Sport | Wintersport
12.01.2013

Jungstars im Rampenlicht

Marcel Hirscher begeistert mit spektakulären Siegesfahrten, Gregor Schlierenzauer landet Serienerfolge.

Der eine hat seinen Hauptwohnsitz auf Wolke sieben, der andere ist auf dem Siegespodest zu Hause; der eine fliegt seinen Gegnern seit Jahren um die Ohren, der andere fährt der Konkurrenz auf und davon; der eine ist auf dem Sprung in die Rekordbücher und zum absoluten König der Lüfte, der andere gilt schon jetzt als neuer Hermann Maier.

Beide, Skisprungstar Gregor Schlierenzauer und Pistenheld Marcel Hirscher, sind Winnertypen und Publikumslieblinge und die größten VIPs, die der österreichische Wintersport zu bieten hat.

Was zeichnet die beiden Seriensieger aus? Wieso kommen die beiden beim Fanvolk so gut an? Wieso prägen zwei 23-Jährige schon in jungen Jahren ihren Sport?

Otmar Weiß, Sportsoziologe im Zentrum für Sportwissenschaft der Universität auf der Schmelz, weiß, was hierzulande einen Sportler zum Star macht. "Ein typisch österreichisches Auftreten", erklärt der Fachmann, "der Star kommt aus einfachen Verhältnissen, arbeitet sich durch seinen Fleiß hinauf. So bekommen die Fans das Gefühl: Der ist einer aus unserer Mitte. Und dann bleibt ein echter Star im Erfolg bescheiden und natürlich."

Aber wie viel Gregor Schlierenzauer steckt nun eigentlich in Marcel Hirscher? Und ist umgekehrt Hirscher vielleicht gar ein kleiner Schlieri?

Das Talent

Grenzgenial. Außergewöhnlich. Einzigartig. Anton Innauer fallen zu Gregor Schlierenzauer längst nur noch Superlative ein. Vor allem eine Fähigkeit zeichnet den Tiroler Luftikus aus: "Er spielt mit der Luft", sagt der österreichische Skisprung-Cheftrainer Alexander Pointner, "sein Fluggefühl ist exzellent."

Marcel Hirscher beherrscht auch nach der alpinen Materialreform Schwünge mit extremen Schräglagen wie (außer Ted Ligety im Riesenslalom) kaum ein anderer.

Die Frühstarter

Früh übt sich, wer ein Superstar werden will. Sowohl Marcel Hirscher als auch Gregor Schlierenzauer waren und sind immer noch ihrer Zeit voraus, beide haben auf der Karriereleiter einige Sprossen übersprungen. Schlierenzauer feierte bereits bei seinem dritten Weltcup-Einsatz seinen ersten Weltcupsieg – im zarten Alter von 16.

Marcel Hirscher gewann serienweise Schülerrennen, wurde dreifacher Junioren-Weltmeister, löste aber mit seiner Überlegenheit auch regionalen Neid aus. Er würde aufgrund seines extremen Rennstils noch als Teenager völlig kaputte Kniegelenke haben, wurde dem Salzburger prophezeit. Doch jetzt hat Hirscher, 23, schon 15 Weltcup-Rennen gewonnen. In einem Alter, in dem Hermann Maier gerade erst in den Weltcup hatte einsteigen dürfen.

Die Siegermentalität

Erfolgsbesessen, zielstrebig, fokussiert und vor allem nervenstark – das sind die Attribute, die den Trainern zu Hirscher und Schlierenzauer zu allererst einfallen. Skispringer Schlierenzauer wusste schon in jungen Jahren, dass er einmal in den Rekordbüchern landen will. "Ich möchte einmal der beste Skispringer der Welt sein", hatte der Tiroler schon als 18-Jähriger verkündet.

Die Beliebtheit

Hirscher hält nichts von Taktisieren. Auf der Rennpiste genauso wenig wie bei Interviews, seine Auftritte garantieren stets hohen Unterhaltungswert. So auch in Adelboden, wo er den Zuschauern eine große Show lieferte, die nur ausnahmsweise nicht mit einem Happy End ausging, weil er mit Zwischenbestzeit die Grenzen der Physik zu sehr auslotete.

Auch Gregor Schlierenzauer kennt nur eine Devise: voller Angriff. Auch weil er in jedem Springen die Schanzenrekorde anvisiert und sein Herz auf der Zunge trägt, fliegen ihm die Herzen zu.

