Tennis-Profis: Zum Siegen verdammt

Novak Djokovic muss sich ganz lang strecken um die Nummer-1-Position behalten zu können.
Foto: ap

Novak Djokovic musste in Cincinnati verletzt aufgeben - auch der Weltranglisten-Erste ist ein Opfer des ATP-Systems.

59-mal musste Novak Djokovic heuer wettbewerbsmäßig zum Schläger greifen. Nur einmal wurde der Serbe in einem (sehenswerten) Match besiegt, in Paris fand der neue Tenniskönig in Roger Federer im Semifinale seinen Meister.

Beim 59. Match spielte der 24-Jährige Körper nicht mehr mit: Djokovic musste im Finale des Masters-1000-Turniers von Cincinnati gegen den Schotten Andy Murray bei 4:6, 0:3 aufgeben. Geplagt von einem herkömmlichen Tennisleiden. "Die Schulter macht mir schon seit zehn Tagen Probleme, aber jetzt wurde es zu viel", verriet der Serbe, der die Führung in der Weltrangliste trotzdem ausgebaut hat.

59 Spiele. Zu viel des Guten? Bei Nadal machen sich Verschleißerscheinungen alle paar Monate bemerkbar, der Spanier verzichtete heuer auf die Sandplatz-Events nach Wimbledon. Der 30-jährige Roger Federer pfeift längst auf die Rück-Eroberung des Tennisthrons und startet nicht mehr bei allen Turnieren. Tatsache ist, dass auch er alle vier Grand-Slam-Turniere und acht von neun Masters-1000-Turnieren spielen muss, um nicht Punkte zu verlieren.

Extremfall

"Der Fall Djokovic ist ein Extremfall, er bestritt mit Ausnahme vom Paris-Finale bei jedem Turnierantritt alle Spiele", sagt Ex-Daviscup-Spieler Alexander Antonitsch. "Für Djokovic ging es aber um die Nummer-1-Position. Für Nadal und vor allem Federer zählen derzeit nur Grand-Slam-Titel", sagt der 45-Jährige. Nadal hat heuer übrigens bei 14 Turnieren 63 Spiele gespielt, Djokovic trat nur zu 11 Events an, hatte dort mehr kraftraubende Partien, während Nadal auch kleinere Turniere spielte, bei denen er zum Sieg spazierte.

Günter Bresnik, ehemaliger Coach von Boris Becker und heute Trainer von Österreichs größtem Talent Dominic Thiem, sieht nur im Terminplan ein Problem. "Zuletzt waren zwei Masters-1000-Turniere innerhalb von zwei Wochen. Das geht an die Substanz", sagt der 50-Jährige. "Hier sollte man dem Spieler beim Erreichen des Semifinales freistellen, ob er beim kommenden Turnier antritt oder nicht." Für Bresnik ist Djokovics Aufgabe
in Cincinnati nachvollziehbar. "Er wird eine Woche vor den US Open nicht drei Stunden lang mit Murray die Bälle herumschießen, das wäre nicht klug gewesen."

Dass das Tennisjahr (Jänner bis November) zu lang ist, glaubt Bresnik nicht. "Es gibt eine Dreiklassengesellschaft. Die Besten holen die Punkte bei den großen Turnieren. Die Spieler um 100 müssen mehr spielen, um sich den Sport überhaupt leisten zu können", sagt Bresnik.

Wenn, dann ...

Ein gutes Beispiel gibt Jürgen Melzer ab. Österreichs Topmann musste aufgrund einer Oberschenkelverletzung in Montreal passen und schied in Cincinnati in der 1. Runde aus. "Hätte er dort gepunktet, müsste er diese Woche nicht in Winston-Salem spielen. Er braucht als Weltranglisten-17. Punkte", erklärt Bresnik.

Für Antonitsch ist die Saison zu lang. "Die Topspieler wünschen sich eine längere Pause. In keiner anderen Sportart ist diese so kurz wie beim Tennis", erklärt Antonitsch, seit heuer Turnierdirektor des 250er-Turniers von Kitzbühel. Er selbst würde die Stars natürlich gerne in Kitzbühel sehen. "Hier ist die ATP am Zug. Durch die Regel, dass die Topstars nur zwei 250er bestreiten müssen, fehlen den kleinen Turnieren die Stars", sagt Antonitsch.

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(kurier / Harald Ottawa, Harald Schume) Erstellt am
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