Sport
15.05.2017

Thiem ist definitiv in neue Dimensionen vorgestoßen

Dominic Thiem verlor zwar in Madrid das Finale gegen Nadal. Warum er dennoch zum Helden wurde.

Nicht nur am Ende gab es Standing Ovations. Das Publikum in Madrid erlebte eine Tennis-Fiesta vom Feinsten.

Dominic Thiem, Österreichs Bester, zwang den Sandplatz-König Rafael Nadal mehr als nur zur Schwerarbeit, musste diesem aber nach 2:17-Stunden zum 7:6-6:4-Erfolg gratulieren. Es war das, was es versprochen hatte: Das Duell der derzeit besten Sandplatzspieler.

Der erste Satz, der 1:15 Minuten dauerte, war zudem an Dramatik kaum zu überbieten. Thiem führte Break vor und wehrte beim Stand von 4:5 bei eigenem Service drei Break-Bälle ab. Im Tie-Break hatte Thiem selbst zwei, ein leichter Fehler bei 8:9 brachte letztlich den Satzrückstand. Im zweiten Satz war Nadal von Beginn an obenauf (Sandbilanz 2017: 15:0-Siege), Thiem hatte plötzlich bei 4:5 noch vier Breakbälle, die Nadal sehenswert abwehrte. Nächste Woche könnte es im Viertelfinale in Rom zur Revanche kommen. Zwei Wochen vor den French Open steht fest: Nadal ist der Titelfavorit, Thiem, ab heute Nummer sieben weltweit, ein großer Herausforderer.

Die Anerkennung

In Spanien hat Thiem, der als erster Österreicher seit 20 Jahren ein Finale der ATP-1000-Serie erreichte (Thomas Muster war im August 1997 in Cincinnati der bislang letzte gewesen), mittlerweile mehr als nur Anerkennung gewonnen. Viele sehen den 23-Jährigen schon als Nachfolger von Nadal. Es sind nicht nur die Siege, die den Lichtenwörther in den Blickpunkt brachten, sondern es ist in erster Linie sein erfrischendes Spiel. "Keiner schlägt so hart wie er"; "Keiner spielt schneller als er." Das sind Sätze von Gegnern, die zuletzt keinen Satz gegen Österreichs Ass machten.

Alles klingt erfrischend, so spielerisch. Und auch wenn Thiem im inoffiziellen Jahresranking bereits drittbester Spieler ist, findet Bresnik noch immer kritische Worte. "Er weiß oft nicht, in welchen Phasen er welche Bälle spielt", sagt der 56-Jährige Niederösterreicher.

Der Antrieb

Ein Umstand, der wohl doch noch der Jugend geschuldet ist. Immerhin ist sein Aufstieg mit einem Raketenstart zu vergleichen, seine Platzierungen am Jahresende seit 2010: 921 – 638 – 309 – 139 – 39 – 20 – 8.

Und es ist gerade die Kritik, die Österreichs Ass immer antrieb – die seines Trainers und die Selbstkritik. Er war nie zufrieden, wollte immer einen Schritt weiter und hat dafür alles gegeben. Und das seit frühesten Jahren. "Das Bild des Weltklassespielers Dominic Thiem entstand zu einer Zeit, als Dominic ein Volksschüler war", schrieb Bresnik in seinem Buch "Die Dominic-Thiem-Methode".

Thiem war bald der Beste in seinem Alter, wurde KURIER-tele.ring-Talent 2004 und 2005. Danach stellte er einiges um – und verlor den Anschluss. Wenn sie zu dritt zu Turnieren fuhren, "hat meistens einer die meisten Erfolge geholt, der heute gar nichts mehr mit Tennis zu tun hat", erinnert sich Bresnik im KURIER-Gespräch.

Thiem kämpfte, wollte wieder mit aller Kraft den Anschluss schaffen. Und es gelang. "Dominic war mit 17 der Beste, obwohl er den Körper eines 13-Jährigen hatte." Mit dem Gewinn der Orange Bowl 2011 ging es los. Und als Thiem als 18-Jähriger in Kitzbühel in drei Sätzen gegen den Slowaken Martin Klizan, damals Nummer 62, hauchdünn in drei Sätzen verlor, aber die Gunst des Publikums gewann, wurde er dennoch von Bresnik scharf kritisiert: "Zu einer Niederlage kann man nicht gratulieren." Nachdem Thiem 2013 als 20-Jähriger beim Erste Bank Open in Wien Top-Ten-Mann Jo-Wilfried Tsonga im Viertelfinale an den Rande einer Niederlage gebracht hatte, telefonierte er mit seinem Trainer. "Ich wollte ihm erzählen, wie toll die Atmosphäre war. Er fragte aber nur, warum ich nicht gewonnen habe", erinnert sich Thiem.

