Sport 01.04.2012

Olympia ist Leimlehners "Lebensziel"

© Bild: REUTERS

Mit Fabian Leimlehner wird erstmals seit fast 50 Jahren wieder ein österreichischer Turner bei Olympia starten

Fabian Leimlehner war sich seiner Sache ziemlich sicher. Die Bewegungen waren wochenlang einstudiert, jeder Handgriff saß, er wusste genau, was er zu tun hatte beim Weltcup-Auftakt der Turner am letzten Wochenende in Cottbus.

Natürlich ist er dann am Boden gelandet. Was sonst? Jeder Turner kennt dieses leidige Phänomen. "Zwei Wochen hat`s im Training funktioniert und dann flieg` ich im Wettkampf vom Barren", lächelt Leimlehner.

Der 24-Jährige nimmt solche Pannen mittlerweile locker. Ausrutscher sind treue Begleiter auf dem Weg zur Perfektion. Und die muss ihm nicht schon im März in Cottbus oder beim Austrian Team Open in Wien gelingen, sondern idealerweise im Hochsommer in der North Greenwich Arena von London, dem Schauplatz der olympischen Turnbewerbe. "Damit habe ich ein Lebensziel erreicht."

Mit Fabian Leimlehner und seiner Teamkollegin Barbara Gasser haben sich seit einem halben Jahrhundert endlich wieder einmal österreichische Turner für Olympische Spiele qualifiziert. "Das zeigt mir, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe", erzählt Fabian Leimlehner.

Risikofaktor

Denn eigentlich sollte er ja für die Schweiz an Reck und Ringen hängen. Leimlehner ist in Liestal in der Nähe von Basel aufgewachsen, das Turn-ABC hat er ("ich war ein sehr bewegungsfreudiges Kind") seinerzeit bei den Eidgenossen gelernt. Als Teenager übersiedelte der Doppelstaatsbürger nach Österreich und startet seither für das Heimatland seines Vaters. "Das Risiko, an diesem Projekt zu scheitern, war zehn Mal größer, als dass es erfolgreich ausgeht."

Ohnehin ist das Scheitern Teil des Turnens, Rückschläge und Schmerzen sind die Athleten von klein auf gewohnt. "Es dauert lang, bis man im Turnen ein Erfolgserlebnis hat", erinnert sich Fabian Leimlehner. "Beim Fußball legst du dir den Ball hin und beim fünften Versuch triffst du dann schon einmal das Tor. Aber bis man einen Salto so beherrscht, dass es wirklich ein Salto ist, dafür braucht es extrem viel Vorarbeit.“

Sechs Stunden verbringt Leimlehner jeden Tag in der Turnhalle, das Training ist facettenreich wie die gesamte Sportart. Für die kräfteraubenden Übungen am Reck oder an den Ringen benötigt er Muskeln, beim Bodenturnen ist eher Beweglichkeit gefragt, die Landungen verlangen wiederum Gleichgewicht. Obendrein sollte Leimlehner für den Mehrkampf dann auch noch alle sechs Geräte (Boden, Ringe, Sprung, Reck, Barren und Pauschenpferd) im Griff haben. "Über kurz oder lang musst du dich spezialisieren, weil der Körper irgendwann Stopp sagt."

Steckenpferd

Die Paradedisziplin von Fabian Leimlehner ist das Reck. Auf diesem Gerät führte der Wahl-Tiroler im vergangenen Jahr sogar die Weltrangliste an. In London wäre er bereits mit einer Finalteilnahme (Top 24) zufrieden. "Und das ist bei der Dichte im Turnen schon sehr hochgesteckt."

Leimlehner bastelt längst schon an den perfekten Olympia-Auftritten in den Einzeldisziplinen. Übungen müssen neu einstudiert, akrobatische Elemente automatisiert werden. "Man sagt, dass es 3000 Versuche braucht, bis ein Element sitzt“, erklärt der 24-Jährige.

Mitunter fliegt ein Turner auch übers Ziel hinaus und verliert den Kampf gegen die Schwerkraft. "Natürlich sind wir alle ein bisschen hin im Schädel, weil der Körper einfach an die Grenzen der Physik stößt. Ich falle jeden Tag von einem Gerät."

Der Olympia-Starter ist allerdings ein kluger Stratege. Im Zweifel entscheidet er sich meist für Stil und Sicherheit und gegen das unkalkulierbare Risiko. Wie sagt doch gleich Fabian Leimlehner: "Eines weiß ich genau: `Der Kopf ist nicht zum Landen da.`"

Leimlehner: Ein Spezialist am Reck

Karriere Fabian Leimlehner (*17. 9. 1987) wurde in Liestal (Schweiz) geboren, startet aber für Österreich. Der 24-Jährige erreichte in seinen Spezialdisziplinen (Reck, Barren, Ringe) im Weltcup schon mehrmals die Top 3 und führte 2011 am Reck sogar die Weltcupwertung an.

Olympia In London 2012 startet Leimlehner auch in der Mehrkampf-Qualifikation und muss dabei alle sechs Geräte absolvieren. Die größten Chancen für eine Finale rechnet er sich am Reck aus.

Erstellt am 01.04.2012