in Deutschland im Schwarzwald lebende Wörgler trat mit 46 Jahren in Polen sein erstes Cheftraineramt an und hatte gleich Erfolg. "Er ist ein Fuchs", sagte ÖSV-Coach Heinz Kuttin über seinen Kollegen als Ex-Team-Weltmeister und strich dessen "strikte, gerade Linie" hervor. Horngacher habe wichtige Erfahrungen in Österreich, Polen und Deutschland gesammelt, ehe er erstmals "Chef" wurde.

Nur ein Titel fehlt

Als Skispringer hat Stoch fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Nur der Skiflug-WM-Titel fehlt ihm noch. Menschlich wird der Star von Kollegen und Trainern geschätzt. "Wenn einer das verdient hat, diesen Rekord zu brechen, dann ist es Kamil Stoch. Er ist seit Jahren ein toller Botschafter, ein außergewöhnlicher Sportler", sagte DSV-Coach Schuster. Und auch Stefan Kraft hob die Leistung des Polen hervor: "Unglaublich, dass er das bei dieser großen Dichte geschafft hat."

Die Basis für seine Erfolge findet der Top-Athlet bei seiner Familie. Er wolle ein normaler Mensch sein und den Sport nicht ins Privatleben mitnehmen. Wenn er im Weltcup unterwegs ist, telefoniert er täglich mit seiner Gattin und Managerin Ewa, mit der er seit 2010 verheiratet ist. "Das erdet mich. Ich habe sportlichen Erfolg, aber der größte Erfolg meines Lebens ist mein privates Glück", betonte Stoch.

Mit neun Jahren sprang der zweifache Tournee-Sieger erstmals von einer Schanze, mit zwölf segelte er schon 128 Meter weit und mit 17 debütierte er im Weltcup. "Luft ist mein zweites Wesen", sagt Stoch, der seinen Beruf und seine Hobbys mit großer Leidenschaft ausübt. Das Fliegen könnte ein berufliches Standbein werden, in seiner Freizeit begeistert er sich auch für Autos und Musik. Zudem hat er eine eigene Bekleidungslinie entwickelt.