Sport 13.01.2012

Schlager macht sich "nicht zum Kasperl"

Tischtennis-Ass und Olympia-Veteran Werner Schlager über Karriere und Klischees, Verzicht und Versuchungen.

Ein Foto hier, ein Small Talk da. Werner Schlager war am Mittwoch ein gefragter Mann. Seine Tischtennis-Akademie in Schwechat feierte einjähriges Bestehen, so nebenbei wurde bekannt, dass der 39-Jährige und seine Lebensgefährtin ihr zweites Kind erwarten. Errechneter Geburtstermin ist der 27. Juli, der Tag der Olympia-Eröffnung. Bei seinen fünften Sommerspielen wird der Ex-Weltmeister einer der großen Stars der kleinen, aber feinen rot-weiß-roten Olympia-Delegation sein.

KURIER: Herr Schlager, jetzt ist es amtlich: 2012 ist für Sie ein ganz besonderes Jahr, oder?
Werner Schlager: Ja, vor allem – aber nicht nur – wegen der Geburt unseres zweiten Kindes. Mit der Jugend-EM im Juni hat die Werner Schlager Academy erstmals als Veranstalter einen großen Brocken zu stemmen. Und sportlich ist da ja noch Olympia.

Lodert das Feuer schon?
Die ersten Spiele in Atlanta 1996 waren etwas ganz Besonderes. Sydney war dann schon ein wenig Routine.

Wie sehr fehlt die Olympia-Medaille in Ihrer Vita?
Es würde sich schon gut lesen. Aber im Endeffekt wäre meine Karriere nicht gescheitert, wenn ich das nicht mehr schaffe. Wenn man einmal mit Einzel-Gold bei der WM die wichtigste Medaille in einer Sportart gewonnen hat, verliert alles andere an Wertigkeit.

Wie gut kann man vom Tischtennis leben?
Sehr gut. Die Ausrüster-Verträge sind ordentlich dotiert. Mein größter Luxus ist, für das bezahlt zu werden, was ich gerne mache. Das haben nicht so viele Menschen. Mein Lebensabend ist gesichert.

Hängt vom Lebensstil ab.
Ich kann meine Familie versorgen. Das ist es doch, worum es geht. Ich verdiene keine Millionen, klar. Aber wenn man in einer ruhigen Minute darüber nachdenkt, was man wirklich zum Leben braucht, kommt man drauf, dass das gar nicht so viel ist: Essen, Unterkunft und wenn möglich ein Minimum an Luxus.

Wäre das auch ohne WM-Titel möglich?
Man braucht im Tischtennis einen großen Titel, um sorgenfrei leben zu können. Top 100 reicht dafür nicht aus wie etwa im Tennis. Ich habe einiges geleistet, jetzt ernte ich die Früchte dafür.

Ihr größter Verzicht?
Die Freizeit als Kind. An schönen Tagen in der Halle stehen zu müssen. Aber wenn ich sehe, wohin es mich gebracht hat, habe ich gerne darauf verzichtet.

Viele Einzelsportler haben ein riesiges Ego. Bei Ihnen wirkt das anders...
Aussagen à la Niki Lauda, ein Sportler müsse ein Schwein sein, um sich durchzusetzen, halte ich für Schwachsinn. Ich bekomme doch keinen Respekt an der Tischtennisplatte, wenn ich ein Ungustl bin.

Ein größeres Ego lässt sich oft besser vermarkten. Haben Sie da etwas verabsäumt?
Ich bin ungern ein Adabei. Diese ganze Society-Szene sollte nur eine Randnotiz der Gesellschaft sein. Wenn mir dadurch ein paar Euros entgangen sind, kann ich nur sagen: "Steht sich nicht dafür." Dann hätte ich fünf statt zwei Autos, ein größeres Haus. Dann würde meine Lebensgefährtin schnaufen, weil sie noch mehr reinigen muss. Es ist ja nicht so, dass ich den Versuchungen immer widerstehen konnte.

Jetzt überraschen Sie uns!
Klar wird man verleitet. Ich hab’ nach dem WM-Titel gutes Geld verdient und viel für Sinnloses ausgegeben. Die Erfahrung war lehrreich.

Inwiefern?
Hat es mich glücklicher gemacht? Sicher nicht. Hat das Geld mein Leben einfacher gemacht? Nein. Die täglichen Probleme waren am nächsten Tag wieder da.

Braucht eine Randsportart ein Aushängeschild?
Definitiv. Aber mir ist auch bewusst: Der Tischtennissport hätte mit einem verrückteren Werner Schlager noch mehr an Größe gewonnen. Aber ich mach’ mich doch nicht zum Kasperl, wenn ich keiner bin.

Es heißt, nach der Heim-EM 2013 ist Schluss...
Das wird mir immer in den Mund gelegt. Ich werde mich nicht auf eine Jahreszahl festnageln lassen. Derzeit kann ich mich mit erstaunlich geringem Aufwand erstaunlich weit oben halten. Aber immer und ewig kann man nicht reduzieren.

Sie sind zuletzt aus den Top 30 der Weltrangliste gefallen.
Du wirst schnell durchgereicht, wenn du weniger Turniere spielst. Zwischen 20 und 30 lebst du als Spitzensportler auf Kosten deiner Zukunft. Mein Körper braucht einfach mehr Pausen. Platz 38 ist kein Weltuntergang, aber schlucken musste ich schon kurz.

Auch nach 20 Profijahren?
Es geht ja nicht um die Position, sondern um die Leute, die vor einem sind. Denn in Europa gibt’s nicht so viele Spieler, gegen die ich große Probleme habe.

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( Kurier ) Erstellt am 13.01.2012