Alarmstufe grün: Die Rasenpflege ist in Wimbledon Millimeter-Arbeit.

© APA/EPA/VALDRIN XHEMAJ

Tradition verpflichtet
07/08/2015

Der Kult um den heiligen Wimbledon-Rasen

243 Helfer sorgen dafür, dass die Tennisstars in Wimbledon die perfekte Spielwiese bekommen.

von Christoph Geiler, Günther Pavlovics

Es gibt dieser Tage in Wimbledon vermutlich keinen Menschen, der sich so viele Tennispartien ansieht, wie Neil Stubley. Es gibt aber vermutlich auch keinen, der von all den Partien am Ende so wenig mitkriegt, wie der 52-jährige Engländer. Aufschlag und Volley, Stopp und Lob interessieren Stubley nur am Rande. Hauptsache auf dem Boden ist alles im grünen Bereich. "Ich weiß eigentlich nie, wie’s im Match gerade steht. Ich beobachte nur den Rasen und verfolge, wie die Bälle abspringen und wie sich die Spieler auf dem Untergrund bewegen."

Ohne Mister Stubley geht in Wimbledon rein gar nichts. Schon seit zwei Jahrzehnten ist der Mann, der seinen Blick senkt, wenn er die Übersicht behalten will, der Herr über den heiligen Rasen und sorgt mit seinen Groundsman-Kollegen dafür, dass die Tennisstars beim Saisonhighlight in London eine perfekte Spielwiese vorfinden.

Auf acht Millimeter, und keinen Millimeter weniger oder mehr, wird der Rasen getrimmt. Das gehört im ehrwürdigen All England Lawn Tennis & Croquet Club genauso zur Tradition wie die blütenweißen Outfits der Akteure auf dem Platz und die Erdbeeren auf den Tribünen.

Nagelschere

Weil ihnen der Rasen in Wimbledon heilig ist, leisten sie sich dort gleich eine Heerschar von Greenkeepern und Gärtnern. Stubley befehligt ein Team von 16 hauptamtlichen Grashütern, während des Turniers sind gar 243 Helfer im Einsatz, um die 41 Tennisplätze in Wimbledon auf Vordermann zu bringen. Täglich – denn der Rasen wächst innerhalb von 24 Stunden zwei Millimeter, die jeden Tag wieder gekürzt werden wollen. Neil Stubley legt als höchster Halmabschneider selbst oft Hand an, wenn es sich irgendwo spießt, weil es zu sehr sprießt. Mit der Nagelschere macht er dann mit den widerspenstigsten Grasbüscheln kurzen Prozess. So wie es schon die sieben offiziellen Club-Groundsmen vor ihm getan hatten.

Mit einer Tradition haben sie an diesem traditionsbehafteten Ort dann aber doch gebrochen. Seit der Jahrtausend-Wende schwören sie in Wimbledon auf eine neue Grassorte. Das Weidelgras ist deutlich widerstandsfähiger und pflegeleichter als seine Vorgänger, manche Spieler werden aber nicht grün mit diesem Untergrund. Denn durch den neuen Rasen hat sich auch das Tennisspiel verändert. Auf dem Weidelgras sind die Bälle heute langsamer, springen aber höher weg, als noch zu Zeiten eines Boris Becker oder Pete Sampras. Deshalb ist Wimbledon auch längst kein Fall mehr für reine Aufschlag-Volley-Spezialisten.

Elektrozaun

Wer das Turnier am Ende gewinnt, das ist Neil Stubley ziemlich egal. So lange sich kein Spieler über den Rasen beschwert. "Ich wache jede Nacht auf und denke mir, was alles passieren kann", erklärt der Groundsman.

Die größte Gefahr für das Grün lauert aber nicht in den Launen des Wetters, die Tiere sind die größten Spielverderber. Um die Tauben zu verscheuchen, die so sehr auf die Saatkörner fliegen, wurden in Wimbledon im Vorjahr eigens Falken angeschafft. Und die Füchse, die nächtens gerne einmal auf dem heiligen Rasen ihr Geschäft verrichten, sollen neuerdings Elektrozäune stoppen.

Auch die Unterhosen müssen weiß sein

Im All England Lawn Tennis & Croquet Club pflegt man Tradition, Marotten und Spleens.

Traditionell sind den Tennisprofis in Wimbledon nur weiße Outfits gestattet, 1995 gab es eine Verschärfung: Seitdem verlangen die Turnierorganisatoren "hauptsächlich weiße Kleidung", später wurde daraus "fast ausschließlich weiße Kleidung". Mindestens 90 Prozent der Spielkleidung muss in Weiß gehalten sein. Diese Regel wurde eingeführt, um Schweißflecken zu verstecken. Doch in diesem Jahr gehen die Traditionshüter noch einen Schritt weiter – und kontrollieren sogar die Unterwäsche! So berichtet die Tschechin Barbora Strýcová: "Es ist sehr seltsam, wenn mir jemand unter den Rock schauen will, um zu sehen, ob ich auch weiße Unterhosen trage." Die Kanadierin Eugenie Bouchard trug bei ihrer Erstrunden-Niederlage gegen die Chinesin Ying-Ying Duan einen schwarzen BH unter ihrem weißen Oberteil. Als dieser in einer Spielszene ein wenig zu sehen war, wurde die 21-Jährige von der Schiedsrichterin verwarnt.

Seit 1987 dürfen die Profis nicht mehr auf die Rasenplätze spucken.

Anders als bei den anderen Grand-Slam-Turnieren ist am ersten Sonntag, dem Middle Sunday, während der zwei Turnierwochen traditionell spielfrei.

Wenn ein Spieler oder eine Spielerin in Wimbledon im Einzel das Viertelfinale erreicht, erhält er oder sie lebenslange Mitgliedschaft im sogenannten "Last-Eight-Club".

Bis 2003 mussten sich die Spieler vor der Royal Box (insgesamt 74 Sitze) verbeugen, die Spielerinnen mussten einen Knicks machen. Das wird mittlerweile von den Spielern und Spielerinnen nur noch erwartet, wenn die Queen oder der Prinz von Wales zuschaut. Das kommt aber selten vor, die Queen war seit ihrer Krönung aber erst vier Mal in Wimbledon, zuletzt im Jahr 2010.

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