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01.09.2016

Anna Veith: Immer mit der Ruhe

Der Ski-Star arbeitet nach der Knieverletzung behutsam am Comeback und ist überzeugt: "Anna Veith kann genauso stark werden wie Anna Fenninger. Die Frage ist nur, wann."

Die Anreise ins Hotel Baita Ortler, 3020 Meter über dem Meeresspiegel, muss Anna Veith zwangsläufig an die vergangenen zehn Monate erinnert haben. Über 48 steile Kehren schlängelt sich die enge Passstraße hoch bis aufs Stilfser Joch. Der Weg rauf auf den Gletscher, über eine Rumpelpiste, die das ewige Eis in den vergangenen Jahren erst freigegeben hat, ist noch beschwerlicher. Mitunter überkommen einen die Zweifel, ob man tatsächlich richtig unterwegs ist.

So ähnlich ergeht es auch Anna Veith. Seit dem Oktober des Vorjahres, seit dem folgenschweren Trainingssturz in Sölden, befindet sich die Frau, die es stets gewohnt war, auf der Siegerstraße unterwegs zu sein, auf einem mühsamen Weg, der von Zweifel und Sorgen gesäumt ist. Aber auch von Glücksgefühlen und Vorfreude.

Viele Glücksgefühle

Wird sie wieder ganz die Alte? Wird Anna Veith Anna Fenninger um nichts nachstehen? Und wird das überhaupt wieder? Das sind die Fragen, die sich die Skifans und die 27-Jährige stellen, nachdem sie sich im rechten Knie das vordere Kreuzband, das Innenband sowie die Patellarsehne gerissen hatte. Das ist so ziemlich die fürchterlichste Knieverletzung, die einem widerfahren kann. Viele Spitzensportler haben sich davon nie mehr richtig erholt.

Anna Veith weiß das. Und daher weiß sie auch solche Tage wie gestern zu schätzen. Fünf Mal hat sie frühmorgens den Riesentorlauf-Kurs bewältigt, den ihr Vertrauenstrainer Meinhard Tatschl auf dem Gletscher ausgeflaggt hat. Als die 27-Jährige vor einigen Wochen das erste Mal überhaupt wieder auf Skiern gestanden war, hatte sie "bei jedem Schwung extreme Glücksgefühle" verspürt, weil sie ein erstes Etappenziel erreicht hatte. "Unters Skifahren habe ich einmal ein Hakerl gemacht. Jetzt geht’s darum, dass ich auch wieder schnell bin und die Sicherheit bekomme."

Die Trainer haben für Anna Veith nicht von ungefähr das Stilfser Joch ausgesucht. Das Skiresort hoch oberhalb des Geburtsortes von Gustav Thöni (Trafoi) hat zwar die besten Zeiten hinter sich, von den einst 380 Skilehrern, die in diesem reinen Sommerskigebiet (!) in 3500 Metern Höhe einst im Einsatz waren, ist kaum einer geblieben. Aber für eine Läuferin auf dem Weg zurück sind die eher flachen Pisten ideal. "Wir dürfen und wollen ihr nicht zu viel zumuten", erklärt Coach Tatschl. "Anna hat das Skifahren nicht verlernt, aber vom Rennfahren sind wir noch weit weg."

Viel Geduld

Ein Start beim Weltcup-Auftakt in Sölden (22./23.10.) käme da viel zu früh. Zumal Veith sich nicht damit begnügen möchte, nur des Comebacks wegen an den Start zu gehen. "Einfach nur mitfahren, das ist mir zu wenig. Ich möchte konkurrenzfähig sein", sagt die 27-Jährige, die sich im Interview gelöst präsentiert. Also sprach Anna Veith über ...

...ihre größte Herausforderung:"Das Skifahren kostet mich im Moment sehr viel Konzentration. Ich muss an so viele Sachen gleichzeitig denken, dass der Kopf extrem gefordert ist. Vorher war das alles automatisiert. Ich merke, dass es in kleinen Schritten weitergeht. Es gab auch Zeiten, in denen ich mir nicht hab’ vorstellen können, dass das wieder funktioniert."

... ihre Rücktrittsgedanken: "Wenn es nicht so funktioniert, wenn man Schmerzen hat, dann denkt man sich schon: ,Warum tu’ ich das eigentlich?‘ Aber dann gehst du an einem Tag wie heute raus auf die Piste und weißt, warum du dich quälst."

... ihre Ziele: "Ich muss es als Neustart sehen. Was vorher war, ist Vergangenheit. Ich muss mir alles wieder aufs Neue erarbeiten. Das Gute ist, dass ich weiß, wie es geht. Ich glaube, dass die Anna Veith genauso stark werden kann wie die Anna Fenninger. Die Frage ist nur, wann. "

... ihr Leben als Anna Veith: "Ich hätte mir gedacht, dass der Ansturm weniger wird, weil ich ein Jahr weg bin, aber das Gegenteil ist der Fall. Wie zuletzt ein Fan wollte, dass ich auf einer alten Startnummer mit Anna Fenninger unterschreibe, da habe ich wirklich überlegen müssen, wie die alte Unterschrift gegangen ist."