Durchblick: Nach seiner Augen-OP sieht Hirscher besser, doch „das Blitzen der Kameras blendet“.

© FREMD/Stefan Sigwarth

Der Gejagte
10/26/2013

Hirscher: „Ich sehe die Welt jetzt anders“

Der 24-Jährige hat heuer erst recht den Durchblick, spricht über seinen Vater, aber auch über Belastungen.

von Wolfgang Winheim

Marcel Hirscher, 24, ist Gejagter und Jäger zugleich. Im Gesamtweltcup wollen vor allem die Head-Fahrer Ted Ligety und Aksel Lund Svindal den Titelverteidiger und Atomic-Star Hirscher stoppen. Im Riesenslalom versucht Hirscher die Vorherrschaft von Ligety zu brechen und als erster Österreicher seit acht Jahren, seit Hermann Maier, beim Herren-Riesenslalom auf dem Rettenbachferner zu gewinnen. Hirscher hat eine außergewöhnlich intensive Saisonvorbereitung in den Beinen. Er war im August – zum ersten Mal – mit der ÖSV-Speedgruppe in Chile, ehe er zum Riesenslalomtraining an den Südzipfel Südamerikas (Feuerland) übersiedelte.

Zu Beginn des Olympia-Winters verrät Hirscher im KURIER-Interview, warum er die Welt seit heuer mit anderen Augen sieht.

KURIER: Ist Ted Ligety im Riesenslalom am Gletscher überhaupt zu schlagen?
Marcel Hirscher:
Video-Analysen zeigten: Ted zieht dort noch seinen Schwung durch, wo andere driften. Ich muss perfekt auf meinen individuellen Fahrstil hinkommen, um ihn abzufangen. Ich spiele mich mehr mit Innenlagen als andere. Das ist aufgrund der Materialreform durch die geringere Taillierung der Ski schwieriger geworden, aber wir, mein Trainer Marc Pircher, mein Servicemann Edi Unterberger, und natürlich mein Vater, haben viel und gut getestet. Ich habe jetzt allein 21 Paar Skischuhe.

Ihr Vater wurde heuer (vor Grödig-Fußballcoach Adi Hütter) zum Salzburger Trainer des Jahres gewählt. Worin sehen Sie seine größten Stärken?
Er kennt mich wie niemand anderer und steht zu hundert Prozent hinter mir. Außerdem kenne ich keinen Menschen, der so akribisch seiner Arbeit nachgeht und sich Tag und Nacht Gedanken macht, was wir noch besser machen können. Einen besseren Trainer und Vater kann ich mir nicht vorstellen.

Der deutsche Internet-Benutzer verbringt laut einer Studie durchschnittlich zwei bis drei Stunden täglich im Social Network. Wie hoch ist diesbezüglich Ihr Zeitaufwand?
Also täglich mache ich das nicht in diesem Umfang, doch ich bin täglich online. Das ist für mich die beste Möglichkeit, direkt mit den Menschen in Kontakt zu treten. Ich nütze vor allem Wartezeit und Autofahrten, um meine Social-Media-Seiten zu betreuen. Hier spreche ich direkt mit allen, die es interessiert oder mir direkt geschrieben haben.

Sportfremde Kritiker behaupten immer wieder, der Skirennlauf ermögliche extrem viel Freizeit. Wie viele freie Tage im Jahr haben Sie wirklich?
Ist das so? Also ich kann mich über zu viel Freizeit nicht beschweren. Lediglich im Mai und Juni kann ich ungehindert meinen Hobbys nachgehen und mit meinen Freunden etwas unternehmen. Das restliche Jahr ist dies schon schwieriger. Aber ich mache meinen Job gerne, bin noch jung und kann nach meiner Karriere noch ganz viele Dinge betreiben und ausprobieren, zu denen ich jetzt vielleicht nicht komme.

Sie sind ohne Brille und Kontaktlinsen zwei Mal Weltcupsieger geworden. Sehen Sie die Welt nach Ihrer Laser-OP im Frühjahr jetzt mit anderen Augen? Oder blendet Sie extremes Licht mehr als früher?
Ja, ich sehe jetzt die Welt tatsächlich anders. Schärfer. Und vor allem sehe ich mehr. Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass man beim Autofahren die Struktur des Asphalts erkennt. Früher war das für mich eine schwarze Spur. Grelles Licht kann mir manches Mal zu viel werden. Vor allem das Blitzen von Kameras blendet mich sehr stark. Ein kleines Übel, im Vergleich zu dem, was ich jetzt sehen darf.

