Biathlon: Ruhig Blut

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Foto: reuters Massenphänomen: Volle Stadien, hohe TV-Quoten – die Fans sind in den Biathlon-Sport verschossen. In Österreich liegen die Biathleten in der Gunst des Publikums hinter Alpinen und Springern bereits an dritter Stelle.

Es ist ein Trugschluss, dass ein niedrigerer Herzschlag eine höhere Trefferquote beim Schießen bringt.

Irgendwann nützen selbst die besten Vorsätze nichts mehr. Ruhig bleiben! Den Fähigkeiten vertrauen! Konzentrieren! So lauten die obersten Gebote für einen Biathleten am Schießstand. Doch wenn das Herz pumpert, die Oberschenkel brennen und die Nerven verrücktspielen, verkommt die Feuerübung bisweilen zum Paniklauf. "Dann heißt`s nur mehr: Augen zu und durch", schmunzelt Dominik Landertinger, der Weltmeister von 2009.

Es ist genau dieser Drahtseilakt zwischen Ausdauersport und Präzisionsarbeit, dieses Spannungsfeld zwischen körperlicher Extrembelastung in der Loipe und der geistigen Herausforderung am Schießstand, die den Reiz des Biathlonsports ausmachen.

Ein Reiz, dem immer mehr Menschen erliegen. 250.000 Zuschauer bei der Weltmeisterschaft in Ruhpolding – doppelt so viele wie 2011 bei der Ski-WM in Garmisch – sind Beleg für den Boom. In Deutschland ist Biathlon ein Quotengarant und laut einer aktuellen market-Umfrage sind auch die Österreicher Feuer und Flamme für die Waffenbrüder. "Biathlon liegt bei den Österreichern hinter Ski alpin und Skispringen klar an dritter Stelle der Wintersportarten", sagt David Pfarrhofer vom Meinungsforschungsinstitut.

Zentimeterarbeit

Es ist ja auch faszinierend, wie treffsicher sich die meisten Biathleten präsentieren: 50 Meter liegen zwischen der Zielscheibe und den Sportlern, eine Scheibe, die beim Liegend-Anschlag gerade einmal einen Durchmesser von 4,5 Zentimetern hat (Stehend: 11,5 Zentimeter). Schon in ausgeruhtem Zustand ist es ein schwieriges Unterfangen, da ins Schwarze zu treffen, doch die Biathleten müssen bei ihrer Präzisionsarbeit auch noch ihren Körper bändigen. Mit einem Puls von ungefähr 160 Schlägen – je nach Grundkonstitution – greifen die Sportler zur Waffe – genau die optimale Herzfrequenz, um einen Volltreffer zu landen.

Es ist nämlich ein Trugschluss, dass ein niedrigerer Herzschlag eine höhere Trefferquote bringt. "Wenn der Puls zu tief ist, wird es grauslich", erklärt Dominik Landertinger. "In einem Pulsbereich von 140 Schlägen wird der Impuls, der vom Herz ausgeht, so stark, dass du das Gewehr nicht mehr ruhig halten kannst." Deswegen lautet bei den Biathleten auch das allgemeine Motto: Gut Ding, braucht Eile. Je länger sie am Schießstand verharren, umso schwieriger wird es, die Ruhe zu bewahren – geistig wie körperlich.

Zitterpartie

Aber auch ein hoher Pulsschlag kann die Biathleten aus der Schussbahn werfen. Landertinger musste das schon mehrmals am eigenen Leib erfahren. "Wenn dein Puls zu hoch ist, fällt das Atmen schwer." Noch nerviger ist dann nur noch das Muskelzucken, das die Biathleten bei Extrembelastung befällt. "Wenn beim Stehend-Schießen der Fuß zu zittern beginnt, dann geht gar nichts mehr", weiß Landertinger. "Dann kannst du die Schüsse nur mehr rausfeuern und hoffen, dass du irgendwas triffst."

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(kurier) Erstellt am
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