Sport
03.05.2017

Rekord-Revolution in der Leichtathletik bahnt sich an

Mit einem tiefgreifenden Schnitt versucht die Sportart im Kampf gegen Doping weiter an Glaubwürdigkeit zu gewinnen.

Die Leichtathletik steht vor einer Revolution: Mit einem tiefgreifenden Schnitt versucht die Sportart im Kampf gegen Doping weiter an Glaubwürdigkeit zu gewinnen, ab dem 1. Jänner 2018 könnte es deswegen neue Rekordlisten geben. Einen entsprechenden Reformplan befürwortete das Council des europäischen Verbands EAA am vergangenen Wochenende für Europarekorde. Im August könnte der Weltverband IAAF diese Vorschläge für Weltrekorde übernehmen.

"Es geht darum, dass man nicht jeden Rekord einzeln prüft, sondern einen Strich drunter macht und neu anfängt", sagte der Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes Clemens Prokop dem SID. Der 60-Jährige saß selbst in der zuständigen Kommission, die in den letzten Monaten die Empfehlungen ausarbeitete: "Der europäische Verband würde gerne ab 1. Jänner 2018 neu beginnen."

Hochzeiten des Anabolikadopings

Hintergrund der Rekord-Diskussion ist die Skepsis, die vielen aktuellen Bestmarken entgegengebracht wird. Eine ganze Reihe der Rekorde wurde in den Hochzeiten des Anabolikadopings aufgestellt. "Bei objektiver Betrachtung ist eine Vergleichbarkeit der Leistungen nicht mehr gegeben", sagte Prokop: "Deshalb ging es darum, die Rekorde für die Zukunft neu zu fassen."

Nach dem Willen der EAA sollen die bisherigen Bestleistungen in eine Art historische Liste überführt werden, aber nicht mehr als aktuelle Rekorde gelten. Ein weiterer Punkt: Die Anerkennung zukünftiger Rekorde soll an neue Bedingungen geknüpft werden: Die Athleten müssen im Vorfeld eine Mindestanzahl an Trainingskontrollen absolviert haben, die Dopingproben beim entsprechenden Wettbewerb müssen zehn Jahre für Nachtests eingefroren werden. Darüber ob derzeit bestehende Rekorde, die bereits jetzt schon den zukünftigen Kriterien entsprechen, weiter bestehen bleiben könnten, wurde noch nicht entschieden.

Zudem sollen bei einer späteren Dopingsperre des Sportlers Rekorde nachträglich auch dann aberkannt werden, wenn nicht konkret bewiesen werden kann, dass die Bestleistung unter Dopingeinfluss aufgestellt wurde. Diese Passage ist jedoch rechtlich umstritten.

Unterstützung bekamen die Europäer von höchster Stelle. "Ich mag diesen Vorschlag", sagte IAAF-Präsident Sebastian Coe, er sei ein "Schritt in die richtige Richtung". Um die angedachten Reformen auch auf Weltrekorde zu übertragen, müssten die anderen Kontinentalverbände zustimmen.

Widerstand

Der Reformplan ruft teilweise heftigen Widerstand hervor. Al Joyner, Witwer der 1998 verstorbenen 100- und 200-m-Weltrekordhalterin Florence Griffith-Joyner, will im Fall einer Zurücksetzung der Weltrekorde rechtliche Mittel prüfen. Die Bestmarken von "Flo-Jo" von 10,49 Sekunden (100 m) und 21,34 (200 m) aus dem Jahr 1988 sind bis heute unerreicht.

"Das entehrt meine Familie. Ich werde mich mit Händen und Füßen dagegen wehren", sagte der Dreisprung-Olympiasieger von 1984 dem Wall Street Journal: "Ich werde jeden juristischen Weg nutzen, den ich finden kann. Ich werde dafür kämpfen, als ob ich für eine olympische Medaille trainieren würde."

Zustimmung gab es dagegen von der Niederländerin Dafne Schippers. "Jeder weiß, dass die 1980er Jahre nicht die besten Jahre der Leichtathletik waren. Und viele Rekorde sind aus dieser Zeit", sagte die Weltmeisterin und Europarekordlerin über 200 m der Daily Mail: "Es wäre gut, wenn wir diese Zeit hinter uns lassen könnten."

"Sie wollen Erinnerungen stehlen"

Zuvor hatten sich Rekordhalter aus Großbritannien gegen den vom europäischen Leichtathletik-Verband EAA vorgestellten Plan gewehrt. Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe hatte erklärt, ihr Ansehen werde dadurch "beschädigt" und sie fühle sich durch das Vorhaben "verletzt".

Colin Jackson, Inhaber des Hallen-Weltrekords über 60 m Hürden, erklärte in der BBC: "Sie wollen Erinnerungen stehlen." Auch Steve Cram, Europarekordler über 2000 m und über die Meile, äußerte Kritik: "Es wird nichts verändern. Es wird die Leute nicht davon abbringen, zu betrügen."