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Sport Wintersport
03/03/2012

Biathlon-WM: Ein Schuss Wahnsinn

Lokalaugenschein in Ruhpolding, wo ein ganzer Ort während der WM den Biathlonsport liebt, lebt und feiert.

Es hätte alles so schön sein können für den schönsten Tag im Leben. Das Wetter traumhaft, das Datum - Dritter Dritter - perfekt, weil leicht zu merken, obendrein auch noch ein Samstag - das schreit ja förmlich nach dem Jawort.

"Wer will heute schon heiraten?" Die Dame im blauen Kostüm sitzt auf einer Holzbank vor dem Standesamt in Ruhpolding, sie hat Zeit, die Frühlingssonne zu genießen. "Kommt sowieso keiner."

Es sind gerade schlechte Zeiten für Hochzeiten in Ruhpolding. Draußen vor den Toren der Chiemgauer Gemeinde wird scharf geschossen, dagegen kann nicht einmal Amors Pfeil was ausrichten. "Heiratssperre", meint die Dame, "kein Ruhpoldinger käme auf die Idee, während der Biathlon-Weltmeisterschaft zu heiraten."

Das sagt alles über die waffennarrischen Ruhpoldinger. Sie haben eine enge Beziehung zur Weltmeisterschaft, sie sind alle dermaßen verschossen in den Biathlon-Sport, dass selbst die wahre Liebe für einige Tage in die Strafrunde muss. Christoph Sumann, Biathlon-Routinier aus der Steiermark, ist jedes Jahr wieder aufs Neue begeistert. "Einzigartig", sagt er, "was für die Langläufer der Holmenkollen in Oslo, ist für die Biathleten Ruhpolding."

Heeey & Ouuuh

Hier im Herzen des Miesenbacher Tals, wo die Ortsteile so wunderbare Namen tragen wie "Fritz am Sand" oder "Bibelöd", grassiert die Biathlonitis in ihrer stärksten Ausprägung. Menschen, die an Biathlonitis leiden, erkennt man meist an ihren komischen Kappen und dem Glühweinbecher, den sie in der Hand halten. Ihre Sprache erinnert bisweilen an die Urlaute der Menschheit: Heeeeeeeeey grölen die 30.000 in der Chiemgau-WM-Arena, wenn ein Deutscher Biathlet einen Volltreffer gelandet hat, Ouuuuuuuh jammern sie, wenn der Schuss das Ziel verfehlt. Diese Schreie, die jede Anzeigetafel überflüssig machen, gehen durch Mark und Bein - auch den Athleten. "Wenn du ein Nervenbündel bist, dann kriegst du am Schießstand in Ruhpolding Probleme", sagt Christoph Sumann, "so taub kannst du gar nicht sein, dass du die Zuschauer nicht hörst."

Glühwein & Fleischkäs

Die WM ist ein riesiges Spektakel, ein Schützenfest, das es in dieser Form noch nie gegeben hat. 250.000 Fans sorgen an den acht Wettkampftagen für einen neuen Biathlon-Besucher-Rekord , in der Arena wird gefeiert, getrunken und gegessen, was das Zeug hält: 8000 Liter Glühwein, 1500 Kilogramm Fleischkäse und 50.000 Semmeln sind parat, 1100 Freiwillige stehen Gewehr bei Fuß.

Die Ruhpoldinger wissen, wie Gastfreundschaft funktioniert. Seit norddeutsche Touristen in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Kurort entdeckt hatten, sorgten die pfiffigen Oberbayern immer wieder für Trends und Maßstäbe. In Ruhpolding wurde das erste Wellen-Erlebnisbad der Alpen eröffnet und die Gäste erwartete eine erste dezente Form des Pauschal-Tourismus. Weil plötzlich gar so viele hübsche Damen in den Chiemgau kamen, machte sogar der Begriff Ruhpocabana die Runde.

Dirndl & Tröpferl

Wie gut die Ruhpoldinger ihr Handwerk beherrschen, wird im putzigen Ortszentrum deutlich. Alles lebt und liebt den Biathlon-Sport, in Ruhpolding hat offenbar jeder einen Schuss. Von den Hausdächern wehen bunte Fahnen, an vielen Bäumen hängen großflächige Biathlon-Zeichnungen, die die Kinder der Grund- und Mittelschule Ruhpolding angefertigt haben, keine Auslage, in der nicht auf die Weltmeisterschaft Bezug genommen wird: Mode Speckbacher wirbt mit dem exklusiven grün-blauen Biathlon-Dirndl, in der Weinhandlung nebenan gibt’s das eigene Ruhpoldinger Biathlon-Tröpferl, Bäcker Schuhbeck lädt zum Biathlon-Frühstück um 3 Euro 50 und im Hotel zur Post wird den Hungrigen ein Biathlon-Teller kredenzt.

Feuer & Flamme

Beim Public Viewing im eigens errichteten Champions Park trinkt der Fan Zielwasser (=Jagatee) und kann zwischen Loipen- oder Volltreffer-Krusti wählen, und wer das offizielle Motto der Party-Kneipe d’Strafrund’n liest - Come in and sauf out - kann sich in etwa vorstellen, wie gesittet hier das Aprés Biathlon von statten geht. Biathlon hier, Biathlon da - es würde nicht weiter verwundern, wenn in dieser biathlongeschwängerten bayrischen Luft die Ruhpoldinger Babys als erstes Wort nicht Mama sagten - sondern Bumm.

Eine Woche noch Biathlon-Party, eine Woche noch Schützenfest, dann verstummen die Waffen wieder. Und dann können in Ruhpolding endlich wieder die Ringe getauscht werden.

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