Typ: Nick Kyrgios war in Wimbledon nicht nur aus sportlichen Gründen Gesprächsthema.

© REUTERS/HENRY BROWNE

Nick Kyrgios
07/07/2015

Ein Bad Boy mischt die Tennisszene auf

Zwischen Genie und Wahnsinn: Nick Kyrgios erntete vom Publikum in Wimbledon Buhrufe (mit Video).

von Andreas Brandt

Wenn Boris Becker im Tennissport Typen vermisst, dann dürfte er einen wie Nick Kyrgios lieben. Echten Tennisfans ist der Australier schon länger ein Begriff, der Allgemeinheit stellt er sich erst langsam vor - allerdings nicht nur mit seinen Leistungen. Kyrgios, der seit 2013 auf der Profi-Tour spielt, hatte schon im Vorjahr in Wimbledon für Aufsehen gesorgt, als er Rafael Nadal aus dem Bewerb warf und ins Viertelfinale einzog. Auch dieses Jahr schaffte der streitbare Australier den Einzug in die zweite Woche, musste sich am Montag aber dem Franzosen Richard Gasquet geschlagen geben.

Weniger die Niederlage an sich, als vielmehr die Lustlosigkeit, mit der der Bad Boy phasenweise agierte, erregte dabei die Gemüter. Das Publikum quittierte seine Arbeitsverweigerung (siehe Video) mit Pfiffen und Buhrufen. Nachdem er den ersten Satz verloren hatte, schenkte er den zweiten beim Stand von 0:2 aus seiner Sicht schlichtweg ab, zeigte keinerlei Anstalten, die Punkte für sich entscheiden zu wollen. Zuvor hatte ihn eine Schiedsrichterentscheidung unglücklich gemacht. "Man kann ein Charakter sein, aber das macht man nicht", meinte derBBC-Kommentator.

Später erging sich Kyrgios in einem kuriosen Dialog mit dem Schiedsrichter, als er ein Paar Socken ausziehen wollte. "Dafür musst du jetzt nicht sauer auf mich werden. [...] 'Rafa' (Anm.: Rafael Nadal) nimmt sich zwischen den Ballwechseln 30 Sekunden - jedes Mal. Und alles, was ich mache, ist meine Socken zu wechseln. Ich bin sicher, das versteht er (Anm.: sein Gegner Richard Gasquet). Willst du ihn fragen? 'Richie, Ich wechsle nur meine Socken'. Siehst du, für ihn ist das ok", sagt er zum Stuhlschiedsrichter, um wenige Sekunden später leise "unglaublich" in die andere Richtung zu murmeln.

Es war dies nicht das erste Mal im Turnierverlauf, dass der 20-Jährige mit seinem extrovertierten Verhalten für Aufsehen sorgte. Schon während seines Drittrunden-Matches gegen den Kanadier Milos Raonic war er nur haarscharf einer Disqualifikation entgangen, als er seinen Schläger mit voller Wucht auf den Boden schleuderte und dieser ins Publikum sprang. Verletzt wurde glücklicherweise niemand, ein Zuschauer reagierte gelassen und gab dem Australier sein Arbeitsgerät wieder zurück.

Zweifellos ist Nick Kyrgios mit einer großen Portion Talent ausgestattet, bewegt sich aber stets zwischen Genie und Wahnsinn. Auf Aufschläge mit Brachialgewalt, hammerharte Vorhandschläge und spektakuläres Tennis (siehe unten) folgen teils unverständliche Ausraster oder - siehe oben - schlichtweg Arbeitsverweigerung. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Schiedsrichter in seinem Erstrundenspiel gegen den Argentinier Schwartzman, den er in drei Sätzen abfertigte, waren deutlich die Worte "dreckiger Abschaum" zu vernehmen. Kyrgios wollte allerdings sich selbst gemeint haben und entging einer Strafe.

Egal, ob man ihn mag oder nicht. Kyrgios ist ein Showman, einer, der den Tenniszirkus belebt und für Schlagzeilen sorgt. Der Vergleich mit dem ehemaligen "Enfant terrible" John McEnroe ist naheliegend. Dieser hatte ihm im Vorjahr nach seinem Sieg über Nadal sogar den Turniersieg zugetraut. "Der letzte junge Spieler, bei dem ich das glaubte, war Boris Becker", sagte McEnroe damals.

Für den ganz großen Wurf fehlt es dem 20-Jährigen wohl noch an der nötigen Disziplin. Aber selbst ein Roger Federer hatte in jungen Jahren häufig mit Wutausbrüchen zu kämpfen.

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