Der Rummel

Längst schlägt er solche Spieler. Längst ist eine solche Atmosphäre Gewohnheit. Nicht nur dank des Talents. Die New York Times bezeichnete Thiem im Juni des vergangenen Jahres als "härtesten Arbeiter im Tennis".

Kamen zu Beginn nur drei, vier Medien zu Thiems Auftritten, muss Bresnik heute oft die Handbremse ziehen. "Sonst steht er nur noch bei Interviews." Thiem selbst weiß: "Vor einem Jahr hätten mich die vielen Medientermine müde gemacht. Jetzt kann ich gut damit umgehen." Auch wenn viele die berühmten Schulterklopfer sind, weiß er: "Das ist ein Zeichen, dass ich ganz gut bin."

Und was sagt Kritiker Bresnik zu seinem Auftritt gegen Nadal? "Das war eine richtig gute Partie von ihm." Aber? "Wenn du mit der Vorhand so viele Fehler machst, kannst du gegen den nicht gewinnen." Sein Schützling wird auch daraus lernen.

Und das schon sehr bald.

Wolfgang Thiem: "Kann nicht mehr im Kinderzimmer herumliegen"

Karin (45) und Wolfgang (44) Thiem stehen täglich als Tennislehrer auf dem Platz. Allerdings sind sie auch Eltern des erfolgreichsten österreichischen Sommersportlers und waren dank ihres Engagements verantwortlich für dessen Aufstieg. Der KURIER sprach mit Wolfgang Thiem über die Entwicklung seines Sohnes.

KURIER: Gratuliere zur Woche in Madrid. Haben Sie heute schon telefoniert mit Dominic?

Wolfgang Thiem: Das war großartig, danke. Natürlich. Wir telefonieren jeden zweiten Tag, Kontakt halten wir jeden Tag. Daran hat sich nie etwas geändert.

Ihr zweiter, siebzehnjähriger Sohn Moritz ist ja auch ein talentierter Tennisspieler. Wird zuhause auch über den Tennissport diskutiert?

Das ist ja normal. Wenn man zuhause eine Tischlerwerkstatt hat, wird auch über dieses Thema gesprochen. Freilich wird über Tennis geredet, das ist ja Dominics Leben. Aber nicht im gezwungenen Maße, sondern weil es uns alle interessiert.

Viele erkannten zuletzt, Dominic sei jetzt richtig erwachsen geworden.

Dominic hat in den vergangenen zwei Jahren seine Mitte gefunden, er weiß mittlerweile, worum es geht im Leben. Wenn man immer aufpassen muss, was man sagt, prägt das.

Lange Zeit hat er ja noch zuhause gewohnt. Dies ist nicht mehr so, oder?

Er hat seit vergangenem Jahr eine Wohnung in Mödling. Das ist bei jedem 22-, 23-Jährigen nur normal, Dominic kann ja jetzt nicht mehr im Kinderzimmer herumliegen. Natürlich kommt er, wenn er einmal im Land ist, oft zu Besuch, er genießt aber auch seine neue Wohnung. Moritz und seine Freunde sind oft bei ihm. Bei uns geht das nicht, wenn immer die Eltern da sind (lacht).

Gibt es oft Tipps von den Eltern, was den Sport betrifft?

Nein, da habe ich mir große Verdienste erworben, weil ich immer die Papp’n gehalten habe. Manchmal gibt es etwas, was zu sagen wäre, aber ich weiß, er ist bei Bresnik sehr gut aufgehoben.

Und das Finanzielle? Mischt sich da der Papa ein?

Das Finanzielle soll in der Familie bleiben. Das werden wir so beibehalten.

Nun sind Dominics Erfolge beispielsweise in Spanien großes Thema, dort wird er bereits als Nadal-Nachfolger gehandelt. Auch in Österreich ist die mediale Aufmerksamkeit gestiegen.

Das mag sein. Aber dennoch ist Österreich ein Wintersportland. Im Osten geht es ja noch, aber von Steiermark westwärts ist das ein Wahnsinn. Es kann ja nicht sein, dass manche Sportarten wie Fußball und Ski gepusht werden und manche nicht. Tennis ist bei uns noch immer eine Randerscheinung.

Dennoch hätte es sich Ihr Sohn verdient, Sportler des Jahres zu werden...

Es kann zumindest nicht sein, dass schon vornherein gesagt wird, dass Hirscher, so hervorragend es ist, sechs Mal in Folge des Gesamt-Weltcup zu gewinnen, oder Kraft Sportler des Jahres werden. Man sollte Leistungen von Sportlern würdigen, die zwölf Monate Topleistungen bringen.