"Endlich wird Aggressivität reduziert"

© Bild: Stefan Sigwarth

Slalom-Ass Marlies Schild über die Materialreform, Rekorde, Rückschläge - und das ganz normale Leben abseits der Pisten.

Nichts wurde es mit dem erhofften 29. Sieg in einem Weltcup-Slalom für Marlies Schild - Rekordhalterin Vreni Schneider aus der Schweiz (35 Erfolge) durfte sich am Samstagvormittag zurücklehnen. Mehr als ein Meter Neuschnee war zu viel für die Organisatoren in Courchevel, weshalb die Ski-Damen statt Rennstress noch einmal Fahrten im Tiefschnee genießen durften.

Am Sonntag (9.30/12.30 Uhr, live ORFeins, Eurosport, SF2) wird neuerlich versucht, einen Slalom über die Piste zu bringen, Favoritin ist wieder Marlies Schild. Während der Vorbereitung nahm sich die 30-Jährige Zeit für ein Gespräch.

KURIER: Die Materialreform, die für 2012/2013 ansteht, war und ist ein großes Thema. 195 Athleten haben sich mit ihrer Unterschrift dagegen ausgesprochen, Sie und Ihr Lebensgefährte Benjamin Raich nicht. Warum?
Marlies Schild: Nur weil ein Schaf schreit, muss man nicht mitlaufen, wenn man eine andere Meinung hat. Ich war überrascht, als das Schreiben und die Unterschriftenliste herausgekommen sind. Natürlich waren Punkte dabei, die man diskutieren kann, aber den Kern der Reform, die reduzierten Ski-Radien, find’ ich gut. Endlich wird die Aggressivität reduziert.

Neben dem Material spielen ja auch noch andere Faktoren wie die Pistenpräparierung eine Rolle.
Ich denke, es wird sowieso immer das gemacht, was das Beste für die Piste ist. Klar, manchmal ist es in die Hose gegangen und dann war es extrem eisig, mitunter unfahrbar. Aber in den letzten Jahren hat man viel dazugelernt. Man muss sich ja auch an den äußeren Bedingungen orientieren.

Fühlen Sie sich von FIS-Renndirektor Atle Skårdal gut vertreten?
Eigentlich schon. Natürlich sollten die Läufer mehr eingebunden werden. Aber es ist schwierig, auf einen grünen Zweig zu kommen, wenn 20 oder 30 Meinungen aufeinandertreffen. Das hat ja auch Bode Miller in Beaver Creek gezeigt, wo er der offizielle Athletenvertreter war und für eine Trainingsabsage gesorgt hat.

Wer wäre denn bei den Damen das Pendant zu Miller?
Anja Pärson ist seit Jahren sehr engagiert, sie wäre sicher eine Kandidatin. Ich denke, diese Athletenvertretung ist vor allem in den Speed-Disziplinen wichtig. Im Slalom oder Riesenslalom hat es in den letzten Jahren keinen Fall gegeben, wo es zu gefährlich gewesen wäre.

Die Reform kommt erst in der nächsten Saison. Haben Sie Angst, dass Sie sich bis dahin verletzen könnten?
Nein, Angst darf man sowieso keine haben. Natürlich habe ich schon einmal daran gedacht, weil mein Unfall vor drei Jahren (Trümmerbruch im linken Schien- und Wadenbein, Anm.) vielleicht mit weniger aggressiven Skiern anders ausgegangen wäre. Aber es war ein Fahrfehler, und es haben auch andere Komponenten mitgespielt, dass es so ausgegangen ist. Man schaut natürlich immer, dass man mit dem Material, das man gerade zur Verfügung hat, das Bestmögliche rausholt. Nächstes Jahr fängt das dann fast wieder bei Null an.

Haben Sie schon das neue Material getestet?
Nein, nur die Männer hatten es im Herbst zur Verfügung. Aber ich weiß vom Benni, dass es gut fahrbar ist. Wenn unsere Skifirma mitspielt, sollte ich noch während dieser Saison testen können. Ich fahre ja keine Speed-Disziplinen mehr, dadurch hab’ ich mehr Zeit.

Gehen Ihnen die schnellen Disziplinen ab?
Nein. Sicher hat es mir viel Spaß gemacht, aber ich weiß einfach, dass es zu viel wird und nicht mehr geht. Mein Bauch sagt "Nein", und es ist gut, wie es jetzt ist.