Die Familie

Was wäre Marcel Hirscher ohne die Hilfe seines Vaters Ferdinand? Wo würde Gregor Schlierenzauer heute ohne die Ratschläge seines Onkels Markus Prock stehen? Die beiden Stars sind nicht nur echte Familienmenschen, enge Angehörige sind auch die wichtigsten sportlichen Bezugspersonen. "Ich habe bei meinem Onkel hautnah erleben können, wie der Spitzensport funktioniert", sagt Schlierenzauer.

Hirschers Vater hatte noch im Seniorenalter Landescup-Rennen gegen Hermann Maier bestritten und gilt in seinem Umfeld als brillanter, wenn auch nicht immer bequemer Analytiker. Unter seiner Regie wurde Marcels Freund Mathias Walkner im vergangenen Herbst sensationell Motocross-Weltmeister. Von Marcel wird der Papa "Ferdl" gerufen – eine Anrede, die nicht auf Respektlosigkeit, sondern auf eine besonders freundschaftliche Beziehung Vater – Sohn zurückzuführen ist.

Wenn Papa Hirscher nicht vor Ort ist (wie bei den Nordamerika-Rennen), ruft ihn Marcel noch vom Zielraum aus nach jedem Rennen an, um sich seine Fachmeinung anzuhören.

Die Marketing-Maschine

Marcel Hirscher und Gregor Schlierenzauer beschränken sich längst nicht mehr nur aufs Skifahren und Skispringen. Die beiden machen auch beim Après-Sport gute Figur. Hirscher hat eine eigene Modekollektion und fährt im Slalom einen eigenen Hirscher-Ski, Schlierenzauer hat seine Modelinie GS selbst mitdesigned.

Die Entertainer

Lockere Sprüche, lässige Frisuren, coole Outfits – Hirscher und Schlierenzauer fliegen auch abseits der Pisten und Schanzen die Herzen zu. "Mir ist es ein Anliegen, dass mich die Leute mögen." Marcel Hirscher will nicht beleidigend, aber trotzdem aussagekräftig sein.

Das (vom ÖSV in der Vergangenheit sehr geförderte) Phrasendreschen ist ihm zuwider. So meinte Hirscher: "Mir wird schlecht, wenn einer vor dem zweiten Lauf ins Mikrofon sagt: 'Schau’ ma mal, dann seh’ma eh‘."

Die Perfektionisten

Schlierenzauer überlässt nichts dem Zufall und tüftelt stundenlang an Details. "Ich bin sicher perfektionistisch veranlagt." Auch bei Hirscher muss alles im Umfeld passen. Nicht nur vor dem Rennen.

Er kann ungeduldig und lästig werden, wenn es etwa bei Reisen zu Flugverzögerungen kommt. Dann legt er bei Betreuern und Reiseleitern ähnlich strenge Maßstäbe an wie bei sich selbst.

Gregor ist wirklich ein super Typ

Marcel Hirscher, 23, ist ein bekennender Fan von Gregor Schlierenzauer. Wann immer es die Zeit und der Terminplan erlauben, verfolgt der Salzburger vor dem Fernseher die Höhenflüge des Tiroler Überfliegers.

In Sachen Weltcupsiege, Goldmedaillen und Trophäen schwebt Schlierenzauer für Hirscher noch in anderen Sphären. Dafür hat der Skistar den Super-Adler bei der Wahl zum Sportler des Jahres überflügelt.

Im Gegensatz zu Gregor Schlierenzauer hat Marcel Hirscher diesen Titel bereits gewonnen (2012). Der König der Piste über den König der Lüfte.

KURIER: Herr Hirscher, was fällt Ihnen zu Gregor Schlierenzauer ein?
Marcel Hirscher: Ich schätze den Schlieri wirklich sehr. Ich freue mich jedes Mal, wenn wir beide uns treffen. Der Gregor ist wirklich ein super Typ.

Was imponiert Ihnen denn so an Gregor Schlierenzauer?
Er ist eine absolute Ausnahmeerscheinung und schon jetzt einer der besten Skispringer aller Zeiten. Das hat er gerade wieder mit seinem Sieg bei der Tournee bewiesen. Was er alles schon erreicht hat: Olympiasieger mit der Mannschaft, mehrfacher Weltmeister – ein Wahnsinn!

Sehen Sie denn gewisse Parallelen zwischen Gregor Schlierenzauer und Ihnen?
Wir sind beide sympathische Burschen.

Und gibt es etwas, worum Sie Schlierenzauer beneiden?
Worum ich ihn beneide? Er kann definitiv viel weiter fliegen als ich.