Bleibt Ihnen überhaupt Zeit zum Lesen oder Fernsehen?
Ich lese heute mehr Medien als früher. Nicht nur Artikel über unseren Sport, ich interessiere mich immer mehr für alles Mögliche, was auf der Welt passiert. Bücher begleiten mich vor allem im Urlaub. „Das Café am Rande der Welt“ und „Safari des Lebens“ habe ich in diesem Sommer gelesen. Kann ich beide wirklich empfehlen. Fernsehen tue ich natürlich auch. Abends in den Hotels drehe ich gerne auf, um mich nach anstrengenden Tagen ein wenig berieseln zu lassen. Eine Sitcom, die ich gerne sehe ist zum Beispiel „How I Met Your Mother“.

Sölden, Beaver Creek, Adelboden? Welcher ist der anspruchsvollste Riesenslalom?
Diese Fragen werden mir oft gestellt: Was ist die schwierigste Piste, was ist meine Lieblingspiste, usw. Meine Antwort: Gibt es nicht. Jede Strecke hat ihre eigenen Tücken und Herausforderungen. Somit kann man keine Wertung vornehmen. Ich mag sie alle.

Existieren über Sie sportmedizinische Messungen hinsichtlich Pulsfrequenz beim Rennen? Kommen Sie in den 200er-Bereich?
Im Training haben wir das schon gemessen, doch ich komme generell nie in den 200er-Bereich. Doch ein viel wesentlicher Parameter ist für uns der Laktatwert. Dabei zeigen sich bei mir immer recht gute Ergebnisse. Ich bin eigentlich bis zur Ziellinie voll leistungsfähig.

Gab es für Sie schon einmal eine Situation, wo Sie dachten: Jetzt bin ich völlig groggy, ich kann nicht mehr?
Ja, letztes Jahr in Garmisch. Da ist mir die Kraft ausgegangen. Das ist aber nicht das Resultat der körperlichen Belastung gewesen, sondern der Mix aus physischer und psychischer Belastung. Ja, es ist Fakt: Ich bin keine Maschine.

Ärgert es Sie, wenn der Alpine Rennlauf als Randsportart bezeichnet wird?
Wer sagt das? Das habe ich noch nie gehört.

Hat Sie in der Vorwoche beim Interview mit der New York Times eine Frage besonders überrascht?
Mich hat überrascht wie gut sich die Redakteurin in der Materie auskennt. Ihr Interview war sehr gut vorbereitet und die Fragen waren hintergründig. Die Dame braucht sich vor unseren Ski-Experten nicht verstecken.

Ist im kommenden Winter mit dem großen Durchbruch eines Läufers zu rechnen, der in der Öffentlichkeit wenig bis gar nicht bekannt ist?
Wenn ich das wüsste, wäre ich ein Prophet. Doch kenne ich einige Junge, die das Zeug haben, ganz an die Spitze zu kommen. Diese Talente gibt es bei uns und auch in den anderen Nationen. Ohne Zweifel werden sie eines Tages Ted, Aksel, Felix, mich und die anderen momentanen Siegesläufer an der Spitze ablösen. Ob das schon diese Saison passiert … ich hoffe nicht.

Wann haben Sie die Heimat der Mama zuletzt besucht?
Dieses Jahr hatte ich es vor, doch war es dann zeitlich nicht möglich – so viel zur Frage ob wir „extrem viel Freizeit“ haben. 2012 habe ich meine Familie in den Niederlanden das letzte Mal besucht und nächstes Jahr werde ich es bestimmt wieder tun. Zum Glück kommen Sie öfter zu uns und manche Verwandte waren auch beim Race Fest in Annaberg, sonst würde ich sie nur sehr selten sehen.

Hat Sie die Bestellung Ihres ehemaligen Atomic-Rennchefs Rudi Huber zum neuen Schweizer Oberboss überrascht?
Nein, gar nicht. Er kennt den Skizirkus seit Jahren, hat einen immensen Erfahrungsschatz und ist somit sicher eine ausgezeichnete Wahl. Für unseren Sport ist es extrem wichtig, dass die Schweiz nach schwierigen Jahren wieder vorne mitfährt.

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