Sport | Wintersport
30.11.2016

Elisabeth Görgl: Das neue Leben der Grande Dame

Warum sich die Ex-Weltmeisterin im Sommer erstmals in Wien auf den Ski-Winter vorbereitet hat.

Treffen mit Ex-Doppelweltmeisterin Elisabeth Görgl nach ihrem Training in Südamerika und vor dem Abfahrtsauftakt in Nordamerika: Auf Görgls Vorschlag fand es am Naschmarkt statt. Österreichs Sportlerin des Jahres 2011 ist 2016 immer noch erfolgshungrig. Anders als in den letzten 15 Jahren hat die 35-Jährige die Weichen für ihre 16. Weltcup-Saison von der Bundeshauptstadt aus gestellt. Ab Freitag stürzt sich Görgl in die Rennen von Lake Louise.

KURIER: Dorfmeister, Meissnitzer, Götschl, Hosp, Zettel, Höfl-Riesch, Maze – viele Ihrer Konkurrentinnen sind längst in Rennpension. Wie können Sie sich noch motivieren?

Elisabeth Görgl: Wie hat Benni Raich einmal gesagt? Solange man das Gefühl hat, Rennen fahren zu wollen, ergibt es Sinn und Freude.

Auch Ihr Bruder Stephan Görgl ist längst in Skipension. Wie geht es ihm abseits der Piste?

Gut. Seit Anfang April ist Stephan Vater eines Buben.

Fühlt sich Tante Lizz im Skizirkus als die "Mutter der Kompanie"?

Von dieser Bezeichnung halte ich überhaupt nichts. Sie ist auch nicht zutreffend. Schließlich fährt man ja immer noch gegeneinander. Ich habe mich übrigens zu früh gefreut, als es hieß, dass Maze noch ein paar Speedrennen in diesem Winter fahren würde. Da wäre wenigstens der Altersunterschied zu mir nicht ganz so groß gewesen. Schade, dass Tina den Plan wieder fallen ließ. Aber ich suche nach wie vor gerne den Vergleich mit jungen Rennläuferinnen.

Ihre Mama, die zweifache Olympia-Dritte Traudl Hecher, ist Tirolerin. Sie sind in der Steiermark aufgewachsen. Was hat Sie nach Wien verschlagen?

Mein Freund, ein Musiker, lebt hier. Ich genieße die Vielfalt an Möglichkeiten. Das multikulturelle, urbane Lebensgefühl taugt mir.

Sind Sie geografisch gesehen nicht zu weit weg von ihrem Lieblingssport?

Ich habe mir im Raum Wien eine gute Trainingsstruktur geschaffen. Die Leute hier kommen mir entgegen. Allen voran mein Konditionstrainer Reinhold Innerhofer. Die Wohnung in Innsbruck gebe ich aber nicht auf. In Tirol habe ich auch Thaiboxen gemacht. Das finde ich gut für Reaktion und Schnelligkeit.

Lindsey Vonn, Eva Maria Brem, Carmen Thalmann, Fritz Dopfer usw., usw. – die Ausfallsliste schon zu Saisonbeginn gibt zu denken. Oder ist sie, gefühlskalt formuliert, nur "part of the game"?

Skirennfahren ist ein Risikosport und leider gehören auch Verletzungen dazu.

Gerade in Lake Louise sind viele Damen schon schwer verletzt auf der Strecke geblieben. Die legendäre Petra Kronberger fühlt sich dort so verunsichert, dass sie wenige Wochen nach Saisonbeginn zurücktrat und auf viel Geld verzichtete. Haben sie denn keine Angst?

Ich hatte unter Anführungszeichen den Vorteil, dass ich meine Kreuzbandrisse schon im Alter von 15, 16 und 20 Jahren erlitten und daraus gelernt habe. Im ersten Trainingslauf bin ich daher meist hinten, weil ich mich langsam herantaste. Mir ist seit 15 Jahren nichts Ernsthaftes mehr passiert. Weil ich weiß, dass man voll unter Spannung stehen muss, damit es funktioniert. Auch muss ich sagen, dass man als Rennläufer immer noch die Selbstverantwortung hat. Das hat jeder und jede von uns vor jeder Saison unterschrieben. Einmal in St.Anton aber war’s wirklich grenzwertig. Da habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich schämte mich nicht dafür.

Bei der WM 2011 widmeten Ihnen ausländische Medien große Storys, als sie bei der Eröffnungsfeier in Garmisch stellvertretend für alle Starter das WM-Lied gesungen haben und wenige Tage danach zwei Goldene geholt haben. Sind Sie noch gelegentlich mit dem WM-Song zu hören?

Nein. Nur im April bin ich gemeinsam mit meinem Freund bei einer Mode-, Kunst- und Literatur-Vernissage im Bergisel-Restaurant 1809 aufgetreten. Wir haben einige meiner Lieblingslieder mit Akustikgitarre interpretiert und es hat großen Spaß gemacht.

Lindsey Vonn und Anna Veith sind unter die Autorinnen gegangen. Haben Sie die Werke Ihrer Kolleginnen gelesen?

Nein. Ich habe sie nicht gelesen.

Was hat sich seit Ihrem Weltcup-Debüt im März 2000 am meisten verändert?

Das Material und dadurch die Skitechnik sowie die Athletik und damit ein anderes Fahrgefühl.

Der österreichische Fußball-Rekordinternationale Andreas Herzog, der bis vor wenigen Tagen fünf Jahre lang Assistent-Coach des US-Nationalteams war, hat erzählt, wie sehr ihn dass durch Social Media veränderte Verhalten mancher junger US-Spieler irritiert. Diesen Fußballprofis, so kritisiert er, seien Außendarstellung und vorteilhafte Selfies schon wichtiger als der Sport selbst. Wie denkst Du über diesen Trend?

Es ist extrem bedenklich, wenn es nur noch ums Profilieren geht. Natürlich will ich meine Sponsoren positionieren. Dadurch verdiene ich auch mein Geld. Das sagt mir mein Hausverstand. Aber dass nur noch eine Sensation die nächste jagen soll – damit kann ich mich nicht identifizieren. Wegen des ganzen Überfluss’ an Informationen können sich Jugendliche gar nicht mehr orientieren; nicht mehr erkennen, was nachhaltigen Wert hat.

Finden Sie den Weltcup noch zeitgemäß?

Bei der Planung könnte man viel einsparen und nicht so viel hin- und herfliegen. Auch erhöht es nicht gerade die Glaubwürdigkeit, wenn man eine Materialreform beschließt und sie nach wenigen Saisonen wieder ändert. Dadurch müssen die Firmen wieder komplett neue Skier bauen. Dazu kommt die Abhängigkeit von Wetter und Fernsehen. Da frage ich mich schon: Wären Aufzeichnungen nicht g’scheiter oder nimmt das den Reiz?

Es gibt Bestrebungen, der jungen Wiener- bzw. ihrer Migranten-Generation den Skisport im Nahbereich der Stadt schmackhaft zu machen. Sie sind auch staatlich geprüfte Skilehrerin. Können Sie sich vorstellen, so etwas wie eine Ski- und Rennsportbotschafterin für Wien und Umgebung zu werden?

Das kann ich mich sehr gut vorstellen.