Sport
24.08.2017

Verletzungsmisere: Tennis-Stars im Krankenstand

Etliche Topspieler mussten die Saison bereits beenden. Eine Suche nach den Ursachen der vielen Ausfälle.

Das Masters-1000-Turnier in Cincinnati in der vergangenen Woche war ein Spiegelbild der derzeitigen Tennis-Szene: Nur zwei Top-Ten-Spieler (Stichtag: 14. August) erreichten das Viertelfinale, eine derart schlechte Bilanz gab es bei einem Bewerb der höchsten Kategorie nach den Grand Slams seit 14 Jahren nicht mehr. Eine Tatsache, die dem Umstand geschuldet ist, dass gleich sieben Herren aus dem erlesenen Kreis der besten Zehn absagten. Verletzte gab es schon immer, derzeit aber klagen Ärzte und Physiotherapeuten wahrlich nicht über Beschäftigungslosigkeit.

Novak Djokovic (Ellbogenprobleme) hat die Saison bereits vor einem Monat beendet. Dasselbe gilt auch für Stan Wawrinka, der nach einer Knie-Operation heuer kein Match mehr bestreiten wird, und vor zwei Wochen verabschiedete sich auch noch der Japaner Kei Nishikori wegen einer Handgelenksverletzung. Andy Murray, der seine Spitzenposition am Montag an Rafael Nadal abtreten musste, wird bei den US Open sein erstes Turnier seit Wimbledon bestreiten, er schlägt sich mit einer Hüftverletzung herum.

Zu viel des Guten

Doch warum gleicht das Herren-Tennis derzeit einem Lazarett? Oder trügt das Bild? Fest steht: Bereits vor genau einem Jahre sprach sich Novak Djokovic für eine Reform aus. "Der Sport ist physisch äußerst anspruchsvoll geworden. Mehr Geld, größere Bedeutung, härtere Konkurrenz. Der Kalender ist aber seit Jahrzehnten gleich", kritisierte der damalige Weltranglistenerste.

"Der Trainingsumfang und der Turnierkalender sind immer fordernder für die Athleten geworden", sagt auch Alex Antonitsch, der für Eurosport die US Open kommentiert. Für ihn ist es aber kein Wunder, dass auch Murray und Djokovic pausieren müssen: "Sie haben jahrelang verletzungsfrei auf hohem Niveau gespielt, das war erstaunlich." Österreichs Toptrainer Günter Bresnik meint sogar: "Djokovic hat jetzt keine klassische Verletzung, er hat die Saison nur beendet, weil er nächstes Jahr top zurückkommen will."

Und die anderen? "Dass Wawrinka mit 32 einmal ein Knieproblem haben wird, war abzusehen", sagt Bresnik, auch der Fall Nishikori leuchtet dem 56-Jährigen ein. "Er ist seit seinem Karriere-Beginn alle zwei Wochen durch irgendwelche Aufgaben aufgefallen, er ist kein richtiger Härtling." Dasselbe gelte auch für Milos Raonic. Auch der Kanadier musste für die US Open absagen.

Weniger ist mehr

Roger Federer hat gelernt, seinen 36-jährigen Körper zu schonen, er "schwänzte" die komplette Sandplatz-Saison und auch Cincinnati – auch, weil der Rücken schmerzt. Bresnik: "Er weiß genau, was er seinem Körper zumuten kann, um erfolgreich zu bleiben. Deshalb schaut die gesamte Ausfallsliste schlimmer aus als sie auf den ersten Blick ist."

Also nichts Einzigartiges? Mitnichten. "Heute rutscht jeder Topmann auf Hartplatz, das war früher nicht so. So wundert es mich fast, dass nicht mehr passiert", sagt Antonitsch. Weil die Spieler auch perfekt vorbereitet sind: "Heute achtet jeder noch mehr auf den Körper, kaum einer überknöchelt. So ist die Zahl der unmittelbaren schwereren Verletzungen sogar gesunken."

Die Fitness ist generell besser geworden. "Fast jeder Profi hat heute einen Physiotherapeuten mit. Die Athletik hat eine ganz andere Bedeutung als zu meiner Zeit" sagt der 51-jährige Antonitsch, der in seiner Karriere elf Mal operiert wurde und für den Dominic Thiem eines "gescheit" macht: "Dominic trainiert fast nur auf Sand, der ist schonender für die Gelenke als der Hartplatz."

Reinhard Weinstabl, einer der renommiertesten Sportärzte im Lande und heuer zum 19. Mal Turnierarzt der Erste Bank Open in Wien, sieht an der Verletztenflut ebenso nichts Außergewöhnliches. "Es betrifft eben Spieler, die mehr Aufmerksamkeit erregen. Sonst hat sich die Zahl der Verletzten gegenüber den Vorjahren nicht signifikant verändert. Die besagte Anzahl ist nur saisonabhängig. Am Ende der Saison, an dem wir uns befinden, sind naturgemäß mehr Verletzungen zu beklagen als am Anfang."

Und im Vergleich zu den 1980er- und 1990er-Jahren? "Heute müssen mehr Spieler früher aufhören. Im Vergleich zu damals ist es härter geworden." Anforderungen, denen sich die Topstars aber stellen würden.