Extreme Sicherheit

Gregor Schlierenzauer, 23, verfolgt die Karriere und die Erfolge von Marcel Hirscher ganz genau. Der König der Lüfte über den König der Piste.

KURIER: Was imponiert Ihnen denn an Marcel Hirscher?
Gregor Schlierenzauer: Dass er trotz seiner großen Risikobereitschaft auf der Piste eine so extreme Sicherheit ausstrahlt. Das ist schon beeindruckend. Außerdem fährt Marcel sehr kompromisslos Ski. Das taugt mir.

Sehen Sie Parallelen zwischen Marcel Hirscher und Ihnen?
Klar gibt’s die. Wir sind beide 23 Jahre jung, wir sind beide auf dem Schnee zu Hause, und vor allem sind wir beide auch keine Typen für Lippenbekenntnisse. Ich sage immer, was ich mir denke, auch wenn das manchen vielleicht nicht schmeckt. Bei Marcel ist das ähnlich, zumindest ist das mein Eindruck.

Gibt es etwas, worum Sie Marcel Hirscher beneiden?
Beneiden tu’ ich ihn sicher um den Heimvorteil bei der Weltmeisterschaft. In Sachen Stimmung und Flair geht wohl nichts über ein Medaillenrennen vor eigenem Publikum. Schladming wird extrem geil, davon bin ich überzeugt. Ob ich noch eine Nordische Weltmeisterschaft in Österreich als Aktiver erleben darf, ist eher fraglich.

Und worum muss Hirscher Sie beneiden?
Dafür, dass mir buchstäblich Flügel wachsen und ich die Dinge aus der Vogelperspektive sehen kann. Das können jedenfalls nicht viele von sich behaupten.

Seriensieger haben eine maßlose Freude am Sport

Der Kopf entscheidet über Sieg oder Niederlage, heißt es. Der Sportpsychologe Alois Kogler bestätigt diese These: „Je besser ein Sportler die Fähigkeiten seines Gehirns nutzen kann, desto erfolgreicher ist er“, sagt der Wissenschaftler, der an der Universität Graz eine Vorlesung zu diesem Thema hält.

KURIER: Besitzen Gregor Schlierenzauer und Marcel Hirscher ein Sieger-Gen?
Alois Kogler: Ein klassisches Siegergen gibt es nicht. Aber Seriensieger haben eine maßlose Freude am Sport. Auch die depressive Lindsey Vonn. Das könnte man vielleicht als "psychologisches Gen" bezeichnen.

Doch was sind dann die Voraussetzungen für Seriensiege?
Aus Untersuchungen von Olympia-Teilnehmern wissen wir, dass mentale Dinge, die man zum Siegen braucht, erlernbar sind. Dabei geht es nicht um Charakterzüge. Denn Siegertypen können so unterschiedlich sein: Zurückgezogen wie Ingemar Stenmark, gescheitert im Leben wie Matti Nykänen – oder sie sind so wie Hirscher und Schlierenzauer. Die werden auch nach ihrer Karriere beruflich Erfolg haben. Es geht letztlich nur um vier Faktoren.

Welche?
Erstens müssen Sportler dem Sport alles unterordnen. Zweitens müssen sie in einem intelligenten, gelenkten Umfeld groß werden. Drittens nützen sie ihr Training optimal aus und beginnen es schon am Tag zuvor im Kopf. Viertens haben sie gute Strategien für die Neu-Konzentration. Ein Gregor Schlierenzauer wartet eine halbe Stunde auf der Schanze – und dann springt er im richtigen Moment wie ein Gott.

Wie gehen Siegertypen mit Nieder­lagen um?
Je nach Alter und Erfahrung unterschiedlich. Ein 16-Jähriger darf nach Niederlagen noch einen Tag lang völlig zerstört sein. Einem 19-Jährigen aber sage ich: Gib dir drei Sekunden Zeit für deinen Ärger und dann vergiss ihn. Jetzt beginnt das Lernen aus der Niederlage.

Kann man seine Emotionen so lenken?
Ja, das kann man erlernen. Ein 19-Jähriger muss mit seinen Emotionen schon umgehen können. Ein Tennisspieler hat zwischen zwei Ballwechseln 20 Sekunden Zeit, in denen er seine Gefühle regulieren muss. Roger Federer hat mit 17 Jahren noch Schläger zertrümmert. Danach hat er – unter guter Führung – gelernt, mit diesen Emotionen umzugehen.