2008 haben Sie sich beim Saisonauftakt in Sölden schwer verletzt. Ist geplant, den Nagel, den Sie seither im linken Unterschenkel tragen, wieder zu entfernen?
Irgendwann soll er schon raus, aber im Moment noch nicht. Mein Knie ist ja doch schon ein wenig lädiert, und wenn man den Nagel herausnimmt, muss man das Knie aufschneiden und die Patellasehne spalten. Die Ärzte meinen, dass ich danach wieder ziemliche Probleme haben könnte, deshalb bleibt er noch so lange drinnen, wie die Karriere dauert. Ob ich ihn jetzt drei oder fünf Jahre drinnen habe, ist auch schon egal.

Wie fühlen sich 32 Zentimeter Metall an?
Ich kann jetzt nicht mehr sagen, wie es ohne ist. Viele haben gesagt, dass man mit einem Nagel im Bein nicht Skifahren kann, aber das geht recht gut. Wenn ich einen Schlag bekomme, geht es natürlich hart auf hart, das Wetter spüre ich auch und das Druckgeben mit dem Schienbein. Aber ich kann im Alltag eigentlich alles machen außer Bergablaufen. Radfahren, Inlineskaten...

Und wie sieht`s mit Ihrem großen Hobby Reiten aus?

Seit meinem Unfall bin ich nicht mehr geritten, aber ich möchte im Frühjahr wieder anfangen. Bis jetzt habe ich mich noch nicht getraut, weil da doch viele Schläge aufs Knie kommen. Und ich will ja nicht nur ein bisserl herumtraben, sondern g`scheit reiten.

Nur noch sechs Siege, dann haben Sie den Slalom-Rekord von Vreni Schneider eingeholt. Was bedeuten Ihnen solche Zahlenspiele?
Wenn ich den Rekord brechen würde, wär` das schon toll. Das würde mir etwas bedeuten. Schau ma` mal - wir haben ja noch neun Slaloms in diesem Winter.

Sie wirken entspannt bei dieser Rekordjagd. Wie hält man die Balance zwischen Lockerheit und Ehrgeiz?
Da muss jeder sein eigenes Rezept finden. Für mich ist es ganz wichtig, dass ich Spaß habe und nicht versuche, etwas zu erzwingen. Ich arbeite seit 15 Jahren mit Dr. Thomas Wörz im mentalen Bereich, das hilft mir sehr.

Für Lockerheit waren Sie in den ersten Jahren Ihrer Karriere eher nicht bekannt.
Gerade die Verletzung und die Ungewissheit danach haben mich verändert. Ich sehe das mittlerweile so: Das hat sein müssen, und man muss das Positive herausfiltern. Generell muss ich locker an die Dinge herangehen. Nicht etwas unbedingt wollen, denn dann geht es meistens nicht. Einfach die Dinge passieren lassen, wie sie kommen.

Ein Lernprozess?
Ja. Ich hab` ziemlich zu kämpfen gehabt während der Verletzung, ich war auch psychisch am Boden. Aber das hat mich weitergebracht und mir die Augen für andere Dinge geöffnet.

Auch für das Leben nach der Karriere?
Natürlich. Eine Familie ist ein großer Wunsch von uns. Aber das kann man nicht erzwingen. Was sich sonst noch ergibt, wird man sehen. Was mich interessiert, mache ich ja eh jetzt schon. Verschiede Sachen mit Ernährungslehre zum Beispiel, da kann ich auch was für meinen Kopf machen, das ist ein schöner Ausgleich.

Auch Skifahren?
Sicher. Vor ein paar Jahren war ich nach der Saison noch zum Heliskiing in Kanada, das war etwas ganz Besonderes. Ich geh` auch im Frühjahr gerne Skifahren. Aber es gibt auch ein Leben abseits der Piste, das ich sehr genieße. Einen Nachmittag frei zu haben etwa: auf der Couch liegen und fernschauen.

Und dann Benjamin Raich beim Rennen verfolgen?
Zum Beispiel. Aber da bin ich schon nervös. Auf dem Ergometer sitzen und ihm zuschauen – das geht nicht gleichzeitig.

Werden in der Adventzeit im Hause Schild/Raich auch Weihnachtskekse gebacken?
Eigentlich immer, nur heuer mach` ich keine, weil wir kaum daheim sind. Da müssen wir bei den Nachbarn und Eltern mitnaschen.

Nach der WM in Garmisch haben Sie gesagt, dass Olympia in Sotschi noch so weit weg ist, dass Sie sich damit noch nicht befassen wollen....
Das hat sich nicht geändert.

Und was ist mit der WM 2013 in Schladming?

Das ist schon ein bisschen im Hinterkopf. Aber mal schauen, wie es mir nach dieser Saison geht. Dann werde ich das schon spüren, ob es Sinn macht oder nicht. Für mich ist wichtig, dass ich mir durch den Druck nicht die Freude nehmen lasse.

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Erstellt am 18.12.2011