Sport | Wintersport
01.01.2018

Alexander Pointner: "Oft am Rand meiner Kräfte"

Der Erfolgscoach der Skispringer über das Tabuthema Depression und seine kritische Distanz zum Spitzensport.

Im Büro von Alexander Pointner erinnert wenig daran, dass der Innsbrucker der erfolgreichste Trainer der Skisprung-Geschichte ist. Die verstaubten Trophäen hoch oben im Regal wirken wie Relikte aus einer anderen Zeit. Auf dem Schreibtisch liegt das Buch "Mut zur Klarheit", in dem Pointner und seine Frau Angela über den Suizidversuch und den Tod ihrer Tochter Nina berichten.

KURIER: Herr Pointner, wie weit ist das Skispringen, wie weit ist die Tournee von Ihnen weg?

Alexander Pointner: Grundsätzlich übt die Tournee immer eine gewisse Faszination aus. Weil es in Innsbruck stattfindet, und weil ich die Veranstaltung lange als Aktiver und als Trainer begleitet habe. Aber in meinem aktuellen Leben hat die Tournee nicht mehr den Stellenwert. Durch die drei schweren Jahre, die wir als Familie hinter uns haben, hat sich der Spitzensport weit entfernt. Zumindest betrachte ich ihn aus einem anderen Blickwinkel.

Heißt das, Sie sind heute mehr irritiert als fasziniert?

Ich würde sogar sagen, dass es für mich manchmal erschreckend ist, welche Eindrücke ich gewinne.

Inwiefern erschreckend?

Ich bin teilweise richtig erschrocken, wie ich mich als Trainer verhalten habe und was für Ansichten ich hatte. Man wird ja in gewisser Weise betriebsblind: Wenn mir als junger Trainer zum Beispiel jemand gesagt hat, dass Skispringen eine Randsportart ist, dann bin ich förmlich die Decke hoch und wollte beweisen, dass das anders ist.

Aber Skispringen ist doch eine Randsportart.

Das weiß ich heute auch. Aber wenn man in diesem Rad drinnen ist, und wenn man den Hauptdarstellern zuhört, egal ob sie nun aus dem Skisport oder dem Skispringen kommen, kann man den Eindruck bekommen, dass diese Sportarten der Mittelpunkt der Erde sind. Dabei reden wir global betrachtet von Randsportarten. Aber wissen Sie, was mich viel mehr erschreckt?

Verraten Sie’s.

Wenn ich Schlagzeilen lese, in denen im Sport von Tragödien die Rede ist. Dabei steckt dahinter nur ein verlorenes Spiel oder ein nicht gewonnenes Rennen. Wenn man das mitgemacht hat, was unsere Familie mitgemacht hat, sieht man die Welt mit anderen Augen. Ich war in den vergangenen drei Jahren oft am Rand meiner Kräfte.

Sie schreiben im Buch "Mut zur Klarheit" offen über den Suizidversuch und den Tod Ihrer Tochter. War das Buchschreiben eine Form von Therapie?

Es war schwieriger, als wir angenommen haben, weil wieder so viele Dinge hochgekommen sind. Heute bin ich so weit, dass ich auch sehr viel Kraft daraus ziehe, wenn sich Leute bei uns bedanken, dass wir so offen über Depression und Suizid sprechen. In Österreich sterben jedes Jahr 500 Menschen im Straßenverkehr, Suizidopfer gibt es 1300. Aber niemand will darüber reden, das ist tabu. Deshalb fühlen sich viele Betroffene ausgegrenzt und allein. Viele sind überfordert, da keiner die Erfahrungen teilen will. Dann muss zwangsläufig jeder selbst schauen, wie er das verarbeitet.

Fehlt der Gesellschaft das Bewusstsein, fehlt der Mut, diese Themen anzusprechen?

Ich sage immer: Wenn sich jemand den Fuß bricht, dann käme derjenige nie auf die Idee, das Bein daheim selbst zu schienen und es unter der Hose zu verstecken. Bei psychischen Erkrankungen ist es aber gang und gäbe, dass man sich versteckt. Durch diese Tabuisierung hat jeder das Gefühl: ,Wenn man diese angebliche Schwäche preisgibt, hat man Nachteile im Job, und, und, und.’ Dabei ist es doch eine Stärke, darüber zu reden und sich damit auseinanderzusetzen. Kein Mensch kann leistungsfähig sein, wenn er das versteckt. Das kostet so viel Kraft, dabei gibt es heute wirklich gute Heilmethoden für psychische Erkrankungen.

Waren Sie als Trainer auch mit diesem Thema konfrontiert?

Auch eine so erfolgreiche Mannschaft wie wir Superadler es waren, ist davon nicht verschont geblieben. Ich selbst war betroffen, und auch zwei meiner Springer.

Gregor Schlierenzauer hat zuletzt in seinem Film "Weitergehen" über seine Motivationsprobleme gesprochen.

Ich habe den Film gesehen, es kommt dabei nie das Wort Depression vor. Es wird in jeder möglichen Art umschrieben: Tief, Krise, Sinnkrise. Der Gregor weiß wahrscheinlich selbst am besten, dass das mehr als nur eine schlechte Phase in seinem Leben war. Da sollte man dann vielleicht auch die Dinge beim Namen nennen.

Wer will sich schon Schwächen eingestehen.

Wenn ich auf seine vielen Siege zurückblicke, dann ist es schon so: Siege, die er wirklich genießen konnte, gibt es nur ganz wenige. Obwohl sich gerade Gregor intensiv mit dem Thema psychische Regeneration auseinandergesetzt hat, hat er den Bogen oft überspannt. Ich erinnere mich, dass er nach Siegen manchmal den Tränen nahe war. Daran merkt man, dass er sich zusätzlich Druck gemacht hat. Wahrscheinlich weiß er heute selbst, dass er es sich viel leichter machen hätte können.

Wird man Sie noch einmal als Trainer an der Schanze sehen?

Mich fasziniert das Skispringen, und ich sehe und spüre auch, worauf es in diesem Sport ankommt. Aber im Moment ist das für mich unvorstellbar. Weil ich weiß, dass wir uns als Familie ganz eng unterstützen müssen. Und dann kannst du nicht 200 Tage im Jahr unterwegs sein. Das Ganze ist noch nicht ausgestanden, das Thema wird uns als Familie immer begleiten. Ich spüre, dass meine Energie woanders gebraucht wird. Bei dieser schwierigen Aufgabe, die uns das Leben gestellt hat. Andererseits….

…andererseits?

Andererseits kann ich nicht ausschließen, dass ich irgendwann in den Spitzensport zurückkehre. Was ich aber sicher sagen kann: Mit gewissen Leuten im Skiverband möchte und kann ich nicht mehr zusammenarbeiten.

Warum das?

Ich bin erschrocken, wie mit manchen Sachen umgegangen wird. Wie etwa mit meiner Depression: Da hat’s geheißen, ich soll das ja nicht öffentlich erwähnen, weil eine Führungspersönlichkeit keine Schwäche zeigen darf. Das ist für mich keine moderne Verbandsführung. Ganz ehrlich: Unter diesen Voraussetzungen mag ich nicht mehr arbeiten.